Die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses leisten ihre Arbeit im Verborgenen. Zum 40-Jahr-Jubiläum aber gehen sie für einmal an die Öffentlichkeit. Sie tun dies mit einer eigens für diesen Anlass gestalteten Webseite, mit Instagram-Geschichten sowie einer Plakatausstellung, die im nächsten halben Jahr durch die Kantone St.Gallen und beide Appenzell tourt und in insgesamt zehn Gemeinden Halt macht.
Erste Station ist St.Gallen. Seit vergangenem Donnerstag sind auf dem Kornhausplatz vier Ständer mit acht Schwarz-Weiss-Porträts aufgestellt.
Die Geschiche wiederholt sich
Die Plakate zeigen Frauen und Kinder in unterschiedlichen Situationen, die aber allesamt das Thema «Beschützt» aufgreifen, wie die Schwangere, die ihre Hände liebevoll und besorgt auf ihren Bauch legt, das Kind, das mit Kreide auf den Boden «Mama» schreibt, oder die junge Frau, die sich die Hände am heissen Getränk wärmt und nachdenklich aus dem Fenster schaut.
Gut beschützt. (Bilder: Franziska Messner-Rast)
«Es sind keine Klientinnen von uns auf den Plakaten zu sehen», sagt Silvia Vetsch, die Leiterin des Frauenhauses, «es sind Models. Die Aufnahmen wurden aber in der Stadt und Region St.Gallen gemacht. Eine ist beispielsweise bei der Lokremise entstanden, eine andere in einer Unterführung beim Bahnhof.» Fotografiert hat die bekannte St.Galler Fotografin Franziska Messner-Rast.
Die Ausstellung tourt durch die Ostschweiz. Stationen: St.Gallen bis 13. November, Wil bis 7. Dezember, danach Rapperswil-Jona, Sargans, Buchs, Wattwil, Herisau, Appenzell, Altstätten und Rorschach.
frauenhaus-stgallen.ch Jubiläumswebsite: www.frauenhaus.sg Instagram: frauenhaus.sg
Begleitet wird die Plakatausstellung von Standaktionen, an denen auch Frauenhaus-Mitarbeiterinnen vor Ort sind. Solche Standaktionen gab es bereits vor 40 Jahren, und sie zeigen: Die Geschichte wiederholt sich. «Die Gründerinnen haben mir einmal erzählt, dass ihnen damals ältere Frauen heimlich Zehner- und Zwanzigernoten zugesteckt hätten», sagt Silvia Vetsch. Am Stand in St.Gallen sei ihr dann aufgefallen, dass dies heute noch geschehe. «Zwei ältere Frauen wollten nichts weiter als jeweils 20 Franken in die Spendenbox werfen.»
Corona ist spürbar
40 Jahre: Ein Grund zum Feiern ist das nicht. Als das Frauenhaus St.Gallen 1980 eröffnet wurde, hatten die Gründerinnen nur ein Ziel: dass es irgendwann überflüssig wird. Das ist bis heute nicht geschehen. Das Frauenhaus als Anlaufstelle für gewaltbetroffene Frauen und Kinder ist weit weg vom Überflüssigsein und heute genauso wichtig wie damals.
Silvia Vetsch, Leiterin des Frauenhauses, und Mitarbeiterin Lilian Keller bei der Eröffnung der Plakatausstellung. (Bild: Marion Loher)
Dies zeigt sich gerade auch wieder im Jahr der Corona-Pandemie. Ende März, als in der Schweiz das Leben auf das Nötigste heruntergefahren wurde und massive Ausgangsbeschränkungen galten, hatte das Frauenhaus innerhalb weniger Tage mehrere Eintritte und war nach kurzer Zeit bereits voll. Geschäftsleiterin Silvia Vetsch sagte damals, dass sich die Situation der Frauen zu Hause wegen der räumlichen Nähe, dem Stress bei der Arbeit oder existenziellen Ängsten zugespitzt habe oder deswegen gar eskaliert sei.
Nach einer leichten Entspannung über den Sommer nimmt die Nachfrage seit zwei Wochen wieder zu. «Zurzeit haben wir noch wenige Plätze frei», sagt Silvia Vetsch. Ob es einen Zusammenhang mit den verschärften Massnahmen des Bundes gibt, kann sie momentan nicht sagen. «Das wird sich in den nächsten Wochen zeigen.»
Mit 7000 Franken gestartet
Das Frauenhaus St.Gallen entstand in einer Zeit, in der die Frauenbefreiungsbewegung immer grössere Wellen schlug. In verschiedenen Schweizer Städten wurden autonome Frauengruppen gegründet, so auch in St.Gallen. Aus dieser heraus bildete sich die Gruppe «Gewalt gegen Frauen», die 1979 in einer Wohnung in der Stadt eine Beratungsstelle für misshandelte Frauen eröffnete.
Jeweils am Dienstagnachmittag boten Frauen der Arbeitsgruppe unentgeltliche Beratungen an, wie es in der Geschichte des Frauenhauses heisst. «Die Beratungsstelle lief gut, gleichzeitig zeigte sich aber, dass Frauen und Kinder in einer akuten Bedrohungssituation einen Zufluchtsort brauchten.»
Im November desselben Jahres richtete die Arbeitsgruppe die erste Notwohnung für misshandelte Frauen und Kinder ein. Miete und Unterhaltskosten teilten sich die Frauen der Arbeitsgruppe auf. Im darauffolgenden März wurde der «Verein zum Schutz misshandelter Frauen» gegründet und kurze Zeit später – mit lediglich 7000 Franken in der Kasse – das Frauenhaus eröffnet.
Es ist nach Zürich und Genf das dritte Frauenhaus in der Schweiz. «Bereits am Eröffnungstag suchten die ersten Frauen mit ihren Kindern Schutz und Unterkunft.» Nach der medialen Bekanntmachung sei das Frauenhaus von Schutzsuchenden «überrollt» worden. Ein treuer Begleiter war in den ersten zehn Jahren vor allem das fehlende Geld, so dass Mitarbeiterinnen oft Gratisarbeit leisteten.
In den vergangenen 40 Jahren fanden rund 2800 Frauen und 2900 Kinder Zuflucht und Schutz im Frauenhaus – unabhängig von Nationalität, Einkommen, Alter und Religion. Ihnen stehen Beraterinnen aus den Fachgebieten Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Psychologie zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Seite. Alle Mitarbeiterinnen unterstehen der Schweigepflicht, die Adresse des Frauenhauses ist zum Schutz der Hilfesuchenden geheim.
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