«Die WOZ lebt. Als Zeitung wie als Genossenschaft»: So bilanziert Stefan Howald, selbst WOZ-Redaktor, am Ende seines Buches. Und das ist keine Selbstverständlichkeit. In seiner mittlerweile bald 40-jährigen Geschichte hat das Linksblatt zahlreiche Krisen überlebt. Mehrmals stand es am Abgrund – um dann doch von einem treuen Leserkreis in letzter Sekunde gerettet zu werden. Originelle Hilferufe wie «Eine Million mit links» oder ganz schlicht «Gebt uns Geld!» rührten die Gemüter und öffneten die Portemonnaies. Just heute, im Zeitalter des Zeitungssterbens, geht es der WOZ so gut wie nie. Sie ist wirtschaftlich gesichert, kann anständige Löhne bezahlen (5000 Franken plus Gratifikation) und ist beim Publikum etabliert.
Die WOZ bei Saiten
Buchvorstellung und Diskussion mit Stefan Howald, Susan Boos, Luca Ghiselli und Peter Surber: Donnerstag, 21. Juni, 19.30 Uhr im Kulturkonsulat an der Frongartenstrasse 9 in St.Gallen
Und sie ist immer noch links. Die WOZ ist der mediale Sonderfall Schweiz. Wie kam das? Wohl nicht einmal die Redaktion selbst hat eine schlüssige Antwort darauf. Als sie im Oktober 1981 startete, im Jahr zwei nach den Jugendunruhen, gab es noch linke Konkurrenz: den «Tell», das «konzept» aus der Studentenszene, das Theorieorgan «Widerspruch» oder auch die verschiedenen SP-Blätter. Alle gingen ein, nur die WOZ nicht (auch der «Widerspruch» existiert noch). Lag es an einem Kollektiv, das entschlossen war, fortan allwöchentlich die Schweizer Medienszene aufzumischen? Lag es an Geldgebern aus gutem Hause wie Filippo Leutenegger, der damals im Gründerteam war und heute als Zürcher FDP-Stadtrat gegen chinesische Velos kämpft? An der politischen Aufbruchsstimmung jener Jahre? Oder an allem zusammen?
Brief von Niklaus Meienberg an die «WOZ-Belegschaft (in ihrer Gänze)», Oktober 1988
Sicher verhalfen zwei Starschreiber dem neuen Blatt zu Renommee: Niklaus Meienberg und Jürg Frischknecht. Beide waren nicht direkt Mitglied der Redaktion, ihr aber persönlich und politisch eng verbunden, sei es als rastlose Debattierer oder als Meister ihres Fachs. Sie garantierten dem Blatt nationale Aufmerksamkeit, mit journalistisch-literarischen Glanzstücken sowie mit spektakulären Recherchen. Das hob die WOZ weit über die linksalternative Szene hinaus. Auch Literaturgrössen wie Max Frisch unterstützten das oppositionelle Medienprojekt von Anfang an.
Debattierfreude und ein Schuss Anarchie
Die beschwerliche Tagesarbeit musste die Redaktion allerdings selber leisten. Leicht fiel dies nicht. Denn das Konzept eines nicht bloss beobachtenden, sondern teilnehmend-intervenierenden Journalismus öffnet ein weites Feld für politische Deutungskämpfe. Anfangs stand oft mehr Ideologie und Meinungskampf denn Recherche und Investigation im Vordergrund. Dem Publikum blieb so manch verquaster Debatte über Klassenkampf, antiimperialistische Solidarität und revolutionäre Strategie nicht erspart.
WOZ-Redaktionssitzung an der Weinbergstrasse 31 in Zürich, 1982 (Bild: Gertrud Vogler)
Es machte aber gerade die Qualität der WOZ aus, dass sie deswegen nicht in den Mainstream abdriftete. Bis auf den heutigen Tag blieb sie einem linken Standpunkt im weiteren Sinne treu. In den besten Momenten prägte die WOZ den intellektuellen Diskurs der Schweiz, etwa beim Kulturboykott zur 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft oder bei der Realismusdebatte in der Literatur. Mit ihrer fundamentalen Kritik am Fichen- und Überwachungsstaat oder an der Flüchtlingspolitik war und ist sie eine Stimme von Gewicht. Und vielfach beeindruckte sie auch mit journalistischen Sonderleistungen, teils finanziert über einen speziellen Recherchefonds. Zuletzt waren dies die Grossreportagen über das Flüchtlingselend im Mittelmeer («Mission Mittelmeer»), die Umtriebe des Islamischen Zentralrats («Die Jihadisten von Bümpliz») oder der Kokainreport über Zürich («1,7 Kilo pro Tag).
Über sich selbst wächst die WOZ immer dann hinaus, wenn sie Themen auf unkonventionelle Art aufgreift und Ideen mit einem Schuss anarchistisch-dadaistischer Verve umsetzt. So 1987 mit der sprachlich total feminisierten WOZ, die mit Hilfe von Luise F. Pusch produziert wurde, 2012 mit der Gold-WOZ «Die 300 Reichsten (wollen nicht teilen)», eine durchaus ernste Persiflage auf die Schweizer Oligarchie, oder mit der Geheim-WOZ 2013, wo die Redaktion Geheimdienst-Chef Markus Seiler beschattete und damit die kritische Frage stellte, wer denn eigentlich die Überwacher überwacht. Solche Ideen wären in anderen Redaktionen nur milde belächelt und schnell wieder vergessen worden. Sie bieten jeweils auch Anlass für ausgiebigen Lesespass neben der tiefgründigen Analyse. Etwas, das sonst in der Schwerarbeit an politischen Positionsbezügen eher zu kurz kommt. Oder dann in satirisch grundierte Randkolumnen wie «Die Welt spinnt» oder «Fragen Sie Dr. Monster» verbannt wurde.
Panorama der kritischen Schweiz
Dank der Einbettung der WOZ-Geschichte ins Zeitgeschehen schildert Howald weit mehr als nur den Aufstieg einer Oppositionszeitung. Er skizziert die linken Debatten und Kontroversen um die epochalen Umbrüche der jüngeren Vergangenheit und malt so ein breites Panorama der kritischen Schweiz seit den Zürcher Jugendunruhen. Auch mit all den Irrungen und Wirrungen. Symptomatisch ist wohl die aus heutiger Sicht recht bizarr anmutende Debatte um die Anschaffung von neuen Satzcomputern im Jahr 1986. Diese artete in einen überideologisierten Redaktionskonflikt aus. Man stritt sich um Computerherrschaft und Entfremdung. Heute lachen alle darüber. Aber der Streit wirft ein Schlaglicht auf die notorische Technikfeindlichkeit von Teilen der Linken.
Stefan Howald: Links und bündig. WOZ Die Wochenzeitung. Eine alternative Mediengeschichte, Rotpunktverlag Zürich 2018, CHF 39.-
Im stattlichen, 320-seitigen Werk mit 30-seitigem Anhang erteilt Howald eine ausgreifende Lektion in Schweizer Zeitgeschichte aus linker Warte. Wobei die Bundespolitik eher kurz angebunden bleibt. Das hat damit zu tun, dass die WOZ über viele Jahre hinweg der institutionellen Politik skeptisch gegenüberstand und es unterliess, entsprechende Kompetenzen aufzubauen. Dasselbe liesse sich auch bezüglich anderer Themenfelder wie Wirtschaft, Gewerkschaften, Sport oder gar Kunst sagen. Sie blieben lange unterbelichtet. Man erging sich lieber in epischer Kapitalismuskritik und beklagte die Anpasserei der Reformlinken.
Irgendwann wurde auch dies langweilig. Heute hat es der Fussball in die WOZ-Spalten geschafft, wenn auch nicht in Form von Spielanalysen aus der Champions League. Und auch Arbeitnehmende in Fabriken kommen wieder vor, wie in Meienbergs legendären Fabrikreportagen, die seinerzeit in der WOZ zu lesen waren.
In extenso beleuchtet Howald die Mühen eines basisdemokratisch operierenden Kollektivs, mit seinen informellen Hierarchien und einer Chefredaktion, die keine war und auch keine sein wollte. Hier wird das Innenleben einer debattierfreudigen Redaktion seziert. Aussenstehende mögen dies mit Kopfschütteln quittieren. Doch trotz allen Krächen, Abgängen, Spaltungen und Versöhnungen funktionierten Redaktion und Genossenschaft immer. Nie fiel eine WOZ aus.
Frontseite der ersten WOZ, Oktober 1981
Heute arbeitet man nicht mehr in Hinterzimmern am Waffenplatz, sondern in Grossraumbüros beim Escher-Wyss-Platz. Der Betrieb ist professionalisiert, ein gewisses Chaos ist geblieben. Wer bei der WOZ arbeitet, verzichtet auf grossen Verdienst, profitiert aber von viel Autonomie und muss dafür manchmal einige Nerven liegen lassen. Howalds Fazit, dass die WOZ lebt und nicht nur überlebt, ist ein Zeichen der Stärke des Printmediums selbst in Zeiten der Digitalisierung. Wie lange dies noch andauert, bleibt offen. In Sachen Webpräsenz hat die WOZ Nachholbedarf. Da stehen die nächsten Debatten bevor. Doch eines ist gewiss: Fast 40 Jahre lang den Kurs in stürmischer See gehalten zu haben, das muss dem WOZ-Kollektiv erst mal jemand nachmachen.
Ralph Hug, 1954, ist freier Journalist in St.Gallen. Er schrieb viele Jahre für die WOZ als Korrespondent.
Dieser Text erschien im Maiheft von Saiten
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Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
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Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
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«Open House St.Gallen»