Kategorie
Autor:innen
Jahr

400 Jahre gut bei Stimme

Beinah ungebrochene Singtradition seit 1620: Damit ist der Oratorienchor St.Gallen einer der ältesten Gesangsvereine schweizweit. Zum Jubiläum erscheint ein Buch, Vernissage ist heute abend.
Von  Peter Surber

Als sich acht St.Galler Gymnasiasten im Jahr 1620 daran machten, das Collegium musicum civitatis sangallensis zu gründen, hatte in Europa der Dreissigjährige Krieg begonnen. Ein paar Jahre später machte eine Pestepidemie der Musiziererei beinah ein vorschnelles Ende. Zum 200-Jahr-Jubiläum war die alte Stadtrepublik verschwunden und mit ihr die feudalen und konfessionellen Korsetts gelockert – einige Jahre später sang erstmals ein Katholik im bis dahin strikt protestantischen Verein mit. 1920 fiel die 300-Jahr-Feier wegen der Grippeepidemie aus.

Das Sängerhüsli auf dem Bohl, erstes Probelokal des Collegium musicum.

Die Geschichte des Oratorienchors St.Gallen, wie er heute heisst, ist geprägt von diversen Namenswechseln, Fusionen, Beinah-Untergängen und chorischen Glanzzeiten. Als Collegium musicum gegründet und fast zweihundert Jahre lang ein Klub bürgerlicher Männer, schloss er sich mit einem zweiten Collegium 1806 zur Musikgesellschaft auf der Altschneiderzunft zusammen, taufte sich 1820 in Singgesellschaft zum Antlitz um, vereinigte sich 1896 mit dem Stadtsängerverein, der seinerseits die Männerchöre Concordia und Liedertafel umfasst, und mit dem Frohsinn zum Stadtsängerverein-Frohsinn und heisst seit 2003 Oratorienchor. Jetzt erzählt ein Buch die vier Jahrhunderte Chor- und Stadtgeschichte nach: ein farbiges Zeitbild.

Langsame Annäherung an die Damen

Im Lauf des 19. Jahrhunderts bildeten die Frauen erstmals einen (zwar lange noch separaten und vom Männervorstand abhängigen) Damenchor innerhalb der Singgesellschaft – den konfliktreichen Gender-Entwicklungen widmet das Buch ein eigenes Kapitel. Reibungen gab es noch bis ins 20. Jahrhundert auch mit Chormitgliedern, denen «zuviel Katholisches» in den Palmsonntagskonzerten gesungen wurde.

Und Dauerthema über all die Jahrhunderte scheint die Probendisziplin gewesen zu sein – bereits in den «Leges» der Chorgründer 1620 wurden Geldstrafen für verspätetes Kommen oder Nichterscheinen festgelegt, zwischendurch versuchte man den Probenbetrieb durch Bewirtung anzukurbeln; die Proben, anfangs mehrmals wöchentlich, fanden teils nur noch einmal im Monat statt, und umgekehrt gab es Ehrungen wie für Veteran Emil Vonwiller, der 1930 eine Torte mit der Aufschrift «20 Jahre unfehlbar» erhielt.

Am Puls der Musikgeschichte

Die Popularisierung des Chorwesens im 19. Jahrhundert beflügelte auch die Singgesellschaft zum Antlitz: Sie spannte mit den aufblühenden appenzellischen Chören zusammen, organisierte eidgenössische Sängerfeste, sang mit Inbrunst deutsches Liedgut unter dem Chormotto «Schneidige Wehr, blank die Ehr, Lied zum Geleit gibt Gott allzeit» – und konzentrierte sich zugleich mehr und mehr auf das geistliche oratorische Repertoire. Die Programmierung bewegte sich nah am Puls der europäischen Musikgeschichte. Rossinis Stabat mater erklang 1843 nur ein Jahr nach der Uraufführung bereits in St.Laurenzen, auch Mendelssohns Oratorien Paulus und Elias standen kurz nach ihrer Entstehung auf dem Programm. 1854 rief der Chor mit den Palmsonntagskonzerten eine bis heute andauernde Tradition ins Leben.

Der Oratorienchor in St.Laurenzen, rechts aussen Dirigent Uwe Münch.

Was damals modern war, gehört heute zum Kanon und prägt die Konzerttätigkeit des Chors: Seit 1896 erklang allein Bachs Matthäuspassion 15 mal in den Palmsonntagskonzerten, die Johannespassion und das Brahms-Requiem 10 mal; die Best-of-Liste der Mehrfachaufführungen nennt weiter Beethovens Missa solemnis, Haydns Schöpfung, Verdi, Händel, Mozart und, als einzigen gemässigt modernen Schweizer Komponisten, Hermann Suters Le Laudi mit vier Aufführungen. Die Kehrseite dieser Kanonisierung ist eine «allgemeine Abneigung gegen moderne Werke», wie 1957 eine Publikumsumfrage zum hundertsten Palmsonntagskonzert ergab. Unbekanntes und Neues bleibt bis heute für Chöre riskant, auch finanziell; dennoch brachte insbesondere der langjährige Dirigent Eduard Meier immer wieder auch zeitgenössische Musik aufs Podest, bis hin zu Schönberg, Britten oder Bernd Alois Zimmermann.

Ein ausführlicher Beitrag des Musikwissenschaftlers Emanuel Signer analysiert das Repertoire des Chors von den Anfängen im 17. Jahrhundert bis heute im Umfeld der Musikgeschichte. Die jüngere Chorgeschichte erzählen Zeitzeugen, darunter die Dirigenten Eduard Meier und Uwe Münch.

Eine Zwicker-Uraufführung zum Jubiläum

«Aussergewöhnlich – lebendig – verankert»: So charakterisiert das Jubiläumsbuch den 400jährigen Chor. Für die heutige Identität des Chors seien natürlich die Palmsonntagskonzerte und damit die bewusste Pflege der Repertoire-Tradition zentral, sagten Buchautor Rudolf Buchmann und Präsidentin Ursula Frey am Medienanlass zum Jubiläumsjahr. Zum Profil des Chors gehöre jedoch auch die Gegenwart. Das Jubiläumskonzert am Palmsonntag 2020 vereinigt diese beiden Stränge: Neben dem Brahms-Requiem hat der Chor beim St.Galler Komponisten Alfons K. Zwicker eine Komposition in Auftrag gegeben. Zwicker vertont Texte von Nelly Sachs – im Buch gibt er ausführliche Auskunft über den Entstehungsprozess des Werks mit dem Titel Ohr der Menschheit, würdest du hören?

Rudolf Buchmann u.a.: Aussergewöhnlich – legendig – verankert: 400 Jahre Oratorienchor St.Gallen, VGS St.Gallen 2020, Fr. 35.-

Buchvernissage: 20. Januar, 19 Uhr, Kirche St.Laurenzen St.Gallen

Palmsonntagskonzert: 4. und 5. April, St.Laurenzen St.Gallen

Das Jubiläumsbuch ist eine Fundgrube der Chor- wie der Stadtgeschichte, gekrönt von einem «Zeitstrahl», der das Chorgeschehen in einen chronologischen Kontext einerseits mit der europäischen Musikgeschichte und andrerseits mit weiteren historischen Ereignissen stellt. Dazu kommen reichhaltige Illustrationen aus dem Archiv des Vereins und dem Historischen Museum, darunter Fahnen, Pokale, Dokumente der Chorreisen, Plakate und allen voran das «Ehrenbuch», in dem das Chorgeschehen prachtvoll dokumentiert ist. Einzelne Objekte zeigt die Vadiana in einer Ausstellung im September.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579