, 20. Januar 2020
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400 Jahre gut bei Stimme

Beinah ungebrochene Singtradition seit 1620: Damit ist der Oratorienchor St.Gallen einer der ältesten Gesangsvereine schweizweit. Zum Jubiläum erscheint ein Buch, Vernissage ist heute abend.

Als sich acht St.Galler Gymnasiasten im Jahr 1620 daran machten, das Collegium musicum civitatis sangallensis zu gründen, hatte in Europa der Dreissigjährige Krieg begonnen. Ein paar Jahre später machte eine Pestepidemie der Musiziererei beinah ein vorschnelles Ende. Zum 200-Jahr-Jubiläum war die alte Stadtrepublik verschwunden und mit ihr die feudalen und konfessionellen Korsetts gelockert – einige Jahre später sang erstmals ein Katholik im bis dahin strikt protestantischen Verein mit. 1920 fiel die 300-Jahr-Feier wegen der Grippeepidemie aus.

Das Sängerhüsli auf dem Bohl, erstes Probelokal des Collegium musicum.

Die Geschichte des Oratorienchors St.Gallen, wie er heute heisst, ist geprägt von diversen Namenswechseln, Fusionen, Beinah-Untergängen und chorischen Glanzzeiten. Als Collegium musicum gegründet und fast zweihundert Jahre lang ein Klub bürgerlicher Männer, schloss er sich mit einem zweiten Collegium 1806 zur Musikgesellschaft auf der Altschneiderzunft zusammen, taufte sich 1820 in Singgesellschaft zum Antlitz um, vereinigte sich 1896 mit dem Stadtsängerverein, der seinerseits die Männerchöre Concordia und Liedertafel umfasst, und mit dem Frohsinn zum Stadtsängerverein-Frohsinn und heisst seit 2003 Oratorienchor. Jetzt erzählt ein Buch die vier Jahrhunderte Chor- und Stadtgeschichte nach: ein farbiges Zeitbild.

Langsame Annäherung an die Damen

Im Lauf des 19. Jahrhunderts bildeten die Frauen erstmals einen (zwar lange noch separaten und vom Männervorstand abhängigen) Damenchor innerhalb der Singgesellschaft – den konfliktreichen Gender-Entwicklungen widmet das Buch ein eigenes Kapitel. Reibungen gab es noch bis ins 20. Jahrhundert auch mit Chormitgliedern, denen «zuviel Katholisches» in den Palmsonntagskonzerten gesungen wurde.

Und Dauerthema über all die Jahrhunderte scheint die Probendisziplin gewesen zu sein – bereits in den «Leges» der Chorgründer 1620 wurden Geldstrafen für verspätetes Kommen oder Nichterscheinen festgelegt, zwischendurch versuchte man den Probenbetrieb durch Bewirtung anzukurbeln; die Proben, anfangs mehrmals wöchentlich, fanden teils nur noch einmal im Monat statt, und umgekehrt gab es Ehrungen wie für Veteran Emil Vonwiller, der 1930 eine Torte mit der Aufschrift «20 Jahre unfehlbar» erhielt.

Am Puls der Musikgeschichte

Die Popularisierung des Chorwesens im 19. Jahrhundert beflügelte auch die Singgesellschaft zum Antlitz: Sie spannte mit den aufblühenden appenzellischen Chören zusammen, organisierte eidgenössische Sängerfeste, sang mit Inbrunst deutsches Liedgut unter dem Chormotto «Schneidige Wehr, blank die Ehr, Lied zum Geleit gibt Gott allzeit» – und konzentrierte sich zugleich mehr und mehr auf das geistliche oratorische Repertoire. Die Programmierung bewegte sich nah am Puls der europäischen Musikgeschichte. Rossinis Stabat mater erklang 1843 nur ein Jahr nach der Uraufführung bereits in St.Laurenzen, auch Mendelssohns Oratorien Paulus und Elias standen kurz nach ihrer Entstehung auf dem Programm. 1854 rief der Chor mit den Palmsonntagskonzerten eine bis heute andauernde Tradition ins Leben.

Der Oratorienchor in St.Laurenzen, rechts aussen Dirigent Uwe Münch.

Was damals modern war, gehört heute zum Kanon und prägt die Konzerttätigkeit des Chors: Seit 1896 erklang allein Bachs Matthäuspassion 15 mal in den Palmsonntagskonzerten, die Johannespassion und das Brahms-Requiem 10 mal; die Best-of-Liste der Mehrfachaufführungen nennt weiter Beethovens Missa solemnis, Haydns Schöpfung, Verdi, Händel, Mozart und, als einzigen gemässigt modernen Schweizer Komponisten, Hermann Suters Le Laudi mit vier Aufführungen. Die Kehrseite dieser Kanonisierung ist eine «allgemeine Abneigung gegen moderne Werke», wie 1957 eine Publikumsumfrage zum hundertsten Palmsonntagskonzert ergab. Unbekanntes und Neues bleibt bis heute für Chöre riskant, auch finanziell; dennoch brachte insbesondere der langjährige Dirigent Eduard Meier immer wieder auch zeitgenössische Musik aufs Podest, bis hin zu Schönberg, Britten oder Bernd Alois Zimmermann.

Ein ausführlicher Beitrag des Musikwissenschaftlers Emanuel Signer analysiert das Repertoire des Chors von den Anfängen im 17. Jahrhundert bis heute im Umfeld der Musikgeschichte. Die jüngere Chorgeschichte erzählen Zeitzeugen, darunter die Dirigenten Eduard Meier und Uwe Münch.

Eine Zwicker-Uraufführung zum Jubiläum

«Aussergewöhnlich – lebendig – verankert»: So charakterisiert das Jubiläumsbuch den 400jährigen Chor. Für die heutige Identität des Chors seien natürlich die Palmsonntagskonzerte und damit die bewusste Pflege der Repertoire-Tradition zentral, sagten Buchautor Rudolf Buchmann und Präsidentin Ursula Frey am Medienanlass zum Jubiläumsjahr. Zum Profil des Chors gehöre jedoch auch die Gegenwart. Das Jubiläumskonzert am Palmsonntag 2020 vereinigt diese beiden Stränge: Neben dem Brahms-Requiem hat der Chor beim St.Galler Komponisten Alfons K. Zwicker eine Komposition in Auftrag gegeben. Zwicker vertont Texte von Nelly Sachs – im Buch gibt er ausführliche Auskunft über den Entstehungsprozess des Werks mit dem Titel Ohr der Menschheit, würdest du hören?

Rudolf Buchmann u.a.: Aussergewöhnlich – legendig – verankert: 400 Jahre Oratorienchor St.Gallen, VGS St.Gallen 2020, Fr. 35.-

Buchvernissage: 20. Januar, 19 Uhr, Kirche St.Laurenzen St.Gallen

Palmsonntagskonzert: 4. und 5. April, St.Laurenzen St.Gallen

Das Jubiläumsbuch ist eine Fundgrube der Chor- wie der Stadtgeschichte, gekrönt von einem «Zeitstrahl», der das Chorgeschehen in einen chronologischen Kontext einerseits mit der europäischen Musikgeschichte und andrerseits mit weiteren historischen Ereignissen stellt. Dazu kommen reichhaltige Illustrationen aus dem Archiv des Vereins und dem Historischen Museum, darunter Fahnen, Pokale, Dokumente der Chorreisen, Plakate und allen voran das «Ehrenbuch», in dem das Chorgeschehen prachtvoll dokumentiert ist. Einzelne Objekte zeigt die Vadiana in einer Ausstellung im September.

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