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Ab auf die andere, bessere Erde

3. November: Das Datum hat es in sich. Es ist der Tag, an dem in der Erzählung «Traum eines lächerlichen Menschen» von Fjodor Dostojewski Entscheidendes passiert. Was und mit welchen Folgen: Das kann man in der neuen Produktion der St.Galler Kellerbühne erleben.
Von  Peter Surber

Für literarisches Theater gibt es in St.Gallen erfreulicherweise mehr als eine Adresse: das Parfin de siècle, das Theater 111 und die Kellerbühne. In letzterer hockt Schauspieler und Theaterleiter Matthias Peter auf einem simplen Stuhl, Lehne nach vorn – und hebt ab ins Weltall. So will es die Textvorlage, die fantastische Erzählung Der Traum eines lächerlichen Menschen des russischen Dichters Fjodor Dostojewski. 

Der namenlose Ich-Erzähler, der «lächerliche Mensch», ist seines Lebens und der ganzen Welt überdrüssig. Alles ist ihm egal, bis er am Nachthimmel an jenem 3. November einen Stern entdeckt. Zuerst will er sich erschiessen, einen «schönen Revolver» hat er zur Hand, aber die Begegnung mit einem Kind hält ihn nochmal vom Selbstmord ab. Stattdessen schläft er ein, fliegt im Traum hinaus ins Weltall und auf jenen Stern: eine andere, zweite Erde.

Dort herrscht das goldene Zeitalter, glücklich und frei von Sünde und Sorge leben die Bewohner der Idealwelt – bis zur Ankunft des Fremden, der sie mit der «Sünde» infiziert beziehungsweise mit all den Schlechtigkeiten der modernen Welt. Lüge, Wollust, Eifersucht, Grausamkeit, Gewalt, Scham breiten sich aus, und die Bewohner der Anderswelt erinnern sich schon bald kaum noch daran, «dass sie einmal glücklich gewesen waren». Doch auch für den «lächerlichen Menschen» geht die Geschichte übel aus – wenn auch nur im Traum.

Kellerbühne St.Gallen, 3., 4. November, Zusatzvorstellungen 14., 16., 17. November

kellerbuehne.ch

Der 1877 erschienene Monolog habe ihn auf Anhieb formal angesprochen, sagt Matthias Peter – als idealer Solo-Text. Inhaltlich sei es jedoch nicht «Liebe auf den ersten Blick» gewesen. Der Nihilismus des Erzählers oder die religiösen Bezüge, die bei Dostojewski unüberhörbar sind, warfen Fragen auf.

Peters Bühnenpartner Daniel Pfister, der bei dieser Produktion Regie führt, war hingegen von Beginn weg überzeugt vom Text und hingerissen von dessen Zivilisationskritik, die es sich nie einfach mache, sondern gesellschaftliche Entwicklungen analysiere, die bis heute aktuell sind. «Missionarisch» sollte das Stück auf keinen Fall werden; eine karge Bühne, wenige Requisiten und ein klares Lichtkonzept sorgen für eine lakonische Inszenierung, in deren Zentrum das Wort steht: Dostojewskis grandioser und vom Schauspieler souverän gemeisterter Text.

Mit dem «lächerlichen Menschen» knüpft Matthias Peter an frühere, nicht minder kontroverse Bühnengestalten an, etwa den Bartleby aus dem gleichnamigen Roman von Hermann Melville, der zu einer Erfolgsproduktion des Theaters wurde.

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

 

 

 

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