Sie könnten kaum gegensätzlicher sein. Ann, gestandene Augenärztin, kontrolliert bis zur Verschlossenheit, und die direkte, laute Sara, die einmal im Monat in einer Kneipe ihre Show abzieht: «Saras Word». Der Club heisst Heartship, den Abend organisiert ein feministischer Verein mit dem Namen Gynta e.V., der Feind ist klar: das Patriarchat.
Bei der Probe zum Stück Heartship der deutschen Autorin Caren Jess, gut zwei Wochen vor der Premiere in der Kellerbühne, legt Eva Maropoulos gleich los. «Also, das war so: Ich auf der Bühne …»: So stellt sie sich als Sara dem Publikum vor. Es folgt eine wütende Tirade auf die Frauen, die sich ihre Egotrips als Selbstoptimierung schönreden und dem Patriarchat auf den Leim kriechen. Was sie will, ist «dieses Leben, in geil» – alle Widersprüche inklusive.
«Ich fand sie gut», kommentiert Ann Saras Auftritt – aber als sich die beiden dann zufällig beim Aerobic-Training treffen, wagt sie es nicht, Sara anzusprechen. Boglárka Horváth beherrscht die Beklemmung, die verdunkelten Töne, die zu dieser in sich gefangenen Ann passen: Eine erfolgreiche Berufsfrau, die sich im Versteckten die Haut aufkratzt, erfährt man im Lauf des Stücks. Als Jugendliche ist sie vergewaltigt worden, das Trauma äussert sich als Skin Picking, medizinisch «Dermatillomanie». Und der Alptraum ist nicht vorbei – ein Kollege belästigt sie bei der Arbeit, sie kann nicht reagieren, erstarrt.
Weg zur Selbstermächtigung
Heartship, vor gut einem Jahr am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt, ist in einer Zeit täglicher Epstein-Schlagzeilen rasend aktuell. Die Antwort der jungen, in Dresden lebenden Autorin und ihrer rotzfrechen Sara-Figur ist entsprechend gnadenlos. Mit den Männern ist Schluss, diesen himmeltraurigen Pimmelbacken mit ihrem erbärmlichen Sperma. Die Frauen hauen ab, Lysistrata würde sich freuen, überlassen das Scheisspatriarchat seinem Schicksal. «Ausgestorben – danke schön!»
In ihrer Show lässt Sara lustvoll all die Parolen aus der Blütezeit des männerfressenden Feminismus noch einmal hochleben – ein eher irritierendes Déja-vu. Zwischen den beiden Frauen geht es umso differenzierter, mit psychologischen und poetischen Zwischentönen zu und her. Sara ist für Ann die Katalysatorin, einen selbstermächtigenden Umgang mit ihrem Trauma zu finden. «Wie man Ohnmacht zu Macht verändern kann»: So umschreibt Schauspielerin Boglárka Horváth die Metamorphose, die Ann durchmacht. Und die auch in Sara neue Seiten zum Vorschein bringt.
Wut und Witz
Aus dem Garderobenschrank mitten auf der Bühne packt die Inszenierung in hohem Tempo witzige, scharfzüngige, kluge, mal auch plakative Szenen aus. «Ich finde verbale Aggression total spannend, Sprache als Mittel, sich zur Wehr zu setzen», hat die Autorin in einem Interview gesagt. Wut und Ernst – daneben hat aber auch der Humor Platz im «Heartship» der beiden Frauen. Sie hätten bei der Probenarbeit viel gelacht, sagen die Spielerinnen und bestätigt Regisseur Matthias Peter. Für ihn ist die Produktion das vorläufig letzte Ensemblestück, das er in der Kellerbühne inszeniert. Und eine «Herzensangelegenheit», wie er selber sagt: wegen der brisanten Thematik, aber auch wegen der Qualität des Textes, der einen sofort reinziehe.
Am Ende segeln die Frauen bildhaft aufs offene Meer hinaus. Aber zuvor schreiten sie zur politischen Tat: Sie reissen das geltende Sexualstrafrecht samt seinen fatalen Sympathien für die Tätermänner in Fetzen und proklamieren, welche Strafe Sexualtätern einzig angemessen wäre: «Faust in die Fresse und ab in den Knast.»
Heartship: Mittwoch, 4. März, 20 Uhr (Premiere), Kellerbühne, St.Gallen; weitere Vorstellungen bis 22. März.