Ab in den Knast

In Heartship kommen sich zwei Frauen näher und proben den Aufstand gegen sexualisierte Gewalt. Boglárka Horváth und Eva Maropoulos spielen, Matthias Peter inszeniert zum vorerst letzten Mal in der St.Galler Kellerbühne.

Sie könn­ten kaum ge­gen­sätz­li­cher sein. Ann, ge­stan­de­ne Au­gen­ärz­tin, kon­trol­liert bis zur Ver­schlos­sen­heit, und die di­rek­te, lau­te Sa­ra, die ein­mal im Mo­nat in ei­ner Knei­pe ih­re Show ab­zieht: «Sa­ras Word». Der Club heisst He­art­ship, den Abend or­ga­ni­siert ein fe­mi­nis­ti­scher Ver­ein mit dem Na­men Gyn­ta e.V., der Feind ist klar: das Pa­tri­ar­chat.

Bei der Pro­be zum Stück He­art­ship der deut­schen Au­torin Ca­ren Jess, gut zwei Wo­chen vor der Pre­mie­re in der Kel­ler­büh­ne, legt Eva Maropou­los gleich los. «Al­so, das war so: Ich auf der Büh­ne …»: So stellt sie sich als Sa­ra dem Pu­bli­kum vor. Es folgt ei­ne wü­ten­de Ti­ra­de auf die Frau­en, die sich ih­re Ego­trips als Selbst­op­ti­mie­rung schön­re­den und dem Pa­tri­ar­chat auf den Leim krie­chen. Was sie will, ist «die­ses Le­ben, in geil» – al­le Wi­der­sprü­che in­klu­si­ve.

«Ich fand sie gut», kom­men­tiert Ann Sa­ras Auf­tritt – aber als sich die bei­den dann zu­fäl­lig beim Ae­ro­bic-Trai­ning tref­fen, wagt sie es nicht, Sa­ra an­zu­spre­chen. Bo­glár­ka Hor­váth be­herrscht die Be­klem­mung, die ver­dun­kel­ten Tö­ne, die zu die­ser in sich ge­fan­ge­nen Ann pas­sen: Ei­ne er­folg­rei­che Be­rufs­frau, die sich im Ver­steck­ten die Haut auf­kratzt, er­fährt man im Lauf des Stücks. Als Ju­gend­li­che ist sie ver­ge­wal­tigt wor­den, das Trau­ma äus­sert sich als Skin Pi­cking, me­di­zi­nisch «Der­ma­til­lo­ma­nie». Und der Alp­traum ist nicht vor­bei – ein Kol­le­ge be­läs­tigt sie bei der Ar­beit, sie kann nicht re­agie­ren, er­starrt.

Weg zur Selbst­er­mäch­ti­gung

He­art­ship, vor gut ei­nem Jahr am Schau­spiel­haus Zü­rich ur­auf­ge­führt, ist in ei­ner Zeit täg­li­cher Epstein-Schlag­zei­len ra­send ak­tu­ell. Die Ant­wort der jun­gen, in Dres­den le­ben­den Au­torin und ih­rer rotz­fre­chen Sa­ra-Fi­gur ist ent­spre­chend gna­den­los. Mit den Män­nern ist Schluss, die­sen him­mel­trau­ri­gen Pim­mel­ba­cken mit ih­rem er­bärm­li­chen Sper­ma. Die Frau­en hau­en ab, Ly­sis­tra­ta wür­de sich freu­en, über­las­sen das Scheiss­pa­tri­ar­chat sei­nem Schick­sal. «Aus­ge­stor­ben – dan­ke schön!»

In ih­rer Show lässt Sa­ra lust­voll all die Pa­ro­len aus der Blü­te­zeit des män­ner­fres­sen­den Fe­mi­nis­mus noch ein­mal hoch­le­ben – ein eher ir­ri­tie­ren­des Dé­ja-vu. Zwi­schen den bei­den Frau­en geht es um­so dif­fe­ren­zier­ter, mit psy­cho­lo­gi­schen und poe­ti­schen Zwi­schen­tö­nen zu und her. Sa­ra ist für Ann die Ka­ta­ly­sa­to­rin, ei­nen selbst­er­mäch­ti­gen­den Um­gang mit ih­rem Trau­ma zu fin­den. «Wie man Ohn­macht zu Macht ver­än­dern kann»: So um­schreibt Schau­spie­le­rin Bo­glár­ka Hor­váth die Me­ta­mor­pho­se, die Ann durch­macht. Und die auch in Sa­ra neue Sei­ten zum Vor­schein bringt.

Wut und Witz

Aus dem Gar­de­ro­ben­schrank mit­ten auf der Büh­ne packt die In­sze­nie­rung in ho­hem Tem­po wit­zi­ge, scharf­zün­gi­ge, klu­ge, mal auch pla­ka­ti­ve Sze­nen aus. «Ich fin­de ver­ba­le Ag­gres­si­on to­tal span­nend, Spra­che als Mit­tel, sich zur Wehr zu set­zen», hat die Au­torin in ei­nem In­ter­view ge­sagt. Wut und Ernst – da­ne­ben hat aber auch der Hu­mor Platz im «He­art­ship» der bei­den Frau­en. Sie hät­ten bei der Pro­ben­ar­beit viel ge­lacht, sa­gen die Spie­le­rin­nen und be­stä­tigt Re­gis­seur Mat­thi­as Pe­ter. Für ihn ist die Pro­duk­ti­on das vor­läu­fig letz­te En­sem­ble­stück, das er in der Kel­ler­büh­ne in­sze­niert. Und ei­ne «Her­zens­an­ge­le­gen­heit», wie er sel­ber sagt: we­gen der bri­san­ten The­ma­tik, aber auch we­gen der Qua­li­tät des Tex­tes, der ei­nen so­fort rein­zie­he. 

Am En­de se­geln die Frau­en bild­haft aufs of­fe­ne Meer hin­aus. Aber zu­vor schrei­ten sie zur po­li­ti­schen Tat: Sie reis­sen das gel­ten­de Se­xu­al­straf­recht samt sei­nen fa­ta­len Sym­pa­thien für die Tä­ter­män­ner in Fet­zen und pro­kla­mie­ren, wel­che Stra­fe Se­xu­al­tä­tern ein­zig an­ge­mes­sen wä­re: «Faust in die Fres­se und ab in den Knast.»

He­art­ship: Mitt­woch, 4. März, 20 Uhr (Pre­mie­re), Kel­ler­büh­ne, St.Gal­len; wei­te­re Vor­stel­lun­gen bis 22. März.

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