Kategorie
Autor:innen
Jahr

Abenteuer in Ameisenformat

Wer in diesem Jahr schmerzlicherweise auf Festivals und Fernreisen verzichten muss, könnte sich mit dem experimentellen Hörspiel «darunter» von Jeremias Heppeler die Zeit vertreiben. In zwölf Kapiteln eröffnet sich die faszinierende Welt der Insekten, die zum Beobachten, Fantasiereisen und Abenteuererleben einlädt.
Von  Veronika Fischer
Bilder: Jeremias Heppeler

Während ich diesen Text schreibe, liegen neben mir drei tote Fliegen auf der Fensterbank. Eine Wespe schwirrt durchs Zimmer, irgendwo draussen zirpt eine Grille, Ameisen krabbeln vor der Tür die Treppen hinauf und hinunter und draussen im Garten geht es dann erst noch so richtig ab. Käfer, Bienen, Grashüpfer, Schmetterlinge und seit kurzem auch die Stechmücken – sie alle schwirren wild durch die Luft des Sommers.

Spektakulär! Zumindest denke ich das, seit ich das Hörspiel darunter von Jeremias Heppeler angehört habe. Der Medienkünstler hat während des Lockdowns mit seiner Zwölf-Etappen-Geschichte ein Miniversum entworfen, das meinen Blick auf die Welt definitiv verändert hat. Und dabei beginnt alles ganz harmlos.

Von der Quarantäne ins Wunderland

Der Protagonist Gregor, ein junger Lokaljournalist, liegt im Krankenhaus. Er hat eine bislang unentdeckte Krankheit, hohes Fieber, das sehr ansteckend und tödlich ist. Daher ist er in Quarantäne.
Ein Zustand, den man seit Kurzem kennt: Isolation, Langeweile, Sorgen.

Doch schnell rückt der Ich-Erzähler mit einer abstrusen Wahrheit heraus. Er weiss, woher er die Krankheit hat, die alle Ärzte im Dunkeln tappen lässt: Er kann sich schrumpfen und wurde von einer Fliege angegriffen, die ihn mit dem Virus infizierte. Durch die Rückverwandlung in Normalgrösse explodierte wohl auch die Krankheit.

«Für meinen Körper war die Krankheit gleichermassen besonders klein und besonders gross. Sie bestimmte von nun an alles, alle innerkörperlichen Vorgänge, Denken, Spüren, Fühlen, Energiegewinnung, Verdauung, Wachstum, Gefühle und Fühlen, hielt sich aber trotzdem merkwürdig zurück, beinahe schüchtern, still, wie ein bedeutsamer Gast, der allein durch seine Präsenz und seine Aura alles verändert, der aber die Grenzen der Privatsphäre kennt und respektiert.»

Heppelers Erzählung beginnt als Zimmerreise. Es erinnert ein wenig an Kafkas Verwandlung, wenn Gregor – der Name beruht sicherlich nicht auf einem Zufall – über seine Begegnung mit der monströsen Fliege referiert.

Irgendwann schrumpft sich Gregor auch in seinem Krankenhauszimmer und trifft zu seiner Überraschung auf den sprechenden Marienkäfer Rhabarber, der ihn in eine Welt entführt, die irgendwas zwischen Alice im Wunderland, Gullivers Reisen und Jurassic Park zu sein scheint.

Es ist die Welt «darunter», der Kosmos der Insekten sowie anderer Menschen im Miniaturformat, von welchen Gregor bislang nichts wusste. Hier sind Ameisen wie Pferde, Hirschkäfer wie Riesenflugzeuge, Heuschrecken sind Fleischlieferanten und Gottesanbeterinnen eine tödliche Gefahr. In wenigen Minuten eröffnet Heppeler eine Welt, die phantastisch ausgeschmückt ist mit aufmerksam beobachteten und recherchierten Details aus der Insektenwelt.

«Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Ein solches Gewusel, ein solches Surren und Scharren, ein solch durchdringendes Durcheinander, ein derartiges Drunter und Drüber, ein solches Tuten und Tönen und Blasen, Geschubse und Gestrudle, ein solches Tohuwabohu des Alles-Gleichzeitigen, das hatte ich noch nie gesehen.»

Klassische Heldengeschichte mit Tiefgang

Heppeler bedient sich in darunter dem Schema des Heldenmythos, nach dem unzählige Geschichten von Odysseus über Hans im Glück bis Herr der Ringe funktionieren: Der Protagonist bricht in ein Abenteuer auf, erhält Hilfe von einem Fremden, löst eine gefährliche Aufgabe, findet einen Schatz und kehrt als Held in seine Heimat zurück.

Leider bricht die Erzählung hier recht abrupt ab und von einer Rückkehr Gregors als Held wird nicht mehr berichtet, was ein wenig schade ist, aber bei guten Geschichten kommt das Ende ja sowieso immer zu früh, von daher ist es vielleicht auch egal. Und irgendwie macht so ein Ende auch Hoffnung auf eine zweite Staffel.

Der Autor nützt den Monolog immer wieder für philosophische Gedankengänge und Zitate aus der Literatur- und Filmwelt. So entsteht ein wildes Geflecht von informativen Passagen, phantastischen Elementen und tiefgründigen Gedankengängen.

jeremiasheppeler.de/darunter

auch auf YouTube, Spotify und Soundcloud

Ein «experimentelles Hörspiel» nennt Heppeler sein Werk, da es für ihn als Corona-Projekt in der eigenen Isolation entstanden ist und somit komplett im Alleingang fertiggestellt wurde. Es gab keine Lektorin, keine Korrekturrunden, keinen Verleger, keine Sounddesignerin. Die psychedelischen Hintergrundmelodien sowie die Insektenvideos, gefilmt mit einer Mikroskop-Kamera, sind am Schreibtisch entstanden.

Für Heppeler ist es der Versuch, Literatur auf eine neue Art zu veröffentlichen. «Vielleicht kann man es Cloud-Literatur nennen», sagt sich der intermediale Künstler, der bereits mit einer Vielfalt an künstlerischen Arbeiten in der Öffentlichkeit stand. Das Hörspiel übte auf ihn einen besonderen Reiz aus, da er von Woche zu Woche eine neue Folge schrieb und veröffentlichte, was dem Text eine Dynamik verleiht, die über die wenigen ebenfalls daraus resultierenden Schwächen definitiv hinwegsehen lässt.

Zudem muss betont werden, dass dem Autor ein kleines Kunststück gelingt: der schwäbische Dialekt klingt bei ihm nicht nur akzeptabel, sondern stellenweise sogar witzig bis sexy. Jedenfalls so noch nie gehört.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V