Während ich diesen Text schreibe, liegen neben mir drei tote Fliegen auf der Fensterbank. Eine Wespe schwirrt durchs Zimmer, irgendwo draussen zirpt eine Grille, Ameisen krabbeln vor der Tür die Treppen hinauf und hinunter und draussen im Garten geht es dann erst noch so richtig ab. Käfer, Bienen, Grashüpfer, Schmetterlinge und seit kurzem auch die Stechmücken – sie alle schwirren wild durch die Luft des Sommers.
Spektakulär! Zumindest denke ich das, seit ich das Hörspiel darunter von Jeremias Heppeler angehört habe. Der Medienkünstler hat während des Lockdowns mit seiner Zwölf-Etappen-Geschichte ein Miniversum entworfen, das meinen Blick auf die Welt definitiv verändert hat. Und dabei beginnt alles ganz harmlos.
Von der Quarantäne ins Wunderland
Der Protagonist Gregor, ein junger Lokaljournalist, liegt im Krankenhaus. Er hat eine bislang unentdeckte Krankheit, hohes Fieber, das sehr ansteckend und tödlich ist. Daher ist er in Quarantäne. Ein Zustand, den man seit Kurzem kennt: Isolation, Langeweile, Sorgen.
Doch schnell rückt der Ich-Erzähler mit einer abstrusen Wahrheit heraus. Er weiss, woher er die Krankheit hat, die alle Ärzte im Dunkeln tappen lässt: Er kann sich schrumpfen und wurde von einer Fliege angegriffen, die ihn mit dem Virus infizierte. Durch die Rückverwandlung in Normalgrösse explodierte wohl auch die Krankheit.
«Für meinen Körper war die Krankheit gleichermassen besonders klein und besonders gross. Sie bestimmte von nun an alles, alle innerkörperlichen Vorgänge, Denken, Spüren, Fühlen, Energiegewinnung, Verdauung, Wachstum, Gefühle und Fühlen, hielt sich aber trotzdem merkwürdig zurück, beinahe schüchtern, still, wie ein bedeutsamer Gast, der allein durch seine Präsenz und seine Aura alles verändert, der aber die Grenzen der Privatsphäre kennt und respektiert.»
Heppelers Erzählung beginnt als Zimmerreise. Es erinnert ein wenig an Kafkas Verwandlung, wenn Gregor – der Name beruht sicherlich nicht auf einem Zufall – über seine Begegnung mit der monströsen Fliege referiert.
Irgendwann schrumpft sich Gregor auch in seinem Krankenhauszimmer und trifft zu seiner Überraschung auf den sprechenden Marienkäfer Rhabarber, der ihn in eine Welt entführt, die irgendwas zwischen Alice im Wunderland, Gullivers Reisen und Jurassic Park zu sein scheint.
Es ist die Welt «darunter», der Kosmos der Insekten sowie anderer Menschen im Miniaturformat, von welchen Gregor bislang nichts wusste. Hier sind Ameisen wie Pferde, Hirschkäfer wie Riesenflugzeuge, Heuschrecken sind Fleischlieferanten und Gottesanbeterinnen eine tödliche Gefahr. In wenigen Minuten eröffnet Heppeler eine Welt, die phantastisch ausgeschmückt ist mit aufmerksam beobachteten und recherchierten Details aus der Insektenwelt.
«Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Ein solches Gewusel, ein solches Surren und Scharren, ein solch durchdringendes Durcheinander, ein derartiges Drunter und Drüber, ein solches Tuten und Tönen und Blasen, Geschubse und Gestrudle, ein solches Tohuwabohu des Alles-Gleichzeitigen, das hatte ich noch nie gesehen.»
Klassische Heldengeschichte mit Tiefgang
Heppeler bedient sich in darunter dem Schema des Heldenmythos, nach dem unzählige Geschichten von Odysseus über Hans im Glück bis Herr der Ringe funktionieren: Der Protagonist bricht in ein Abenteuer auf, erhält Hilfe von einem Fremden, löst eine gefährliche Aufgabe, findet einen Schatz und kehrt als Held in seine Heimat zurück.
Leider bricht die Erzählung hier recht abrupt ab und von einer Rückkehr Gregors als Held wird nicht mehr berichtet, was ein wenig schade ist, aber bei guten Geschichten kommt das Ende ja sowieso immer zu früh, von daher ist es vielleicht auch egal. Und irgendwie macht so ein Ende auch Hoffnung auf eine zweite Staffel.
Der Autor nützt den Monolog immer wieder für philosophische Gedankengänge und Zitate aus der Literatur- und Filmwelt. So entsteht ein wildes Geflecht von informativen Passagen, phantastischen Elementen und tiefgründigen Gedankengängen.
jeremiasheppeler.de/darunter
auch auf YouTube, Spotify und Soundcloud
Ein «experimentelles Hörspiel» nennt Heppeler sein Werk, da es für ihn als Corona-Projekt in der eigenen Isolation entstanden ist und somit komplett im Alleingang fertiggestellt wurde. Es gab keine Lektorin, keine Korrekturrunden, keinen Verleger, keine Sounddesignerin. Die psychedelischen Hintergrundmelodien sowie die Insektenvideos, gefilmt mit einer Mikroskop-Kamera, sind am Schreibtisch entstanden.
Für Heppeler ist es der Versuch, Literatur auf eine neue Art zu veröffentlichen. «Vielleicht kann man es Cloud-Literatur nennen», sagt sich der intermediale Künstler, der bereits mit einer Vielfalt an künstlerischen Arbeiten in der Öffentlichkeit stand. Das Hörspiel übte auf ihn einen besonderen Reiz aus, da er von Woche zu Woche eine neue Folge schrieb und veröffentlichte, was dem Text eine Dynamik verleiht, die über die wenigen ebenfalls daraus resultierenden Schwächen definitiv hinwegsehen lässt.
Zudem muss betont werden, dass dem Autor ein kleines Kunststück gelingt: der schwäbische Dialekt klingt bei ihm nicht nur akzeptabel, sondern stellenweise sogar witzig bis sexy. Jedenfalls so noch nie gehört.
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