Vor einigen Jahren kaufte ich in einem Schaffhauser Brockenhaus eine Jeansjacke. Ihrem ausgebleichten Blau sah ich an: Diese Jacke hat ein Leben hinter sich. Als ich sie zum ersten Mal trug, spürte ich etwas in der linken Brusttasche. Ich öffnete den Knopf, und hervor kam zuerst ein zusammengefaltetes Plänchen der Pariser Métro. Dann, kleiner und leicht verblichen, ein Métro-Ticket. 14. März 1996.
Mein Jeans-Bijou hatte ein Leben hinter sich, aber auch eines mit mir. Ich bin nämlich dagegen, dass Jeansjacken unangetastet bleiben. Mit mancher Demo kam ein Button hinzu; einmal malte ich die Farben der Bi-Flagge an dem Kragen; auf den Rücken schrieb ich irgendwann – mit Filzstift! – «Silence = Death». Mit diesem Satz hatten queere Generationen vor mir dafür gekämpft, dass der (damals vor allem AIDS-)Tod von Queers nicht mehr weggeschwiegen wird.
Aus der Geschichte dieser Bewegung – auch: unserer Bewegung – lernte ich: Nur, wenn wir laut werden gegen Ungerechtigkeit, können wir sie bekämpfen. Mit jedem Pin, jedem Schriftzug wurde meine Jeansjacke lauter. Und ich mit ihr. Behutsam flickte ich ihre abgewetzten Nähte.
Marie ist auch laut. Ihr Lidschatten, ihr Megafon, ihr Thurgauerdialekt: Alles laut. (Als Schaffhauserin in Zürich freue ich mich über jeden Menschen, der einen Ostschweizer Dialekt spricht. Ist wie heisse Schoggi für mein gelegentliches Heimweh.) Sie war vermutlich knapp volljährig, als wir uns kennenlernten, und damit ein Jahrzehnt jünger als ich. Ich bewundere Marie dafür, an Klima-Demos zuvorderst zu stehen und den Finger auch dann auf Ungerechtigkeit zu legen, wenn es unbequem ist. Als ich vor Kurzem eine rosarote Jeansjacke erstand, wusste ich: Mein altes blaues Exemplar muss vererbt werden. An Marie.
Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin.
Es war ein heisser Sommertag, der zu Ende glühte, als letztens in einer Zürcher Badi eine queere Frauenparty stattfand. Es war eine der ersten nach dem Lockdown, und die Stimmung war gleichzeitig erleichtert und euphorisch. Meine Mitmenschen begrüsste ich pandemie-tauglich mit dem Ellbogen, aber als ich Marie sah, musste ich sie umarmen.
«Ich bin so glücklich hier», sagte sie mit ihrem wunderbar lauten Thurgauerdialekt. Dann wich sie plötzlich zurück, und ihre Augen weiteten sich freudig. «Ich muss dir was zeigen.» In ihrer riesigen Tasche kramte sie, bis sie meine Jeansjacke hervorzog – ihre Jeansjacke –, und mir den Rücken des Kleidungsstücks hinhielt. «Das hab ich nach der Black-Lives-Matter-Demo gemacht.» Unter meinem «Silence = Death» prangte nun – mit Filzstift! – ein weiteres, neues Zitat: «If you are neutral in situations of injustice, you have chosen the side of the oppressor.»
Der Stoff war noch bleicher geworden, und ich erkannte meinen eigenen Faden an manchen Stellen der Nähte wieder. «Die Ellenbogen muss ich bald flicken», bemerkte Marie. «Und hey, Anna», sagte sie dann mit einem Schmunzeln. «Weisst du, wo ich die Jacke getragen hab?» Dann griff sie zur linken Brusttasche und zog ein Ticket hervor. Métro Paris, stand da. 24. Juli 2020.
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