Kaum jemand, der sich nicht erinnert, Elian Kazans legendäre Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks einmal gesehen zu haben. Eine umwerfende Vivien Leigh in der Rolle von Blanche DuBois und der junge Marlon Brando als Stanley Kowalski setzten hohe Masstäbe. Mit vier Oscars honoriert, läutete der Film 1951 eine neue Ära ein und begründete den Weltruhm des Dramatikers Tennesse Williams wesentlich mit. Und dann gab es ja noch den Pulitzer-Preis für das Drama! Ein echter Theaterklassiker des 20. Jahrhunderts, der nun zum Saisonabschluss auch in St. Gallen zu sehen ist.
Innen im Aussen
Es ist eine tolle Szenerie, die Michael Köpke entworfen hat und in der Regisseur Jonas Knecht sein Setting der handelnden Personen inszenieren kann. Der auf einer Drehbühne angebrachte Wohnwagen dreht sich und dreht sich. Halbseitig offen, verschafft das Einblicke in Wohnraum, Bad und Schlafzimmer, um wieder zur Frontseite mit Fenstern und Tür zu wechseln. Eine raffinierte Lösung, die permanent den Wechsel von Innen und Aussen nachvollzieht.
Anja Tobler als Blanche (oben), unten Frederik Rauscher (Stanley) und Anna Blumer (Stella).
In diesem Drama von Lust und Leidenschaft, Verlangen und Abwehr, ist vor allem Anja Tobler hoch zu loben, die die Rolle der Blanche in allen Facetten ausspielt. Von Anfang an eine Verlorene, versponnen in Illusionen, der Vergangenheit nachträumend, gelingt es ihr, das Publikum zu rühren. Dann ist es vorbei mit dem Realismus und man lässt sich in den Zauber hineinziehen, den Blanche versprüht. Man vergibt ihr die Lügen, vergisst das Drama, in dem viel getrunken und geraucht wird, und leidet mit.
Wann ist ein Mann ein Mann?
Ganz anders agiert Frederik Rauscher als Stanley. Er ist der Mann. Direkt, polternd, zynisch und bestimmt. Er ist die treibende Kraft, die Blanche weg haben will und dafür sorgt, dass sie endlich in die Klinik kommt. Als Mann von Blanches Schwester Stella (Anna Blumer), die er ebenfalls zu unterdrücken versteht, nimmt er sich das, was ihm seiner Meinung zusteht, gnadenlos. Bei Rauscher wirkt das in Momenten etwas aufgesetzt, bei Anna Blumer hapert es manchmal an der Textverständlichkeit. Kleine Mäkel!
Oliver Losehand bringt den zögerlichen Mitch faszinierend auf die Bühne, und Jessica Cuna überzeugt als Nachbarin Eunice in ihrer Festigkeit.
Multiperspektivisch
Die Idee, mit Live-Video-Übertragung zu arbeiten, mag aus der Inszenierung von Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe stammen, die am gleichen Haus kürzlich zu sehen war. Nur ist das Konzept (Clemens Walter) hier verfeinert und verlangt den Schauspielern Enormes ab. Fast pausenlos werden sie durch Kameras verfolgt. Auf einer grossen Projektionsfläche über der Bühne werden die Aufnahmen, live-gemischt (Reto Müller), übertragen.
Oliver Losehand, Anja Tobler, Tobias Graupner.
Nahaufnahmen, Seitenaufnahmen, Innenszenen – der Blick des Zuschauers wird multiperspektivisch aufgebrochen. Und doch bleibt am Ende das Ganze kompakt und absolut stimmig, schwebend zwischen Film und Theater.
Nächste Vorstellungen: 12. und 14. Juni, Wiederaufnahme im November
theatersg.ch
Live gespielt und leitmotivisch gesetzt, unterlegt Andi Peter das Drama mit feinen Tönen: kleine Riffs, bluesige Motive, immer in der richtigen Dosierung. Was die Musik leistet, steht sinnbildlich für die gesamte Inszenierung von Jonas Knecht: Aus wenig wird viel! Und am Ende des Dramas den «Jungen Mann» im Kittel des Psychiaters auftreten zu lassen, ist eine genialer Einfall.
Gute zwei Stunden Verzauberung sind in dieser Endstation Sehnsucht garantiert.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.