Abstimmen über gratis STI-Tests: Sexuelle Gesundheit kostet
Niemand bezweifelt, dass testen auf sexuell übertragbare Krankheiten sinnvoll ist. Ein Plädoyer unseres Gastautors für Gratistests, über die am 30. November in der Stadt St.Gallen abgestimmt wird.
(Bild: pd)
Ja, es sei leider so, dass nicht zuletzt junge Frauen 160 bis 190 Franken für einen Test auf sexuell übertragbare Krankheiten aus der eigenen Tasche bezahlen müssen, sagte Stadträtin Sonja Lüthi an der Medienkonferenz Anfang Woche. Eine junge Journalistin wies auf ihr bescheidenes Einkommen hin und hatte der Stadträtin eine entsprechende Frage gestellt. Lüthi räumte ein, dass das Anliegen der Initiative berechtigt sei: Junge Menschen sollten sich regelmässig auf STIs (auf sexuell übertragbare Krankheiten) testen lassen, denn bis zu 80 Prozent der Infektionen zeigen keine Symptome und werden so aus Unwissenheit weitergegeben. Diese Kette zu unterbrechen ist ein wichtiges Anliegen der Initiative der Jungen Grünen. Sie fordern, dass für Menschen bis 30 und für Inhaber:innen einer «KulturLegi» die Tests gratis sein sollen.
Dass Gratistests ein Erfolgsrezept sind, weiss man, seit die Stadt Zürich, die im April 2024 dieses Angebot für junge Menschen bis 25 eingeführt hat. Dort beträgt die Wartezeit auf einen Routinetest inzwischen bis zu einem Monat. Die Zürcher Statistik zeigt, dass unentdeckte Chlamydien- und Tripper-Infektionen (=Gonorrhoe) relativ häufig sind und einfach behandelt werden können. Tripper und Syphilis sind inzwischen vier- bis fünfmal so häufig ist wie noch vor 15 Jahren.
Zürich hat deshalb entschieden, die Gratistests bis 2027 weiter anzubieten. Dies auch, weil die Getesteten das Angebot durchwegs loben. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass sie ohne das Gratisangebot sich wegen der hohen Kosten nicht hätten testen lassen.
Diese Argumente haben auch die St.Galler Jungen Grünen vorgebracht. Sie hatten die städtische Initiative lanciert, weil sich zuvor die Kantonsregierung geweigert hatte, ein entsprechendes Angebot aufzubauen. An ihrer kürzlichen Medieninformation hatte Sinah Eisenring als Mitinitiantin darauf hingewiesen, dass dutzende Infektionen verhindert werden können, wenn Menschen ihren eigenen Status kennen. Und Diego Müggler, der gemeinsam mit Sinah Eisenring die Jungen Grünen präsidiert, wies darauf hin, dass eine gute Gesundheitsversorgung ein Grundrecht sei.
Doch der Stadtrat hatte dem Parlament beantragt, die Initiative abzulehnen, was dann auch geschah. Auch ein abgeschwächter Gegenvorschlag hatte keine Chance. Der Stadtrat habe sich den Nein-Antrag allerdings nicht leicht gemacht und «vertieft diskutiert», erklärte Sonja Lüthi. Aus vier Gründen sei man zur ablehnenden Haltung gekommen: Erstens sei der Kanton für die Gesundheitspolitik zuständig. Zweitens gebe es bereits Testangebote, für einzelne Gruppen auch kostenlose. Drittens müssten die sexuell aktiven jungen Menschen selbst Verantwortung übernehmen. Und schliesslich habe die leere Stadtkasse keine 370'000 Franken pro Jahr übrig. So viel würden die Gratistests kosten. Die Zahl wurde aufgrund der Zürcher Erfahrungen geschätzt. Die Initiative komme deshalb auch aus finanzpolitischer Sicht zu einem ungünstigen Zeitpunkt.
Hinter dem Argument, der Kanton sei zuständig, steckt das aktuelle politische Hickhack des Kantons gegen die Stadt. Nachdem die Stimmberechtigten es abgelehnt hatten, der Stadt mehr Geld für ihre zentralörtlichen Leistungen zu zahlen, pocht der Stadtrat seinerseits ganz bewusst darauf, keine Aufgaben zu übernehmen, zu denen er nicht verpflichtet ist. Dies hat im konkreten Fall allerdings Folgen für die jüngeren Menschen.
Sonja Lüthi appellierte indirekt an die jungen und jüngeren Stimmberechtigten: Wenn die Diskussionen um die Initiative dazu führten, dass jetzt vermehrt über STI-Tests diskutiert werde und die Betroffenen sich häufiger testen lassen und bis Ende November vielleicht auch zahlreicher abstimmen, sei auch viel erreicht. Denn klar ist: Wenn es ein Ja zur Initiative gibt, wird die Stadt STI-Gratistests einführen.
Aber auch wenn es beim Nein bleibe, werde sich die Stadt weiterhin in der Aufklärung engagieren. Es gibt für Jugendliche bis 20 verschiedene Beratungsangebote, unter anderem bei der Schulsozialarbeit und beim Schulgesundheitsdienst. Besonders engagiert ist die Aids-Hilfe, die als Fachstelle für Aids und Sexualfragen auch Tests durchführt und von der Stadt mit 10'000 Franken pro Jahr unterstützt wird. Doch der Personenkreis, der sich hier gratis testen lassen kann, ist klein: Diese Möglichkeit haben nur Männer, die mit Männern Sex haben, und nur bis zum Alter 25, sowie Transpersonen. Während der nationalen Testwochen – gerade läuft wieder eine im November – werden vergünstigte Tests auch für über 25-Jährige aus diesen Risikogruppen angeboten. Die Beratungsstelle Maria Magdalena bietet ihrerseits Gratistests für Sexarbeiterinnen an. An die breite Bevölkerung wird mit den Love-Live-Kampagnen auf die Bedeutung eines Tests hingewiesen. Vergünstigte oder Gratis-Tests gibt es für die Bevölkerungsmehrheit aber keine.
Gesundheitsbehörden und Aids-Hilfen haben sich zum Ziel gesetzt, dass sich in der Schweiz ab 2030 niemand mehr mit HIV ansteckt. Dazu müssen aber 95 Prozent der Menschen ihren HIV-Status kennen, davon müssen 95 Prozent die nötigen Therapien bekommen und noch einmal 95 Prozent davon müssen so behandelt sein, dass sie das Virus nicht mehr weitergeben. Doch so weit sind wir noch nicht, ganz abgesehen davon, dass Syphilis, Tripper, Chlamydien und Hepatitis alle auch sexuell übertragen werden. Deshalb ist jeder einzelne Test, der eine Infektion entdeckt, wichtig.
Edit, 13. November 2025: In einer ersten Version des Artikels hiess es fälschlicherweise, es gebe im Aktionsmonat November vergünstigte Tests für die breitere Bevölkerung. Richtig ist, dass auch diese vergünstigten Tests sich nur an Risikogruppen richtet. (red.)
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