, 23. Dezember 2018
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«Abtreiben!! Und ein neues gesundes Baby machen.»

Auf Instagram erscheinen sie tausendfach: perfekt gestylte Mütter mit umwerfend niedlichen Babies. #perfectbaby #babylove #cutebaby. Doch was ist, wenn die Realität anders aussieht? Wonach strebt unsere Gesellschaft mit diesem Drang zur Perfektion? Und was bedeutet das für die Einzelne? Eine Begegnung mit zwei jungen Frauen, deren Leben von diesen Fragen betroffen ist.

Illustrationen: Annabelle Höpfer

Lola* ist in der 21. Woche schwanger, als auf dem Ultraschallbild eine Auffälligkeit zu sehen ist: ein weisser Fleck im Herzen ihres Kindes. «Gehen Sie schnellstmöglich zu einem Spezialisten», sagt ihre Gynäkologin, «und machen Sie sich keine Sorgen.»

Für all jene, die noch nie oder schon lange nicht mehr schwanger waren: Die 21. Woche ist die Mitte der Schwangerschaft. Der Bauch ist deutlich zu sehen, die Übelkeit der Frühschwangerschaft meist wieder verschwunden, man spürt kleine Tritte in der Magengegend und seit fünf Monaten ist da ein kleines Wesen, das einen wie ein kleines Gespenstchen überall hin begleitet. «Machen Sie sich keine Sorgen.» Leichter gesagt, als getan.

Klick: Diagnose – Klick: Panik

Zuhause macht Lola, was verboten gehört: Sie fragt Dr. Internet. «White Spots» – so der Fachterminus – sind meist ungefährlich, keiner weiss so genau, woher sie kommen und sie verschwinden für gewöhnlich im Lauf der Schwangerschaft, als wäre nichts gewesen. In seltenen Fällen aber können sie ein Indiz für eine Trisomie sein.

Lola klickt sich weiter: Wird bei einer Schwangerschaft ein Anzeichen auf eine Fehlbildung oder Behinderung festgestellt, die das Leben des Kindes oder der Mutter massgeblich beeinträchtigen, ist ein Abbruch der Schwangerschaft möglich, egal zu welchem Zeitpunkt. Entscheidet sich die Frau für eine Spätabtreibung, also einen Eingriff nach der 12. Woche, erfolgen Gespräche mit Medizinern, Hebammen, Psychologinnen und zum Teil auch Theologen. Dann gibt es zwei medizinische Vorgehensweisen: Entweder wird der Fötus durch ein Medikament im Mutterleib getötet oder er stirbt während bzw. nach der Geburt, die durch ein wehenförderndes Mittel ausgelöst wird. Hier besteht die Möglichkeit, dass das Kind lebendig zur Welt kommt. Ab der 22. Schwangerschaftswoche sind die Behandlungen einer Frühgeburt mittlerweile medizinisch so weit entwickelt, dass eine Überlebenschance besteht. Dass ein Kind den Eingriff langfristig überlebt, ist selten.

Eine solche Geschichte hat Tim, und man findet sie in nahezu jedem Artikel über Spätabtreibungen. Er ist heute 21 Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Seine leibliche Mutter hat ihn 1997 in ihrer 25. Schwangerschaftswoche abgetrieben. Neun Stunden lang kämpfte der kleine Junge unbeachtet ums Überleben, bis nach einem Schichtwechsel ein Arzt sich seiner annahm. Heute lebt Tim bei seiner deutschen Pflegefamilie. «Man denkt, dass ein behindertes Kind das Schlimmste ist, das einem passieren kann», sagt sein Pflegevater im Interview auf YouTube, das Lola sich ansieht, «aber es ist ein tolles Leben. Wir haben so viel Glück mit unseren Kindern erlebt.»

Neun von zehn Kindern mit einer Trisomie 21-Diagnose werden abgetrieben. Von einer solchen Entscheidung erzählt der Film 24 Wochen mit Julia Jentsch. Lola schaut sich nur den Trailer an, mehr erträgt sie nicht. Unter dem Video steht im Kommentar: «Abtreiben!! Und ein gesundes neues Baby machen.» Lola klappt ihren Laptop zu und wählt die Nummer des Spezialisten, der eine exaktere Ultraschalluntersuchung vornehmen kann. Hier bekommt Lola die Auskunft, dass sie schnellstmöglich einen Termin bekommen könne, «damit man im Notfall sofort handeln kann». Gemeint ist eine Abtreibung.

«Ruf Helena an», sagte eine Freundin. Das macht Lola und schon zwei Tage sitzt sie ihr in einem Cafè gegenüber. Helena* trägt ein schlichtes Kleid, keinen Schmuck, dezentes Make-Up. Nichts an ihr verrät etwas über ihren Beruf, sie könnte als Graphikdesignerin, Immobilienmaklerin oder in einem Reisebüro arbeiten. Aber Helena ist Hebamme.

Eigentlich wollte sie Übersetzerin werden und begann ein Studium der Englischen Sprach- und Literaturwissenschaften. Dann bekam ihre Schwester ein Baby. «Wir telefonierten fast jeden Tag und mich faszinierte es ungemein, dass in einem Menschen ein anderer heranwachsen kann und was alles damit verbunden ist», erklärt sie. «Da spielen so viele Faktoren zusammen: Biologie, Psychologie, Hormone, Ernährung und die kulturelle Prägung. Und aus diesem Zusammenspiel entsteht ein neuer Mensch…» Als der kleine Neffe geboren wurde, meldet Helena sich für ein Kurzpraktikum im nahegelegenen Krankenhaus an. Nach zehn Tagen ist sie überzeugt: Sie will Hebamme werden. Dann folgte ein Studium, sechs Semester plus zehn Monate Praktikum bis zum Bachelor, den Helena als eine der besten ihres Jahrgangs abschloss.

Abtreibungen gehören zum Arbeitsalltag

«Die meisten Menschen denken, es sei mein Job, Frauen dabei zu unterstützen, gesunde, süsse, rosige Babys auf die Welt zu bringen», sagt sie. Dass Abtreibungen ebenfalls zum Beruf der Hebamme gehörten, sei den wenigsten bewusst. Helena selbst ist zum ersten Mal damit konfrontiert, als sie beim Einstellungsgespräch an der Uni gefragt wird, ob sie auch bereit sei, Schwangerschaftsabbrüche zu betreuen. Das ist sie. «Ich halte es für verantwortungsbewusst, wenn eine Frau entscheidet, dass sie ein Kind nicht bekommen will, wenn es ihre Lebenssituation nicht zulässt.»

Lola und Helena trinken Tee und halten Small-Talk. Helena erzählt, dass sie bei der Arbeit Gesundheitsschuhe trägt. «Die waren sauteuer und sind mega hässlich. Normalerweise gebe ich nicht mal für schöne Schuhe so viel Geld aus.» Doch in der Klinik ist schönes Schuhwerk das Erste, worauf man zu verzichten lernt. Im Kreissaal schaut Helena immer zuerst auf die Handtasche der Frau. Die Patienten kommen aus allen sozialen Schichten. «Die Handtasche ist manchmal das einzige Indiz, das mir verrät, wie eine Frau ist», so Helena. «Es ist mir egal, ob jemand arm oder reich ist, ich sammle nur Bilder, damit ich ungefähr weiss, wer die Frauen sind und was sie brauchen könnten.»

Sie hat eine gute Menschenkenntnis, zumindest wird ihr das oft gesagt. Nach jeder Behandlung können die Frauen oder Paare eine Bewertung abgeben. Im Fall von Helena sind diese allesamt positiv: «einfühlsam», «sensibel», «qualifiziert», «patent». Besonders auf den letzten Eintrag ist Helena stolz: «Das war bei einer Frau, der ich am Ende der Geburt ziemlich deutlich gesagt habe, dass sie sich jetzt anstrengen muss, weil sonst nichts passiert. Kurz darauf war das Kind da. Ich freue mich, dass sie versteht, warum ich streng wurde», so die zierliche junge Frau mit den rotlackierten Fingernägeln. Diese hat sie nur in ihrer Freizeit so.

Schluss mit Geplänkel über Schuhe, Handtaschen und Nagellack. Lola fragt, ob Helena schon einmal bei einer Spätabtreibung dabei gewesen sei. «Ja», sagt sie, «das gibt es ab und zu. Vielleicht zehn Mal im Jahr gehört das zu meinen Aufgaben.» Ob sie schon mal ein Baby mit Down-Syndrom regulär, sprich nach einer kompletten Schwangerschaft, entbunden habe? «Nein, noch nie.»

Planspiel Schwangerschaft

«Die Schwangerschaft wird mehr und mehr zu einem Artefakt, es ist nicht mehr rein von der Natur und dem Schicksal gesteuert, ob und wie ein Kind zur Welt kommt», sagt Helena. Die fortschreitende Einflussnahme der künstlichen Befruchtung mache es vielen Frauen möglich schwanger zu werden, die es auf natürlichem Wege nicht schafften. «Das ist für viele, viele Paare die Erfüllung eines Traumes und das ganz grosse Glück.» Doch Helena sieht die Fertilisationstechniken auch unter einem kritischen Aspekt. Zum einen hat sie das Gefühl, dass es für junge Mütter, die nach einer künstlichen Befruchtung ein Kind zur Welt bringen, sehr viel schwerer ist, den Alltag anzunehmen. Das Wunschkind, die Erfüllung jahrelangen Wartens, eines gigantischen Traums, es schreit und schreit und schreit. «Dann ist die Verzweiflung oftmals grösser, als bei einer Frau, die nicht jahrelang vom grossen Babyglück geträumt hat.»

Aber auch die grundsätzliche Haltung zu Schwangerschaft und Geburt verändere sich, erklärt sie. Wehen würden oftmals nicht mehr ohne Schmerztherapie ertragen, die Zahl der Wunschkaiserschnitte steige und überhaupt werde eher interveniert als abgewartet – was zu einer natürlichen Geburt nun einmal dazu gehört. Doch im Klinikalltag sei dafür kaum Zeit. Das alles sieht Helena als Teil ihrer Arbeit, es bereitet ihr wenig Kopfzerbrechen. Woran sie hingegen zweifelt, ist der ständige Optimierungsgedanke, hin zum perfekten Kind. «Manchmal betreue ich Abtreibungen, da sind die Eltern gut ausgebildete und informierte Menschen, die schick gekleidet zum Termin erscheinen. Da habe ich nicht das Gefühl, dass es sich um eine Notlage handelt, wenn ein Kind mit Trisomie 21 abgetrieben wird. Da passt es nicht zum Lifestyle. Perfekter Job, perfekte Wohnung, perfekte Beziehung – und dann ein behindertes Kind? Da komme ich an meine Grenzen», so die 35-Jährige.

Kollektive Einäscherung und Gemeinschaftsgrab

«Was passiert mit den toten Babies?», fragt Lola. «Sie werden gewogen, gemessen und fotografiert», erklärt Helena. «Dann kommen sie in den Kühlschrank und nach 48 Stunden zur Pathologie, wo sie untersucht werden. Dort werden sie eingefroren und mit den anderen Föten, die vor der 24. Woche geboren wurden, gemeinsam verbrannt. Die Kremierungen finden drei Mal im Jahr statt.» Die Eltern würden sich nach einiger Zeit wieder melden, um das Foto des Kindes zu sehen. Manche erst nach Jahren, das Bedürfnis bestehe bei fast allen.

«Was würdest denn du an meiner Stelle machen?», fragt Lola die Hebamme. «Du musst dir im Klaren darüber sein, was du willst. Wenn du weitere Untersuchungen machen lässt und das Risiko einer Behinderung festgestellt wird, musst du vorher entscheiden, wie du dann damit umgehen willst», so die Antwort.

Nach diesem Treffen ruft Lola erneut beim Spezialisten an und verschiebt die Untersuchung auf einen späteren Zeitpunkt. Sie möchte nicht entscheiden müssen, ob das Leben ihres Kindes lebenswert ist oder nicht.

Das Gespräch mit Helena fand vor über einem Jahr statt. Nun ist Lolas Baby schon fast zehn Monate alt. Es krabbelt munter durch die Welt. Und es ist perfekt.

Veronika Fischer, 1987, ist Journalistin und lebt in Konstanz. Sie hat selber zwei Kinder. Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

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