, 3. September 2020
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Adolf Dietrich – einmal ganz anders

Willi Tobler beherzigt in seinem neuen Buch über das Leben des Malers Adolf Dietrich ein wichtiges Diktum der US-amerikanischen Autorin Susan Sontag, mit dem in den 1970er-Jahren dem Geniekult ein Ende gesetzt wurde. von Jochen Kelter

Als 2019 gegründete Frauenfelder saatgut-Verlag vor einigen Monaten seine erste Publikation, ein Buch zu und über den Maler Adolf Dietrich ankündigte, war man geneigt zu denken: Adolf Dietrich? Schon wieder?

Da gab es den von Heinrich Ammann in den späten 70er-Jahren edierten opulenten Bildband und zuletzt ein im Jahr 2002 erschienenes Glossar Malermeister, Meistermaler mit dem gesamten erhaltenen Briefwechsel, den sich der Autor des neuen Bands Willi Tobler, ein langjähriger Kenner des Werks von Adolf Dietrich und Schwiegersohn von Heinrich Ammann zunutze gemacht haben mag.

Der Autor erzählt bei der kürzlichen Präsentation des Bands für die Medien, seine erste Bekanntschaft mit einem Bild des Malers, das einen Hund zeigte, habe er als Seminarist in Kreuzlingen gemacht. Und ganz ähnlich ist es dem Rezensenten gegangen: Im grossen Lehrerzimmer des Thurgauischen Lehrerseminars in Kreuzlingen hing dazumal sein mittlerweile berühmtes, zwei Jahre vor seinem Tod gemaltes Hundebild: Balbo auf der Wiese liegend. Also noch einmal Adolf Dietrich?

Willi Tobler: Ich hätte mit keinen König getauscht. Das Leben des Malers Adolf Dietrich. saatgut-Verlag, 126 S., kartoniert, CHF 39.–

Ja, aber ganz anders. Willi Tobler nennt sein Buch Das Leben des Malers Adolf Dietrich und fügt im Gespräch hinzu, es sei «ein Lesebuch für Kinder und ihre Erwachsenen». Er erzählt das Leben des Adolf Dietrich von seiner Geburt bis zum Tod anhand von Korrespondenz und anderen Quellen und stellt jedem der zumeist kurzen Texte ein Bild zur Seite, berühmte und weniger bekannte, darunter auch mit Bleistift oder Kohle angefertigte Zeichnungen.

Auf diese Wiese beherzigt er bewusst oder unbewusst ein Diktum der US-amerikanischen Autorin Susan Sontag, die in ihrem Essay Under the Sign of Saturn schreibt: «Man kann das Leben nicht dazu benutzen, um das Werk zu interpretieren. Aber man kann das Werk dazu benutzen, um das Leben zu interpretieren».

Willi Tobler, 1949, ist in Leibstadt (AG) aufgewachsen und lebt in Frauenfeld. Er war als Lehrer tätig, während dieser Zeit schrieb er Geschichten für seine Schulkinder, die zu Klassikern der Kinderliteratur wurden. Seit der Pensionierung ist er Programmgestalter des Adolf-Dietrich-Hauses in Berlingen. Er wirkte ausserdem an zahlreichen Publikationen über Dietrich mit.

Eine wichtige Erkenntnis, mit der in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts der werkimmanenten Interpretation und dem Geniekult ein Ende gesetzt wurde. Genau dieser Methode bedient sich Willi Tobler mit Gewinn für den Leser und die Betrachterinnen.

Der für ein Kunstbuch eher dünne Band im Grossformat 24 x 30,5 cm ist vom versierten Frauenfelder Grafiker Urs Stuber schlicht, unaufdringlich, aber grosszügig gestaltet. Ein schönes Buch, in dem die Texte und die sehr guten Fotografien der Bilder und Zeichnungen, Werk und Leben ebenbürtig nebeneinander stehen.

Ein gelungener Erstling also des saatgut-Verlags, der sich der Förderung der Thurgauer Kultur- und Literaturszene verschrieben hat, sofern sie denn Ausstrahlung über den Kanton hinaus verspricht.

Mehr zum saatgut-Verlag im Septemberheft von Saiten.

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