, 21. Mai 2015
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Afro-Pfingsten: Ein anderer Blick auf Winterthur

Dreieckshandel, Sklaverei und helvetische Verwicklungen: Das Rahmenprogramm des diesjährigen Afro-Pfingsten-Festivals macht die kolonialen Spuren Winterthurs zum Thema.

Sozialer Treffpunkt unterschiedlicher Communities aus afrikanischen Ländern oder doch unreflektiertes Exotismus-Kuddelmuddel? Während sich die einen auf das Winterthurer Afro-Pfingsten-Festival freuen, ergreifen andere die Flucht aus der Stadt.

Unbestritten ist die Anziehungskraft des Anlasses: Jährlich lockt er Zehntausende auf den Markt in der Altstadt und an die Konzerte auf dem ehemaligen Sulzerareal, seit 2013 wird das Festival über eine Marketingagentur organisiert. Am Rande des Rummels, in der Alten Kaserne, findet jeweils ein thematisches Rahmenprogramm statt. Dieses Jahr organisiert die Berner Stiftung Cooperaxion eine Ausstellung über den Dreieckshandel, Sklaverei und helvetische Verwicklungen, Vorträge und eine Stadtführung.

Schweizer Verbindungen zum Versklavungshandel

Das Anliegen des kleinen Teams von Cooperaxion ist es, neue Perspektiven auf die alten Routen des Sklavenhandels zu entwickeln. Die Stiftung unterstützt Projekte in Liberia und Brasilien, sieht sich aber nicht als «Hilfsorganisation». Vielmehr möchte das Team auf historische Hintergründe für die heutigen sozialen Ungleichheiten aufmerksam machen und einen Teil dazu beitragen, diese zu reduzieren. In der Schweiz werden Informationsveranstaltungen durchgeführt mit dem Ziel, die Bevölkerung für diese Themen zu sensibilisieren.
Dazu trägt auch der Aufbau einer Online-Datenbank zu Schweizer Verbindungen mit dem europäischen Versklavungshandel bei. Vermehrt beschäftigen sich heute Historiker und Historikerinnen mit dem sogenannten «Kolonialismus ohne Kolonien», einem in der Deutschschweiz noch recht jungen Diskurs.

Dass der europäische Kolonialismus nicht als abgeschlossenes und regional begrenztes Kapitel Geschichte aufgefasst werden kann, sondern unter anderem in Form von Mythen in sprachlichen und kulturellen Konzepten bis in die Gegenwart fortwirkt, wird heute auch hierzulande diskutiert. Seit dem Jahr 2000 erschienen mehrere Publikationen, welche historische Verstrickungen der Schweiz mit dem transatlantischen Versklavungshandel aufzuarbeiten versuchen.

Schauplatz Winterthur

Gestützt auf den Handel mit Baumwolle und Kolonialwaren entwickelte sich im Windschatten europäischer Grossmächte auch im Winterthur des 19. Jahrhunderts eine florierende Wirtschaft. Winterthurer Handelsfamilien prägten diese Globalisierung stark mit und waren Teil der helvetischen Verstrickungen im transatlantischen Dreieckshandel. In diesem Zusammenhang steht das Rahmenprogramm der Afro-Pfingsten: Die Ausstellung in der Alten Kaserne möchte Hintergründe des kolonialen Wirtschaftssystems und der Schweizer Beteiligung daran vermitteln. Die Besucher und Besucherinnen sollen etwas über die Geschichte der Schokolade als Kolonialprodukt oder über die Zusammenhänge erfahren, wie «Blues und Baumwolle, Reggae und Sklaverei zusammenhängen».

In einem Vortrag berichtet Rea Brändle, die Autorin des Buches «Wildfremd, hautnah – Zürcher Völkerschauen und ihre Schauplätze 1835-1964», über Völkerschauen in Winterthur; der Historiker Harald Fischer-Tiné referiert über die koloniale Vergangenheit der Schweiz. Mit dem Stadtrundgang unter dem Motto «Auf den Spuren des kolonialen Handels in Winterthur» folgen der Historiker Miguel Garcia und Coucou-Redaktor Silvan Gisler den Spuren des transatlantischen Dreieckshandels in Winterthur, das Mitte des 19. Jahrhunderts ein bedeutender Umschlagplatz von Baumwolle war.

Heikler Balanceakt

Einen kritischen Blick auf die Rolle der Winterthurer Handelsfamilien und den im globalen Handel erwirtschafteten Reichtum zu werfen, ist höchste Zeit. Das «gute alte Mäzenatentum», wie es auch und vor allem in der aktuellen Kulturförderungsdebatte idealisiert wird, erscheint so in einem anderen Licht.

Ob aber das Afro-Pfingsten-Festival der richtige Anlass dafür ist?

Die Kolumnistin Amina Abdulkadir kritisierte bereits 2013 in der Mai-Ausgabe des Coucou (Nr.5): «Wenn man sich an den Afro-Pfingsten umschaut, vergeht einem die Lust nach Afrika. Denn wir bekommen genau das Afrika geboten, das wir uns vorstellen: Ein Abklatsch eines Kontinents, der als Land betrachtet wird. (…) Ich ärgere mich, dass Afrika angepriesen wird, wo undifferenziertes Ausland drin ist.» Die Schwierigkeit wird also sein, nicht in die gleiche Falle wie das Festival zu tappen. Vermögen die Veranstaltungen von Cooperaxion mit bestehenden Blickregimes zu brechen?

«Unser Ziel ist es, den Afro-Pfingsten und solchen Veranstaltungen, in denen, so scheint es, willkürlich «Afrika» konsumiert wird, einen Hintergrund zu geben und historische Zusammenhänge zu vermitteln. Wir wollen aufzeigen, dass die Schweiz Teil eines gesamteuropäischen Kolonialismus war und nicht isoliert vom restlichen Europa in Sachen Sklaverei, Handel und Profiten dasteht», erklärt Katharina Steinegger, die das Rahmenprogramm organisiert. «Dazu zeigen wir in Winterthur, auf welche Weise die Schweiz in diesen Handel involviert war. Winterthur hat – stark vereinfacht gesagt – davon profitiert, dass die Baumwolle aus Amerika aufgrund der Abschaffung der Sklaverei teurer wurde und damit Indien als neuen Absatzmarkt interessant werden liess.»

Auch die Völkerschauen in Winterthur und andernorts in der Schweiz seien Produkt eines «Kolonialismus ohne Kolonien». Deshalb sollen sie als Beispiel dienen, wie die in der Schweiz präsenten Fremdbilder von Menschen afrikanischer Herkunft zustande kamen. Ein Balanceakt, nicht zuletzt da am Ende weisse Historiker (und eine Autorin) «darüber» sprechen.

Für eine differenzierte Debatte ist ein möglichst gemischtes Publikum notwendig. Also los, Ausstellung anschauen, am Stadtrundgang teilnehmen, Vorträge besuchen – und dies am besten mit Eltern, Grosseltern, Kindern und Besuchern und Besucherinnen des Festivals, die nicht in Winterthur leben. Und dann viele Fragen stellen.

Stadtrundgänge durch Winterthur – Auf den Spuren des Kolonialismus:
Freitag, 22. Mai und Samstag, 23. Mai, jeweils 14 und 17 Uhr, Treffpunkt vor der Alten Kaserne

Völkerschauen in der Schweiz und Winterthur
ab Mittwoch, 20. Mai 2015, 19 Uhr, Alte Kaserne, 2. Stock

Auf den Spuren schwarzer Geschäfte
bis Freitag, 23. Mai, Donnerstag bis Samstag, 10 bis 20 Uhr, Alte Kaserne, 2. Stock

Führungen durch die Ausstellung auf Anfrage: cooperaxion.org

 

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