«Der Zeitpunkt seines Todes kam ungelegen.» Das ist der Satz, um den Felicia Zeller den gesamten Text von «X-Freunde» konzipiert und geschrieben hat. Er kommt sehr spät, in den letzten Minuten des Stückes, also muss die Geschichte bis dahin erzählt werden. Und die gestaltet Zeller folgendermassen:
Anne Holz (Anja Tobler) ist gelangweilt von ihrem Job in einer Grossraum-Agentur, in der sich die Kollegen lustige Videos schicken und auf Afterworkdrinks einladen. Sie macht ihren Job perfekt – daran besteht kein Zweifel. Sie ist fachlich kompetent und gutaussehend. Wertschätzung für ihre Leistung erhält sie aber nicht.
Dafür gelingt ihr der Befreiungsschlag aus der Bullshitbranche: Sie gründet ihre eigene Agentur «Private Aid». Hier wird soziale Utopie zu sozialer Wirklichkeit. Hier kann man Nachhaltigkeit kaufen, die sich zurückzahlt. Ein Weltverbesserungsunternehmen, das die Sprache des Kapitalismus spricht. Die Menschheit wird davon profitieren, beginnend zunächst bei einer Person: Anne.
Christian Hettkamp, Oliver Losehand, Anja Tobler.
Mit im Boot sitzen ihr arbeitsloser Mann Holger (Oliver Losehand) (sexuell läuft schon lange nichts mehr) und der gemeinsame Künstlerfreund des Paares Peter Pilz (Christian Hettkamp). Er ist gut, das weiss er, nur der Erfolg stellt sich nicht ein, und so verbringt Peter seine Zeit mit Überlegungen, ob es beruflich hilfreich ist, das Video des Galeristenhundes auf Facebook zu kommentieren. Er fühlt sich zeitweise mehr im Werbemarketing als in der elitären Kunstwelt zuhause. «X-Freunde» ist sein Projekt, an dem er ununterbrochen arbeitet.
Champagner in Cafeteriatassen
Das Stück beginnt in einer hektischen, stressigen Szene, Champagner wird geköpft und aus Cafeteriatassen getrunken. Das Konzept der neuen, der eigenen Agentur wird gefeiert, endlich Erfolg! Anne hängt in all dem Trubel immer mal wieder am Telefon, was die ausgelassene Stimmung aber nicht stört.
Im weiteren Verlauf des Stückes rennen die drei Protagonisten zwischen Drehscheibe und Folienvorhängen (Ausstattung: Prisca Baumann) in ihrem persönlichen Hamsterrad, nervige Fahrstuhlmusik im Hintergrund, sie sind auf der Jagd nach Erfolg und Anerkennung. Da sich bei Ehemann Holger, der ein Cateringunternehmen erfolgreich in den Sand gesetzt hat, ersterer nicht einstellen möchte, konzentriert er sich auf letztere: Er versucht krampfhaft die Aufmerksamkeit seiner Frau zu gewinnen, die ihn regelmässig versetzt und ignoriert. Streitigkeiten über den Haushalt und Quality Time in der Beziehung werden zum Dauerbrenner, und in dem Mass wie die Liebe schwindet, geht es auch mit der Freundschaft zwischen den dreien abwärts.
Nächste Vorstellungen: 26., 29., 30. September, weitere Termine im Oktober, Lokremise St.Gallen theatersg.ch
Gefühle kommen zu kurz. Einmal ein Schwenk in die Vergangenheit, jene Zeit, als Anne und Holger sich kennenlernten. Der erste Kuss im elften Stock. Beide jung und in der Blüte ihres Lebens, die nun welkt und im Stress verdorrt. Sie bewegen sich im Mittelmass. Mit dem Bewusstsein, dass es in China Menschen gibt, die es wesentlich schlechter haben, aber dann eben auch die, die over the top im Luxus leben. Die Protagonisten: irgendwo dazwischen.
«Sei nicht so gewöhnlich», sagt Anne zu Holger. Anders spricht sie zum Betriebssystem auf ihrem Laptop. Hier wird der Tonfall hingebungsvoll: «Dich berühre ich morgens zuerst und abends lasse ich dich ruhen, ich schalte dich nicht aus, wie auch ich nur ruhe, um immer bei dir zu sein.» Man fühlt sich ertappt, als Zuschauer. Hatte man doch selbst auch schon den Gedanken, dass es aber ausgesprochen nett ist vom Firefoxbrowser, dass er nach einem Absturz vermeldet: «Entschuldigung, das hätte nicht passieren dürfen.» Und man sich dabei fragt, wann sich im realen Leben einmal jemand so prompt und einfühlsam entschuldigen wird.
Generation Beissschiene
Überhaupt fühlt man sich unwohl, hier an diesem Abend unter der Woche, direkt aus dem Büro in ein Stück geraten, in dem einem Sätze ins Gesicht schlagen, die man selbst schon gesagt hat, ohne es zu wollen. Über Kollegen. Oder zum Partner.
Auch spürt man prompt die eigenen körperlichen Symptome von Stress, wenn sie auf der Bühne gezeigt werden: Migräne, Rückenschmerzen, Schlafstörungen, ein juckender Ausschlag, Gesichtslähmungen und hektische Zuckungen. Bei Anne bleibt zudem die Menstruation aus. Dabei hätte Holger doch so gerne ein Kind. Aber wie soll das denn jetzt auch noch funktionieren? Mit Anfang 40?
Um dem Nebeneinander-Alleinsein zu entfliehen, werden Selbsthilfegruppen aufgesucht und Urlaube gebucht. Alles vergebens. Workaholic Anne kommt nicht aus ihrer Arbeitssucht. Während sich die zwei männlichen Figuren im Stück so vorhersehbar wie diametral entwickeln, der eine zum plötzlichen Erfolg, der andere in den Suizid, bewegt sich wenig bei Anne. Sie bleibt gefangen in ihrer Welt, bis zum späten Satz: «Der Zeitpunkt seines Todes kam ungelegen.»
Zu wenig Gymnastik?
Sie habe sich den Charakteren auf einer psychologischen Ebene nähern und die Geschichte über den Künstler Peter Pilz erschliessen wollen, sagte Regisseurin Sophia Bodamer im Publikumsgespräch mit der Autorin, nach der Zweitaufführung vom Donnerstag. Letzteres gelingt ihr nicht, zu dominant ist die Figur Annes. Autorin Felicia Zeller wiederum hätte sich eine «gymnastischere» Inszenierung gewünscht und hält Psychologie nicht für den geeignetsten Zugangspunkt zu ihrem Stück.
Einige choreographische Ansätze sind denn auch zu sehen in der Inszenierung Bodamers; diese tragen den eigenwilligen Sprachduktus Zellers wunderbar, sei es das Kopfnicken Annes beim Telefonieren oder die kleineren Tanzsequenzen. Mit mehr solcher «Übersetzungen» hätte eine Metaebene gefunden werden können, um «Arbeit» als komplexes geistiges wie körperliches Tun spürbarer zu machen.
Das Publikum zeigte sich für die Erklärungen der Autorin wenig empfänglich. So schloss Dramaturg Armin Breidenbach die Diskussionsrunde relativ abrupt und entliess Autorin, Regieteam und Publikum mit einem Gefühl des Nichtverstandenseins in die Nacht. Was wiederum ganz passend ist zu einem Stück, das dem zeitgenössischen Aneinandervorbeileben einen Spiegel vorhält.
Bilder: Tine Edel
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