Hamlet ist ein geniales, widerspenstiges Stück. Und je genialer und widerspenstiger ein Stück ist, desto komplexer ist der Kosmos aus Interpretationen und Traditionen, der sich um ein solches Werk herum bildet.
Das gilt auch für den Hamlet mit seinen ambivalenten, undurchschaubaren Figuren, denen man nicht wirklich trauen kann und die sich auch gegenseitig etwas vorspielen. Unzählige Male wurde das Stück schon inszeniert, und zahllos sind auch die möglichen Herangehensweisen an das Werk.
Diese Vielfalt will das Projekt HotSpotHamlet ausloten, mit dem sich Jonas Knecht in seiner neuen Rolle als Schauspieldirektor in St. Gallen vorstellt: In den kommenden Wochen hat man die Chance, drei Mal Hamlet in drei verschiedenen Umsetzungen an drei verschiedenen Spielorten zu sehen.
Mit seiner Inszenierung Hamlet_LOK in der Lokremise hat Jonas Knecht nun den ersten Teil dieser Trilogie vorgelegt: ohne Berührungsängsten mit dem Klassiker, dafür mit spielerischem Interesse für den Mythos, den das Stück umgibt.
Ringen um Hamlet – vorne Emily Pak, Hoang Anh Ta Hong, Lorian Mader und Cecilia Wretemark vom Tanzensemble.
Perspektivwechsel
In seinem Hamlet gibt es keine fünf Akte, denen entlang das Stück auf sein fatales Ende zusteuert. Die Szenen folgen keiner narrativen Logik, in der sich die feine Psychologie zwischen den Figuren entspinnen könnte. Und überhaupt wird hier nicht die Geschichte mit ihren Wendungen und Intrigen erzählt.
Die Inszenierung sucht ihre Bilder in den Vorstellungen und den Klischees, die über das Stück existieren. Zwischen den Zeilen und in den Kommentaren über Shakespeare.
Knecht inszeniert also nicht einfach Hamlet, sondern blickt von einer Meta-Ebene über das Stück und bohrt von dort aus in die Geschichte hinein. Seine Werkzeuge dafür sind Tanz, Theater und Musik. Denn in dieser Inszenierung gibt es keine Grenzen zwischen den Sparten. Das ermöglicht einen neuen und erfrischenden Blick auf das Stück.
Zwischen Königshof und Kongresszentrum
Man befindet sich wohl auf einem Kongress. Denn an einem Podium, das auf einem Gerüst montiert ist, sitzen seltsame Doppelgänger des Shakespeare’schen Personals. Sie tragen auch ähnliche Namen, wie die Schildchen vor ihnen verraten: So heissen sie beispielsweise H. Amlet, C. Laudius, G. Ertrud oder R. Osenkranzundgü. Hinter den Pseudonymen verbergen sich doppeldeutige Gestalten: Mal sind es Expertinnen und Experten, die über Shakespeares Klassiker fachsimpeln, mal verwandeln sie sich in die Figuren aus dem Stück.
Aus dem Changieren zwischen Shakespeare-Figuren und Shakespeare-Experten, zwischen Königshof und Kongresszentrum entwickelt sich das Stück.
Dieses besteht aus einer Aneinanderreihung von Szenen, Miniaturen, Choreografien und Slapstick-Einlagen. Darin schaffen die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler (Oliver Losehand, Anja Tobler, Birgit Bücker, Bruno Riedl, Christian Hettkamp, Hans Jürg Müller) und die vier Tänzerinnen und Tänzer (Hoang Anh Ta Hong, Lorian Mader, Emily Pak, Cecilia Wretemark) Bilder und Szenen aus dem Hamlet-Universum.
Schauspieler Oliver Losehand (vorn) und das Ensemble.
Mediale Übersetzungen
Die Szenen entstehen aus dem Umblättern von Notizblöcken oder aus dem Herumspielen mit Wasserbechern. Aus solchen kleinen Bewegungssequenzen gestaltet Knecht zusammen mit dem Choreografen Sergiu Matis präzis komponierte Slapstick-Momente. Oben auf dem Gerüst tragen die Figuren durch das Herumschieben ihrer Notizen kleine Machtkämpfe aus, unten fährt derweil der Musiker in einem kleinen, ferngesteuerten Wägelchen herum. Feiner Humor blitzt aus den Szenen hervor.
Die Musik, die Andi Peter live als treibenden Sound-Teppich unter die Szenen legt, das Gerüst-Bühnenbild von Markus Karner, das die Bühne in ein hierarchisches Oben und Unten teilt, und die wunderbar schrägen Kostüme von Friederike Meisel schaffen dafür einen guten Rahmen. Das Stück kommt dabei mit wenig Text aus: Vom Original sind nur ein paar Zitat-Stücke und Monolog-Fetzen übrig geblieben.
Aber Shakespeare geht auch ohne den Shakespeare’schen Text. Die Geschichte wird in Pantomime, Tanz und genau komponierte Bilder übersetzt.
Zu den Höhepunkten gehören denn auch die Tanzeilagen, die der Choreograf Sergiu Matis entwickelt hat: Er lässt die vier Tänzerinnen und Tänzer wie Avatare aus einem Computer-Game über die Bühne wirbeln, einen Monolog in Körpersprache übersetzen oder sich in Krähen und Hunde verwandeln. Aber genauso faszinierend ist es, wenn die SchauspielerInnen eine Shakespeare’sche Figur für einen Moment durch eine Geste, einen Tanz oder eine Haltung aufblitzen lassen.
Tänzer Lorian Mader und das Ensemble.
Dieser Hamlet ist Programm
Der Abend ist für Knecht aus zwei Gründen ein Erfolg: Er überzeugt mit einem klugen, erfrischenden Hamlet, aus dem ein feiner Humor hervorblitzt. Und gleichzeitig positioniert er sich klar im Hinblick auf seine Zeit als Schauspieldirektor.
Denn diese Regiearbeit ist Programm: Man tanzt, dekonstruiert, spielt, macht Musik. Man hinterfragt festgefahrene Strukturen, wählt unkonventionelle Wege und setzt auf spartenübergreifende Kollaborationen. Das scheint ein Erfolgsrezept zu sein. Für die kommenden Spielzeiten wünscht man sich mehr davon.
Wer neben Knechts Meta-Version noch mehr Hamlet sehen will: Diesen Mittwoch feiert die Version für ein junges Publikum, inszeniert von Eveline Ratering im Studio Premiere, und ab dem 23.September ist das Stück in der Inszenierung von Barbara-David Brüesch auf der grossen Bühne zu sehen.
Hamlet_LOK: weitere Vorstellungen bis 2. Oktober, Lokremise St.Gallen. Bilder: Sebastian Hoppe
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