Kategorie
Autor:innen
Jahr

Aha Haha H. Amlet

Mit einem erfrischenden Meta-«Hamlet» gelingt dem neuen Schauspieldirektor Jonas Knecht ein überzeugender Einstand am Theater St. Gallen. Seine Inszenierung zeigt auch, in welche Richtung es mit dem Theater gehen soll. Die Kritik von Sebastian Ryser.
Von  Gastbeitrag , 

Hamlet ist ein geniales, widerspenstiges Stück. Und je genialer und widerspenstiger ein Stück ist, desto komplexer ist der Kosmos aus Interpretationen und Traditionen, der sich um ein solches Werk herum bildet.

Das gilt auch für den Hamlet mit seinen ambivalenten, undurchschaubaren Figuren, denen man nicht wirklich trauen kann und die sich auch gegenseitig etwas vorspielen. Unzählige Male wurde das Stück schon inszeniert, und zahllos sind auch die möglichen Herangehensweisen an das Werk.

Diese Vielfalt will das Projekt HotSpotHamlet ausloten, mit dem sich Jonas Knecht in seiner neuen Rolle als Schauspieldirektor in St. Gallen vorstellt: In den kommenden Wochen hat man die Chance, drei Mal Hamlet in drei verschiedenen Umsetzungen an drei verschiedenen Spielorten zu sehen.

Mit seiner Inszenierung Hamlet_LOK in der Lokremise hat Jonas Knecht nun den ersten Teil dieser Trilogie vorgelegt: ohne Berührungsängsten mit dem Klassiker, dafür mit spielerischem Interesse für den Mythos, den das Stück umgibt.

Hamlet_LOK Ein Projekt mit Tänzern, Schauspielern und einem Musiker nach William Shakespeare Premiere Hamlet_LOK Freitag, 9. September 2016 Lokremise Inszenierung: Jonas Knecht Choreografie: Sergiu Matis Bühne: Markus Karner Kostüme: Friederike Meisel Musik | Musikalische Leitung: Andi Peter Dramaturgie | Text: Anita Augustin Es spielen Bruno Riedl | Oliver Losehand | Birgit Bücker | Anja Tobler | Christian Hettkamp | Hansjürg Müller | Hoang Anh Ta Hong | Lorian Mader | Emily Pak | Cecilia Wretemark

Ringen um Hamlet – vorne Emily Pak, Hoang Anh Ta Hong, Lorian Mader und Cecilia Wretemark vom Tanzensemble.

Perspektivwechsel

In seinem Hamlet gibt es keine fünf Akte, denen entlang das Stück auf sein fatales Ende zusteuert. Die Szenen folgen keiner narrativen Logik, in der sich die feine Psychologie zwischen den Figuren entspinnen könnte. Und überhaupt wird hier nicht die Geschichte mit ihren Wendungen und Intrigen erzählt.

Die Inszenierung sucht ihre Bilder in den Vorstellungen und den Klischees, die über das Stück existieren. Zwischen den Zeilen und in den Kommentaren über Shakespeare.

Knecht inszeniert also nicht einfach Hamlet, sondern blickt von einer Meta-Ebene über das Stück und bohrt von dort aus in die Geschichte hinein. Seine Werkzeuge dafür sind Tanz, Theater und Musik. Denn in dieser Inszenierung gibt es keine Grenzen zwischen den Sparten. Das ermöglicht einen neuen und ­erfrischenden Blick auf das Stück.

Zwischen Königshof und Kongresszentrum

Man befindet sich wohl auf einem Kongress. Denn an einem Podium, das auf einem Gerüst montiert ist, sitzen seltsame Doppelgänger des Shakespeare’schen Personals. Sie tragen auch ähnliche Namen, wie die Schildchen vor ihnen verraten: So heissen sie beispielsweise H. Amlet, C. Laudius, G. Ertrud oder R. Osenkranzundgü. Hinter den Pseudonymen verbergen sich doppeldeutige Gestalten: Mal sind es Expertinnen und Experten, die über Shakespeares Klassiker fachsimpeln, mal verwandeln sie sich in die Figuren aus dem Stück.

Aus dem Changieren zwischen Shakespeare-Figuren und Shakespeare-Experten, zwischen Königshof und Kongresszentrum entwickelt sich das Stück.

Dieses besteht aus einer Aneinanderreihung von Szenen, Miniaturen, Choreografien und Slapstick-Einlagen. Darin schaffen die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler (Oliver Losehand, Anja Tobler, Birgit Bücker, Bruno Riedl, Christian Hettkamp, Hans Jürg Müller) und die vier Tänzerinnen und Tänzer (Hoang Anh Ta Hong, Lorian Mader, Emily Pak, Cecilia Wretemark) Bilder und Szenen aus dem Hamlet-Universum.

Hamlet_LOK Ein Projekt mit Tänzern, Schauspielern und einem Musiker nach William Shakespeare Premiere Hamlet_LOK Freitag, 9. September 2016 Lokremise Inszenierung: Jonas Knecht Choreografie: Sergiu Matis Bühne: Markus Karner Kostüme: Friederike Meisel Musik | Musikalische Leitung: Andi Peter Dramaturgie | Text: Anita Augustin Es spielen Bruno Riedl | Oliver Losehand | Birgit Bücker | Anja Tobler | Christian Hettkamp | Hansjürg Müller | Hoang Anh Ta Hong | Lorian Mader | Emily Pak | Cecilia Wretemark

Schauspieler Oliver Losehand (vorn) und das Ensemble.

Mediale Übersetzungen

Die Szenen entstehen aus dem Umblättern von Notizblöcken oder aus dem Herumspielen mit Wasserbechern. Aus solchen kleinen Bewegungssequenzen gestaltet Knecht zusammen mit dem Choreografen Sergiu Matis präzis komponierte Slapstick-Momente. Oben auf dem Gerüst tragen die Figuren durch das Herumschieben ihrer Notizen kleine Machtkämpfe aus, unten fährt derweil der Musiker in einem kleinen, ferngesteuerten Wägelchen herum. Feiner Humor blitzt aus den Szenen hervor.

Die Musik, die Andi Peter live als treibenden Sound-Teppich unter die Szenen legt, das Gerüst-Bühnenbild von Markus Karner, das die Bühne in ein hierarchisches Oben und Unten teilt, und die wunderbar schrägen Kostüme von Friederike Meisel schaffen dafür einen guten Rahmen. Das Stück kommt dabei mit wenig Text aus: Vom Original sind nur ein paar Zitat-Stücke und Monolog-Fetzen übrig geblieben.

Aber Shakespeare geht auch ohne den Shakespeare’schen Text. Die Geschichte wird in Pantomime, Tanz und genau komponierte Bilder übersetzt.

Zu den Höhepunkten gehören denn auch die Tanzeilagen, die der Choreograf Sergiu Matis entwickelt hat: Er lässt die vier Tänzerinnen und Tänzer wie Avatare aus einem Computer-Game über die Bühne wirbeln, einen Monolog in Körpersprache übersetzen oder sich in Krähen und Hunde verwandeln. Aber genauso faszinierend ist es, wenn die SchauspielerInnen eine Shakespeare’sche Figur für einen Moment durch eine Geste, einen Tanz oder eine Haltung aufblitzen lassen.

Hamlet_LOK Ein Projekt mit Tänzern, Schauspielern und einem Musiker nach William Shakespeare Premiere Hamlet_LOK Freitag, 9. September 2016 Lokremise Inszenierung: Jonas Knecht Choreografie: Sergiu Matis Bühne: Markus Karner Kostüme: Friederike Meisel Musik | Musikalische Leitung: Andi Peter Dramaturgie | Text: Anita Augustin Es spielen Bruno Riedl | Oliver Losehand | Birgit Bücker | Anja Tobler | Christian Hettkamp | Hansjürg Müller | Hoang Anh Ta Hong | Lorian Mader | Emily Pak | Cecilia Wretemark

Tänzer Lorian Mader und das Ensemble.

Dieser Hamlet ist Programm

Der Abend ist für Knecht aus zwei Gründen ein Erfolg: Er überzeugt mit einem klugen, erfrischenden Hamlet, aus dem ein feiner Humor hervorblitzt. Und gleichzeitig positioniert er sich klar im Hinblick auf seine Zeit als Schauspieldirektor.

Denn diese Regiearbeit ist Programm: Man tanzt, dekonstruiert, spielt, macht Musik. Man hinterfragt festgefahrene Strukturen, wählt unkonventionelle Wege und setzt auf spartenübergreifende Kollaborationen. Das scheint ein Erfolgsrezept zu sein. Für die kommenden Spielzeiten wünscht man sich mehr davon.

Wer neben Knechts Meta-Version noch mehr Hamlet sehen will: Diesen Mittwoch feiert die Version für ein junges Publikum, inszeniert von Eveline Ratering im Studio Premiere, und ab dem 23.September ist das Stück in der Inszenierung von Barbara-David Brüesch auf der grossen Bühne zu sehen.

Hamlet_LOK: weitere Vorstellungen bis 2. Oktober, Lokremise St.Gallen. Bilder: Sebastian Hoppe

theatersg.ch

 

 

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1