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Alle grünen Register ziehen

Grün und biodivers bauen: Singapur macht es vor, Mailand kanns auch, St.Gallen hinkt noch hinterher.
Von  Corinne Riedener
Bild: Aurelio Kopainig

In Singapur nennt man ihn den Pflanzenflüsterer. Veera Sekaran, der Gründer von Greenology, einem Unternehmen, das auf vertikale Begrünung spezialisiert ist, will Biotope schaffen, ein ganzheitliches urbanes Pflanzensystem. Das Ziel des Botanikers: die Natur in die Stadt zurückholen. Die Verstädterung sei eine grosse Herausforderung, sagte er letztes Jahr in einem Interview mit dem «Südwestrundfunk». Die Architekten und Stadtplaner würden die Natur oft vergessen, dann fange man wieder ganz von vorne an.

Singapur liegt am Äquator, ist etwas kleiner als Berlin und hat eine Bevölkerung von über 5,5 Millionen Menschen. Im dichtbebauten Stadtstaat herrschen das ganze Jahr über Temperaturen um die 30 Grad, dazu kommt die hohe Luftfeuchtigkeit. Singapurs Gebäude müssen also so offen wie möglich konzipiert sein, um Licht, Luft und Wind in und durch sie zu leiten. Auch damit man nicht immer alles klimatisieren muss und endlos Strom verbraucht. Das alleine reicht aber noch nicht, auch die Begrünung spielt eine grosse Rolle in einem hochverdichteten Raum wie Singapur einer ist, vor allem die vertikale. Pflanzen sind der natürlichste Schutz vor Sonneneinstrahlung. Eine begrünte Fassade kann die Temperatur um bis zu sieben Grad senken.

Singapur ist führend, was die grüne und nachhaltige Architektur betrifft. Ein herausragendes Beispiel dafür ist das Projekt SkyVille, das 2015 fertiggestellt wurde – öffentlich gefördert: drei Cluster-Hochhäuser, die mit etlichen Terrassen und Gängen miteinander verbunden sind. Das natürliche Prinzip der Cross-Ventilation leitet Wind zwischen und durch die Gebäude. Im Abstand von jeweils zehn Stockwerken befinden sich sogenannte Sky-Gardens, bepflanzte Terrassen, die auf zwei Seiten offen sind. Der «Deckel» zuoberst, der die drei Cluster-Gebäude miteinander verbindet, ist ein rund um die Uhr öffentlich zugänglicher Park samt Joggingstrecke und Photovoltaikanlage. Neben den rund 960 Apartments finden sich in SkyVille auch gemeinsam nutzbare Wohnzimmer, Supermärkte, Coffeshops, Fitnesscenter, Hochzeitspavillons und vieles mehr.

80 Pflanzenarten auf zwei Hochhäusern

Ein nicht gar so ambitioniertes, aber ähnlich gedachtes Projekt findet sich auch in Europa: der «Bosco Verticale», der vertikale Wald, zwei begrünte Zwillingstürme in Mailand, entworfen vom italienischen Architekten Stefano Boeri. Auch bei diesen Wohngebäuden standen Verdichtung und Biodiversität bzw. das Stadtklima ganz oben auf der Anspruchsliste. Etwa 900 Bäume und mehr als 2000 andere Pflanzen wurden in unzählige Betonwannen gepflanzt – 20 verschiedene Laub- und Nadelbaumarten und 80 Pflanzenarten insgesamt. Diese mildern nicht nur die Emissionen von Lärm, Staub und Hitze, sondern schaffen auch neue, zusätzliche Lebensräume für diverse Insekten- und Vogelarten. Und ändern ihr Aussehen im Lauf des Jahres.

Der «Bosco Verticale» in Mailand wurde 2014 fertiggestellt. Die Gebäude sind 110 und 80 Meter hoch. (Bild: Wikipedia)

Heute leben mehr als die Hälfte aller Menschen in Städten. Wenn es so weitergeht, sollen es im Jahr 2050 mehr als zwei Drittel sein. Somit wird die Frage nach dem lebenswerten Leben in den Städten immer wichtiger. Am schnellsten wachsen die Städte in Asien und Lateinamerika, aber auch europäische Städte verzeichnen ein starkes Wachstum. Das bringt nicht nur mehr Feinstaub, sondern auch den sogenannten Hitzeinseleffekt mit sich – auch in der beschaulichen, zersiedelten Schweiz ist er deutlich spürbar: Im Sommer ist es in der Stadt St.Gallen zum Beispiel deutlich wärmer als in der umliegenden Agglo.

Laut dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) wird die Hitzebelastung mit dem voranschreitenden Klimawandel weiter zunehmen. Modellrechnungen zeigen, dass Hitzewellen, wie sie heute nur ungefähr alle zehn Jahre auftreten, bereits Mitte des Jahrhunderts regelmässig, sprich jedes Jahr vorkommen könnten.

Mehr dazu in der Publikation Hitze in Städten – Grundlage für eine klima- angepasste Siedlungsentwicklung, Bern 2018.

Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) schreibt zum Hitzeinseleffekt: «Die Absorption der einfallenden Sonnenstrahlung durch die vielen versiegelten Flächen, die fehlenden Grünflächen und die wegen dichter Bebauung bzw. ungeeigneter Gebäudeausrichtung eingeschränkte Windzirkulation sowie die Abwärme von Industrie und Verkehr tragen zum Hitzeinseleffekt bei, welcher die Aufheizung tags- über steigert und die nächtliche Abkühlung deutlich reduziert. Der Effekt ist einige Stunden nach Sonnenuntergang am stärksten ausgeprägt.»

Doch wo ansetzen? Ein übergreifendes Konzept oder Programm existiert (noch) nicht in der föderalistischen Schweiz, darum müssen alle Gemeinden und Städte selbst in die Gänge kommen. Der Bund hat in Sachen Klimaanpassung einige Planungsgrundsätze und städtebauliche Ansätze verfasst. Dazu gehören unter anderem: fleissig Stadtbäume pflanzen, Siedlungsstrukturen und vernetzte Freiräume vom Klima her planen, Schattenzonen schaffen, Frischluftzirkulationssysteme entwickeln, sprich das Cross-Ventilation-Prinzip nutzen, Verdichtung als Chance sehen oder auch Wasser selbstverständlich in die Planungen miteinbeziehen.

Pflanzen für die Zukunft

In St.Gallen, der selbsternannten «Stadt im grünen Ring», ist das Thema «grünes Bauen» noch nicht allzu virulent. Es gibt zwar begrünte Dächer, aber einen vertikalen Wald wie in Mailand gibt es hier noch nicht und es ist auch nichts Derartiges in Planung.

Mehr zum Thema «Bauen mit Natur» findet sich auf der Website der Stadt St.Gallen. Dort kann man unter anderem Leitfäden zu Dachbegrünung, Fassadenbegrünung und ein Merkblatt zum «Gärtnern in der Stadt» downloaden.

Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner würde ein Umdenken diesbezüglich sehr begrüssen. «Als Architekt bin ich sehr interessiert am grünen Werkstoff», sagt er. «Nicht nur aus Klimagründen, sondern durchaus auch an seinem ästhetischen Potenzial.» Darum lädt er die zeitgenössischen Architekten herzlich dazu ein, auch Pflanzen als Baumaterial zu begreifen. «Wir sollten uns dazu durchringen, nicht nur klassische Materialien wie Holz, Glas oder Stein in Betracht zu ziehen, sondern auch mit einem ‹grünen Register› zu planen. Wenn wir nämlich nicht bereit sind, Lösungen für die Zukunft zu entwickeln, sind wir nur ‹Dekorationsarchitekten› ohne Inhalt. Es reicht nicht, wenn wir uns erst mit dem Thema auseinandersetzen, wenn wir nicht mehr anders können.»

In Singapur wurde bereits vor über 50 Jahren beschlossen, dass ein gewisser Prozentsatz der Stadt grün sein muss. Veera Sekaran sagte im eingangs erwähnten Interview, dass Pflanzen Teil unseres Lebens sind – eine Notwendigkeit, kein Luxus. Er glaubt fest daran, dass Pflanzen das Leben der Menschen verbessern, dass sich das Grün auszahlt und positive Auswirkungen hat. «Vielen ist nicht klar, welchen Wert Pflanzen für unsere Zukunft haben», bedauert der Botaniker. In St.Gallen ist man offenbar auch noch nicht so weit. Ein stadtparlamentarischer Vorstoss mit der Bitte an den Stadtrat, «zu prüfen und Bericht zu erstatten, wie der Einbau von grünen Dächern und begrünten Fassaden (in bestehenden und neuen Gebäuden) gefördert und umgesetzt werden kann», wurde kürzlich für unerheblich erklärt.

Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten. 

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