In der letzten Oktoberwoche hatten die Bewohnerinnen und -Bewohner des St.Galler Linsebühlquartiers Post von der Stadt im Briefkasten: ein gemeinsames Schreiben von Stadtpolizei und der Stiftung Suchthilfe. «Lebensqualität ist ein massgeblicher Wert in unserer Stadt», heisst es darin. «Sie zu erhalten und zu fördern ist eine wichtige Aufgabe des Gemeinwesens. Rücksichtlosigkeit und Unachtsamkeit können bekannterweise die Lebensqualität, aber auch die Sicherheit gefährden.»
Unterstützen, beraten, beobachten
Ist wiedermal eine Hausparty ausgeartet? Wurden im Kafi Franz illegale Substanzen im teuren Essen gefunden? Hat jemand seinen Eigenanbau nicht ordentlich versteckt? Nein, es ist ernster: von einem «Vorfall mit Drogenutensilien» ist die Rede. «Im Wohnquartier an der Rotachstrasse wurde Ende September Spritzbesteck gefunden», erklärt Kathrin Wenger, Leiterin der Fachstelle für aufsuchende soziale Arbeit (FASA) und des Blauen Engels der Stiftung Suchthilfe, auf Nachfrage. Daraufhin habe man präventive und repressive Massnahmen eingeleitet.
Diese sind denn auch im gemeinsamen Schreiben mit der Stapo beschrieben: «Die Betroffenen wurden unmittelbar durch die FASA unterstützt und beraten. Zudem beobachten zivile und uniformierte Patrouillen das Geschehen in Ihrem Wohnquartier, leiten geeignete Massnahmen wie Personenkontrollen, Anzeigeerstattungen, Festnahmen sowie polizeiliche Wegweisungen von straffälligen Personen ein.»
«Wir, die Stiftung Suchthilfe und die Stadtpolizei, sind tagtäglich bestrebt, den ‹Spiegel der Gesellschaft› auch in Ihrem Wohnquartier auf einem quartierverträglichen Niveau zu halten», heisst es weiter. Wer oder was genau dieser «Spiegel der Gesellschaft» sein soll und wo die ominöse Quartierverträglichkeit aufhört bzw. anfängt, wird nicht beantwortet. Dafür aber, wie das gewährleistet werden soll: Mit Hilfe der Quartierbevölkerung. «Sie können uns durch ihre Zivilcourage und zeitgerechte Meldung von Beobachtungen oder Feststellungen in Zusammenhang mit Drogenkonsum unterstützen», schreiben Stapo und Stiftung Suchthilfe. «Wenden Sie sich dazu bitte an die Stadtpolizei St.Gallen.»
Unsicherheiten thematisieren
Denunzieren für die «Quartierverträglichkeit» also? Stehen bald an jeder Ecke, hinter jedem Busch zivilcouragierte Linsebühlerinnen und Linsebühler, die fleissig Handyvideos drehen, um sie der Polizei weiterzuleiten? Kathrin Wenger winkt ab. So will sie das Schreiben keinesfalls verstanden wissen. «Es gibt Unsicherheiten in der Quartierbevölkerung, manche sind sehr besorgt», erklärt sie. «Wir wollen sicher nicht zur Denunziation aufrufen, sondern vielmehr zeigen, dass wir – die Stiftung Suchthilfe und die Stadtpolizei – da sind, dass wir die Sorgen ernst nehmen und gegebenenfalls auch rasch reagieren können.»
Um dem Nachdruck zu verleihen, wurde am Donnerstagnachmittag im Kaffeehaus ein Austausch zur «Situation im Linsebühl» veranstaltet mit den Anwohnerinnen und Anwohnern der nahegelegenen Rotachstrasse. Neben Kathrin Wenger war auch SP-Stadtparlamentarierin und Südost-Quartiervereinspräsidentin Alexandra Akeret anwesend, die im vergangenen August den SP-Stadtspaziergang zum Thema St.Gallen und seine Drogengeschichte mitorganisiert hat.
«Wir sind nicht wegen einer einzigen Spritze aktiv geworden», sagt Akeret. «Die Situation hat sich über mehrere Monate hinweg zugespitzt, so dass viele Leute ihr Unbehagen bekundeten.» Angefangen habe es im vergangenen Frühling, als ein Journalist und ehemaliger Stadtparlamentarier vom Spielplatz an der Linsebühlstrasse verwiesen wurde. Die Berichterstattung darüber habe die Diskussion um Verdrängung und sogenannt Randständige im Linsebühl angefacht.
Der besagte Spielplatz.
Seither gebe es zwar einen «gut laufenden Runden Tisch» im Quartier, gewisse Vorfälle hätten sich dennoch weiter gehäuft, erklärt Akeret. «An manchen Orten wird offen mit Drogen gedealt, die teilweise auch auf Privatgrundstücken gebunkert werden.» Sie betont aber: «Alle sollen Platz haben in unserem Quartier, auch die sogenannt Randständigen sind willkommen.»
Warum kein «Fixerstübli»?
Fragt man die sogenannt Randständigen in St.Gallen, was sie sich denn wünschten, hört man oft dasselbe: einen warmen Raum, wo man ohne Angst vor Repression konsumieren kann – ein «Fixerstübli» also, wie es sie auch in Zürich oder Bern gibt. Stadtparlamentarierin Akeret sagt, sie habe sich schon mehrfach überlegt, einen derartigen Vorstoss zu machen, sei aber bei den Fachleuten jedes Mal abgeblitzt mit ihren Fragen. Auch Kathrin Wenger von der Stiftung Suchthilfe schätzt die Chancen für einen solchen Raum momentan eher gering ein. Das sei primär eine politische Frage und ausserdem ein grosses Projekt, sagt sie. «Vorderhand müssen wir uns um die Situation im Linsebühl kümmern.»
Ob an der Rotachstrasse, im Linsebühl oder auch an anderen Orten dieser Stadt: «Konflikte, die im öffentlichen Raum sichtbar und damit auch thematisierbar werden, verweisen stets auf die Frage danach, in welcher (Stadt-)Gesellschaft wir leben (wollen) und wie alle Menschen ein gutes Leben führen können», schreibt die «AG öffentliche Räume» des Forums für kritische Soziale Arbeit (KRISO) St.Gallen auf Anfrage. «Herumliegende Spritzen können als Symptom, aber keinesfalls als ‹Kern› dieser Konflikte verstanden werden.»
In St.Gallen gebe es Menschen respektive Gruppen, denen einerseits die Nutzung öffentlicher bzw. gesellschaftlich relevanter Räume systematisch verwehrt werde, andererseits blieben ebendiese Menschen bei den allermeisten in St.Gallen etablierten Partizipationsmöglichkeiten systematisch aussen vor, halten die Fachleute fest. «Auf den Punkt gebracht: Der gegenwärtig etablierte, sogenannte öffentliche Diskurs reproduziert mit hoher Wahrscheinlichkeit soziale Ausschliessung.»
Zweifel an «etablierten Verfahren» des Austauschs
Im Bezug auf den bevorstehenden Austausch im Linsebühl fragt sich die KRISO unter anderem, wie man sicherstellen will, «dass nicht nur die Bedürfnisse und Anliegen von einzelnen Menschen Gehör finden; von Menschen, die sich trauen, sich öffentlich zu äussern, die sich angesprochen fühlen von etablierten Verfahren des Austauschs, und die zudem recht sicher sein können, dass ihre Anliegen und Interessen Gehör finden und als legitim anerkannt werden.»
«Wir von der Stiftung Suchthilfe bieten Menschen, welche sich im Austausch unsicher fühlen, Möglichkeiten ihre Bedürfnisse und Anliegen zu äussern», entgegnet Kathrin Wenger. «Es stehen dazu verschiedene Angebote von unserer Seite zur Verfügung, und die langjährige Erfahrung zeigt, dass diese Angebote auch genutzt werden. So können wir die Bedürfnisse und Anliegen aufnehmen und vertreten. Der Mensch steht auch hier im Mittelpunkt unserer Arbeit.»
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