, 28. März 2013
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Allein, allein

Geht die Landjugend aus, dann säuft sie und baggert an – so das gängige Urteil. Ob es der Wahrheit entspricht? Szenen einer Partynacht im St.Galler Rheintal. von Samuel Tanner

Gel-Frisur, lila Shirt mit V-Ausschnitt, Lederjacke. Burim, 19, sitzt im Bus der Rheintaler Verkehrsbetriebe. Es ist ein Samstagabend im April des letzten Jahres und er ist auf dem Weg an die Rhema, an die grösste Party dieser Region. 10 000 Leute sollen kommen.Und schon jetzt, bevor es richtig losgeht, fühlt sich Burim voll easy – neben ihm sitzt immerhin Caro.

Er: «Isch din Fründ Schwizer?»
Sie: «Nei, Secondo, Halb-Italiener.
Vater Schwizer, Mueter Tessinerin.»

Er: «Voll easy.»
Sie: «Vertraue isch wichtig, weisch.
Und Liebi.»

Burim fehlt diese Liebe noch. Er feiert Samstag für Samstag mit seinen Kollegen, sie nennen sich «King I, II und III». Irgendeine Party gibt es immer.

Seit der Schweizer Privatsender 3+ vor drei Jahren mit dem Format «Jung, wild, sexy – baggern, saufen, Party machen» auf Sendung ging, besteht ein ziemlich undifferenziertes Bild vom Nachtleben unserer Landjugend. Da fragte etwa Amadeo aus Lausen (AG) eine Frau: «Häsch 15 Minute de Ziit und 20 cm Platz?» Cyril aus Wittnau (AG) schrie: «Ran an die Möpse und Muschis!» Oder Francisco aus Pratteln (BL), ganz bescheiden: «Ich bin der Oberchecker!»

Ist das die traurige Wirklichkeit? Oder nur der Versuch eines Fernsehsenders, die Quoten zu steigern? Diese April-Nacht an der Rheintaler Messe soll zeigen, ob es den jungen Erwachsenen in den Seitentälern nur darum geht. Oder ob sie nicht doch auf der Suche nach den
ganz grossen Gefühlen sind.

Beim Eingang zur Rhema-Zeltstadt – hier feiert man im Disco-Drom, im Appenzeller- oder im Schlagerzelt – sagt einer: «Kondom hani iipackt, weisch nie, haha.» Es gibt zehntausend Besucher, es gäbe zehntausend Geschich- ten, aber es gibt diesen einen grossen Nenner. «Kondom hani iipackt, weisch nie, haha.»

Burim hat mittlerweile die achtzehn Franken für den Einzeleintritt bezahlt. «Gömmer Disco-Drom», sagt er zu King I und III. «Easy», antworten die, es ist nun 22.48 Uhr. Im Appenzeller-Zelt spielen um diese Zeit die Meisterrocker. Der Frontsänger nennt sich Keule,
singt von den grossen Gefühlen und bemüht die grossen Gesten. Einmal spielt er mit dem Mikrofonständer Luftgitarre. «Gebt’s Vollgas, ihr Hoschis!» In der ersten Reihe lehnen vier junge Männer mit Bier am Gatter und wanken ausserhalb des Rhythmus. Der Rest des Publikums verschanzt sich hinter den Bartresen – sie wollen keine Hoschis sein, sie wollen ihren Frieden und schauen sich nach dem anderen Geschlecht um.

Mitschnitt aus einem
Männergespräch:
«Isch si do?» – «Wer?» –
«Sie!» – «Jo, i schrib ere mol.»

Der eine trägt ein kariertes Hemd und einen Gürtel, auf dem ein Alpaufzug nachgezeichnet ist. Dem anderen reicht die Levis-Jeans maximal bis zum Knöchel. Vor dem schicksalhaften SMS ziehen sie sich noch etwas Schnupf- tabak in die Nase. Nebenan diskutieren drei junge
Frauen über den Mister-Schweiz-Kandidaten aus dem Nachbardorf. «Hätter e Fründin?», fragt eine. Wiederum zwei Meter weiter redet eine Männerrunde über die Frauenrunde, die über den Kandidaten redet.

Der Disco-Drom ist da schon der geeignetere Ort, um sich näherzukommen. Die elektronischen Beats bieten den Musikteppich, auf dem man sich umtanzen kann – ganz ohne Anmachspruch, ohne Ausrede, ohne Rechtfertigung. Es passiert einfach.

Kondom hani iipackt, weisch nie, haha.

In sicherem Abstand zur Tanzfläche, an der Bar des Res- taurants Falken, stehen Martin, Sven und Jonas. Mitglieder im Turnverein, Medaillengewinner an Leichtathletikcups. Sie lachen über ihre tanzenden Kollegen – sie würden es auch gerne können, sind aber zu scheu. Das Trio ist direkt nach dem Turnfest an die Rhema gefahren. Frisiert hat sie das Frottiertuch, angezogen der Zufall.

Martin: «Geschter het mer d’Sabrina gschribe.»
Sven: «E feini Chatz.» Jonas: «Mhm.»

Sie nippen am Bierbecher, es ist der dritte an diesem Abend – die Uhr zeigt 23.20 und eigentlich ist alles gesagt. Martin hat vom Schnupftabak erzählt, Sven von einer Turnchoreografie und Jonas hat dazu genickt.

Die drei werden den ganzen Abend an der Falken-Bar stehen bleiben. So machen sie das immer, so sind sie leicht auffindbar. Man weiss ja nie.

Kurz vor Mitternacht bewegt sich im Disco-Drom die Stimmung zielsicher auf den Höhepunkt zu. Noch kotzt niemand über den Tresen, noch hält die Hoffnung auf die grossen Gefühle an. Und jetzt steuern Barbara, Rebecca und Lena um die Ecke, alle aus dem Oberrheintal, auch sie Mitglied in den jeweiligen Turnvereinen.

Küsschen, Küsschen, Küsschen.

Martin kennt Barbara aus der Berufsschule, die er vor zwei Jahren abgeschlossen hat. Und wenn sie sich seither getroffen haben, hat Barbara stets von früher erzählt. Martin wollte stets über das Heute reden – mit dem Gestern und dem Morgen hat er es nicht so. Und jetzt sagt Barbara: «I mues mol witer, bye, bye.» Martin sagt zu seinen Kollegen: «Si wär scho geil.» Dann nehmen alle Schnupftabak.

Der Vibrator ist ein Apparat,
der der Frau den Mann erspart . . .
Stellt man ihn auf Stufe

vier, fickt er los wie ein Stier.
Stellt man ihn auf Stufe

zwanzig, wird sogar die Milch
in der Brust ranzig! Priiiis!

Barbara hat keinen Termin. Sie und die Mädchen wollen aber noch weiterkommen an diesem Abend, die Falken-Bar reicht ihnen nicht.

Nächste Station: die Toiletten – eine Art Marktplatz an der Rhema. Hier trifft man neue Leute und alte Kollegen. Auf diesem WC-Gang treffen Barbara, Rebecca und Lena keine bekannten Gesichter. Also holen sie ihre Handys aus den Taschen und tippen mit den Daumen: «Wo bisch? Lg.» oder «Wa machsch? Küssli». Die zwei Fragen werden in dieser April-Nacht auf dem Rhema-Gelände tausendfach gestellt. Und häufig richtet sie der Verfasser wohl auch an sich selbst.

Was mache ich hier?
Was machen die Erwartungen?
Wo bleiben die grossen Gefühle?

Zurück in den Disco-Drom, es ist 0.30 Uhr und die zwei heftig knutschenden Jugendlichen vom Zelteingang verlassen das Party-Areal. Was die Verbliebenen denken, lässt sich an der Zeltdecke ablesen. Dort hängt ein grosser Bildschirm und dort ist folgende Einladung zu lesen: «Sende ein SMS an 9900 mit: RHEMA dein Text» – wer eine Nachricht sendet, kann sie in einigen Minuten am Bildschirm lesen.

volim ga više od svega!
s*****s zensur do obe.
gruess ich gang hüt mit de
deboohh hei <3

Die Nachrichten sind teilweise kryptisch – herauszufinden, wer ihr Absender ist, fällt aber leicht. Erscheint die
eigene SMS auf dem Bildschirm, kreischen die Frauen, grinsen die Männer.

Auf der linken Seite der Tanzfläche sind die Könige der Nacht zu sehen. Wie Roboter bewegen sie ihre Arme zu «Ma chérie», der Blick ist hingegen starr auf die Mädchen vor ihnen gerichtet. King I, King II, King III. Beat für Beat und Schritt für Schritt arbeiten sie sich zu den Girls vor – zielsicher wie ein Navigationsgerät.

Es sind noch einige Meter bis zum Ziel, als die Mädchengruppe plötzlich abschwenkt und in Richtung Ausgang verschwindet. Burim hin oder her. Auf dem SMS- Bildschirm an der Zeltdecke erscheint eine neue Nachricht.

hetschen nu müse abfühle.
er isch willig!

Burim schaut so unauffällig wie möglich auf die Uhr, 02.10 Uhr. Er pfeift seine zwei Freunde zu sich und schlägt vor: «Abgang!?» King I und III nicken.

Draussen steuern sie auf den Imbiss-Wagen zu. «Drü Schnitzelbrot», sagt Burim. Sie setzen sich auf eine Festbank und rekapitulieren den Abend. «Hesch gseh, Alta. Hettsi fascht gschnappt!» Es will hier niemand sagen, dass der Abend ohne Erfolge vorüberging. Dass die grossen Gefühle wieder einmal andere erlebten. Dass die eigenen Hoffnungen wie Seifenblasen nach und nach platzten.

Im Disco-Drom stellt DJ F.A.B. die Musik ab, es ist drei Uhr morgens. Das letzte Lied war von Polarkreis 18. «Allein, allein». Eine Woche später ist wieder Rhema, irgendeine Party gibt es immer.

Alle Namen geändert. Die Rhema 2013 findet vom 26. April bis am 5. Mai auf dem Allmendareal in Altstätten statt.

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