, 7. Januar 2017
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Alles dreht sich um den Hund

Eine Dürrenmatt-Uraufführung gibt es nicht alle Tage. Das Theater St.Gallen bringt den Roman «Durcheinandertal» auf die Bühne. Und es geht drunter und drüber. Premiere war am Freitag.

Der Hund heisst «Mani», er überlebt den finalen Brand des Kurhauses im Durcheinandertal, so wie er vorher den Angriff mehrerer Bataillone der Schweizer Armee überlebt hat, die dem mehr als kalbgrossen Vieh den Garaus machen sollten auf Befehl der Regierungspräsidentin. «Mani» überlebt alles, kein Wunder, denn des Pudels Kern heisst: Money.

Viele Facetten, wenig Profil

Um den Höllenhund dreht sich alles in Dürrenmatts Roman Durcheinandertal und so auch in der Bühnenfassung am Theater St.Gallen. Bühnenbildnerin Claudia Rohner hat «Mani» als haushohe verwinkelte Skulptur in die Mitte gebaut. Der Hund wird drehend zum Kurhaus, zum Wohnhaus, zum Tempel, zum Popanz. Von ihm herab stottert Moses Melker seine Theologie der Armut, in ihm wird Elsi vergewaltigt vom Gangsterduo Marihuana-Joe und Big-Jimmy, wenn es denn eine Vergewaltigung war; um ihn tanzen und flattern engelsgleich die armutsgeilen Milliardäre, die Moses Melker mit seinem Gnadenversprechen ins Durcheinandertal gelockt hat.

Die Reichen im Armutstaumel. (Bilder: Sebastian Hoppe)

Und der Hund wird zur Projektionsfläche – raffiniert überlebensgross spiegeln und brechen sich die im Innern videogefilmten Szenen draussen auf den verwinkelten Flächen. Das ist so hintersinnig wie vieles andere in der Uraufführungs-Inszenierung. Bloss: Projektionsfläche wofür?

Die Antwort sucht man als Zuschauer auch noch am Tag danach hin- und hergerissen. Ist das jetzt meisterlich facettenreich oder ziellos überdreht, was Regisseur Martin Pfaff und seine wandlungsfähige Spielertruppe aus dem Roman macht? Das Personal ist schrill und phasenweise unübersichtlich, es gibt Kinoanspielungen (etwa Matrix), Song-Referenzen (etwa Tom Waits), man unterhält sich bestens und vermisst zugleich die inhaltliche Schärfe. Wie in Dürrenmatts Original ist auch nach diesem Abend wenig gesichert.

Der Grosse Abwesende

Vielleicht wüsste der Grosse Alte Bescheid, der mit Bart oder der ohne Bart. Aber dieser, vielleicht Gott, vielleicht Boss des Verbrechersyndikats, das sich im Kurhaus eingenistet hat, vielleicht der einzige mit Durchblick im Durcheinandertal namens Welt (falls es ihn überhaupt gibt), taucht auf der St.Galler Bühne irritierenderweise nur kurz auf, mafios mit Sonnenbrille und Anzug. Von diesem Grossen Alten, im Original eine der monströs unfassbaren Gestalten aus  Dürrenmatts Kosmos, geht in St.Gallen keinerlei Gefahr aus.

Die Gangster-Show: Christian Hettkamp und Jessica Cuna (vorne).

Dasselbe gilt für die drei mysteriösen Strippenzieher des Zürcher Anwaltsbüros Raphael, Raphael und Raphael. Sie sind so stümperhaft wie die in ihrer Trottligkeit brillanten Gangster (Christian Hettkamp und Jessica Cuna) oder der unübertreffliche Löli Polizist Lustenwyler (Boglarka Horvath). Kostümbildnerin Marion Steiner hat viel Fantasie in die wechselnden Outfits und Perücken gesteckt – ein Wunder der Wuschelkopf der Witwe Hungerbühler, eine Pracht Elsis Zöpfe, ein Elementarereignis Lustenwylers unfasslich dicker Bauch und der Allerwerteste von Cäcilie Räuchlin: Moses Melkers pralinenverrückter und am Ende von Moses eigenhändig pralinenerstickter dritter Millionärsgattin.

In weiteren der zahlreichen Rollen sind Kay Kysela und Birgit Bücker zu sehen; alle Spielerinnen und Spieler, Marcus Schäfers zupackende, fast von Anfang auf der Verbrecherspur gelandete Elsi ausgenommen, wechseln dauernd die Rollen und Geschlechter, eine bewundernswerte Verwandlungsleistung.

Prophet mit Profilneurose

Die fantastischste Figur ist Moses Melker. Diana Dengler schlurft klein und verschupft auf die Bühne, mit Bäuchlein, Brille und schütterem Haar. Ein Problemhaufen von Prophet steht vor uns, keiner, der aussieht, als hätte er das Zeug zum Millionenscheffeln, kein Zampanoo der Kanzel. Aber dann kann Dengler aufdrehen, lässt ihre Äuglein blitzen und redet dem satten, reichen St.Galler Publikum fuchtelnd ins Gewissen. Damit wir uns auch sicher  mitgemeint fühlen als «Abschaum der Welt», wird es bei der Szene hell im Saal.

Moses Melker (Diana Dengler) und Elsi (Marcus Schäfer).

An all den Turbulenzen und grotesken Schrägheiten hätte Dürrenmatt vermutlich sein schallendes Vergnügen gehabt – ein Vergnügen, welches der Grossteil des Premierenpublikums teilte, während eine Minderheit offensichtlich nicht amüsiert war und das Terrain in der Pause verliess. Voreilig. Denn wenn im ersten Teil die Klamaukwogen manchmal über die Ufer schlagen und dafür der Erzählgang schleppt, im Gegensatz zur Rasanz des Originaltexts – so verdichtet sich nach der Pause das Geschehen.

Da blitzt Dürrenmatts rabiate Zeitkritik auf, sein grandioses Gelächter über Politik, Justiz, Bürokratie und menschliche Dummheit. Es findet den Höhepunkt in der Wutrede der Witwe Hungerbühler (Szenenapplaus für Oliver Losehand): ein Text zwar nicht von Dürrenmatt, aber für heute in seinem Geist geschrieben, eine Polterei gegen Individualismus und Gemeinschaftsverlust und Terrorangst und postfaktische Verdrehungen – und gleich noch eine wüste Abrechnung mit genderpolitischer correctness à la «Sternchen*innen»: ausgerechnet in einem Stück, das die Geschlechterverhältnisse so konsequent auf den Kopf stellt.

Harmlose Theologie des Verbrechens

Am Ende steht auch in der St.Galler Fassung (die sich manche Freiheiten mit der Vorlage nimmt) die Wende hin zur Melker’schen Theologie des Verbrechens, eine Idee, die nur dem Pfarrerssohn Dürrenmatt so in den Sinn kommen konnte. Sie müsste einem Angst machen, gerade im Zeitalter der skrupellosen Polit- und Wirtschaftsbosse, die überall an die Macht drängen. Doch auch sie bleibt harmlos; Regisseur Martin Pfaff setzt weniger auf den zornigen Dürrenmatt etwa der Havel-Rede von 1990, vielmehr auf den Spieler und Komödianten.

Elsi (Marcus Schäfer) hält die Polizei in Schach.

So bleiben wir, die Bewohner des Durcheinandertals, verschont vor zu viel Schrecken über die aus den Fugen geratene Zeit. Und sehen zu, wie gegen Ende eine Figur nach der anderen ihre Maske und Perücke zur Seite legt; selbst Polizist Lustenwyler speckt ab. Hervor kommen Menschen wie Du und ich, etwas ratlos im Tal und etwas ramponiert auf den Hund gekommen, der Money heisst und uns alle überleben oder auch auffressen wird.

Nächste Vorstellungen: 9., 11. Januar, Theater St.Gallen

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