, 7. März 2016
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Alles ist Lärm, alles ist Musik

Wer weiss schon, was Lärm und was Musik ist? Der Film Melody of Noise zeigt jedenfalls, dass Musik überall schlummert: im Altmetall, in den Bäumen, im Küchenmixer.

Auch die St.Galler Schrott-Musiker «Bubble Beatz» haben einen Auftritt. (Bild: Looknow Filmdistribution)

Als Liebhaber von Punk, Hardcore und allgemein krachender Musik kenne ich den Spruch nur zu gut: «Was hörst du denn für schrecklichen Lärm?!» Nun kommt mir der Electro-Pionier Bruno Spoerri zu Hilfe: «Jede Musik kann Lärm sein. Sobald man sie nicht mehr hören will, ist sie per Definition Lärm», sagt Spoerri und grinst, wie er es im Dokumentarfilm Melody of Noise, der ihn als besessenen Klangforscher zeigt, ständig tut. Der Film vertritt überzeugend die Ergänzung zu Spoerris Aussage: Jeder Lärm kann Musik sein.

Die Zürcher Filmemacherin Gitta Gsell folgt in ihrem neuen Werk mit ihrer Kamera (und natürlich vor allem dem Mikrofon) einer Reihe von Musikern, die Grenzen sprengen. Strophe 1, Strophe 2, Refrain, Bridge, Harmonie, Pentatonik – das sind alles unnötige Formen in der ganz eigenen Musik, die diese wilden Lärmsammler produzieren.

Getunte Küchenmaschinen und knarzende Gartentore

Da ist eben Spoerri, der seit 1960 mit elektronischer Musik und ihren Möglichkeiten spielt. Der mittlerweile 80-Jährige dirigiert etwa Spielzeugroboter dank eines selbst geschriebenen Computerprogramms mit Handbewegungen, die von der Laptop-Kamera aufgezeichnet werden. Die Roboter piepsen und knarzen, Spoerri lässt dazu verfremdete Töne aus den Boxen klingen, die er an den ungewöhnlich-gewöhnlichen Orten einfängt: So sampelt er auch mal das Knirschen eines alten Gartentores und sagt: «Das ist eine wunderschöne Melodie, in der sich eine ganze Welt auftut.»

Der bemerkenswerteste Bastler im Film ist sicher Stefan Heuss, bekannt von seinen Kabarett-Auftritten mit Manuel Stahlberger. Heuss macht Musik mit getunten Küchenmaschinen und Bohrern. Irgendwann erfindet er eine Talerschwing-Maschine, und probiert sie sogleich mit ein paar urchig jodelnden Appenzellern aus. «Soper Erfendig», meint einer nach dem Zäuerlen.

 

«Es ist erstaunlich, wie viele innovative Klangkünstler in der Schweiz leben», sagt Regisseurin Gsell. Sie habe gemeinsam mit diesen Künstlern einen eineinhalbstündigen «musikalisch klingenden Zeitraum» gestalten wollen. Aber vor allem will Gsell unsere Klang-Wahrnehmung schärfen, denn um zu hören, muss man still sein, sich konzentrieren. «Dinge, die wir vor lauter Hetze der Zeit oft ausblenden.»

Bubble Beatz in China

 Tatsächlich muss man sich als Zuschauer und -hörer für diesen Film öffnen und frei von herkömmlichen Erwartungen machen: Eine klassische Dramaturgie hat Melody of Noise nicht, wir driften mit der Kamera von Künstler zu Künstler, sehen ihnen beim Tüfteln über die Schulter, hören ihnen im Gespräch zu, sehen ihre Performances auf der Bühne. Das kann manchmal etwas langfädig sein, aber wer Freude an ungewohnten Klängen hat, wird abtauchen.

Ostschweizer Kinobesucher werden im Film auch ein paar Bekannte sehen. Darunter sind die «Schrott-Musiker» Bubble Beatz, die sich ihr gigantisches Drumset aus Altmetall selber zusammenbauen und auf der Bühne unglaubliche Sounds daraus holen. Gsell folgt den beiden Bubble Beatz-Musikern Christian Gschwend und Kay Rauber bis nach China, wo sie an einem Festival auftreten – und nachher unter Polizeischutz sichtlich begeisterten Fans Autogramme geben.

Bubble Beatz in China:

 

Oder den Toggenburger Komponisten Peter Roth, der auf einem Bänkli sitzt und zum Lauschen in der Natur auffordert: «Im Rauschen des Windes in den Blättern hört man bereits die ersten Obertöne.» Sein Musikerkollege Andres Bosshard trägt dieses Konzept in die Stadt weiter: Mit Verkehrspylonen an jedem Ohr schlendert er durch Zürich, in einem Ohr das Rauschen der Limmat, im anderen das Rauschen der Strasse.

Bosshard ist – wie alle Porträtierten – ein so offensichtlich begeisterter und in seinem Wirken aufgehender Freak, dass es eine echte Wohltat ist, ihm zuzusehen und -hören.

Auf dem Nachhauseweg vom Kino wird man vielleicht auf Bushaltestellenfenster trommeln und über Treppengeländer streichen – nur um zu erfahren, wie sie eigentlich klingen.

Premiere am Mittwoch, 9. März, um 19:30 Uhr im Kinok in Anwesenheit von Gitta Gsell, Bubble Beatz und Stefan Heuss.
Moderation: Marcel Elsener

Dieser Text ist im März-Heft von Saiten erschienen.

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