, 1. Mai 2019
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«Am Ende bekommen doch die Männer den Zauberstab und wir den Besen»

Tag der Arbeit in St.Gallen 2019: tipptoppes Demowetter, viel Volk, Frauen- und Klimastreik, Heidelbeer-«Weiberarbeit» und das Jahr der grossen Bewegungen.

Bilder: co

Mit den Mengenangaben im Demokontext ist es bekanntlich immer etwas schwierig. In den Augen der Polizei waren es so und so viele, in den Augen der Veranstalterinnen mindestens das Doppelte. Einigen wir uns darauf, dass VERDAMMT VIELE auf der Strasse waren am diesjährigen ersten Mai in St.Gallen.

Anders als in den letzten Jahren war der hiesige ArbeiterInnenkampftag 2019 wieder etwas grösser gedacht. Man traf sich nicht im St.Leonhardpärkli und marschierte dann gemeinsam zur Marktgasse, wo es noch ein bisschen Bier und Wurst gab, nein, man traf sich schon um 14 Uhr vor der Grabenhalle zum Transpimalen, Liedersingen, zum traditionellen Platzkonzert von der Banda di Sangallo, zum Kebabessen und Sünnelen – und zur «Afterparty» nach der Kundgebung, mit Lala et les Beauforts und Dachs.

Die Demo startete gegen viertel nach fünf. Nebst Hinz und Kunz, alt und noch nicht so alt, Mittelinks und nochli linker waren selbstverständlich auch die lokale Politprominez und die grossen Gewerkschaften vertreten. Zudem die kurdische Community, wieder ein schwarzer Block und – erstmals in St.Gallen – ein Frauenblock. Dass am 14. Juni der grosse Frauenstreik stattfindet, dürfte ja mittlerweile nicht nur in linken Kreisen, sondern auch darüber hinaus bestens bekannt sein.

Dazu passt, dass drei der vier Ansprachen zum diesjährigen ersten Mai mit dem Motto «Mehr zum Leben» von Frauen kamen: Anja Beven Eberle von der Juso und dem St.Galler Frauenstreik-Kollektiv, Kantonsrätin Bettina Surber von der SP und Mirjam Rutz vom Solidaritätshaus St.Gallen. Hauptredner war SP-Ständerat Paul Rechsteiner, moderiert hat Salome Grolimund von der Unia und dem kantonalen Gewerkschaftsbund.

Anja Beven Eberle berichtet von ihrer Urgrossmutter, die jeden Tag auf die Alp kletterte, um Heidelbeeren zu pflücken. Diese verkaufte sie unten im Dorf, um mit dem Geld ein Weihnachtsgeschenk für Mann und Kinder zu kaufen. Der Urgrossvater fand es ungerecht, dass seine Frau «für diese Weiberarbeit» mehr Geld erhielt als er, der doch «eine richtige Arbeit» hatte – Baumfällen und Feldarbeit. Oder ihre Grossmutter: «Tagein, tagaus diente sie brav ihrem Mann. Er muss nur mit dem Kopf nicken, schon rennt sie los, holt im Kaffee, warme Socken oder die Fernbedienung. So etwas wie ein Dankeschön höre ich von ihm nie.»

Eberle fragt: «Wie viel hatten diese Frauen von ihrem Leben, die Opfer für andere brachten und ihr Wohl stets hintan stellten?» Die Gesellschaft erwarte von den Frauen bis heute immer noch dasselbe: Putzen, Kochen, Aufräumen, Trösten, Pflegen, Erziehen – kurz: für andere da sein, gratis und freiwillig. Damit müsse endlich Schluss sein, fordert Eberle. «Eine ganze Generation junger Frauen brennt vor Wut über die sexistischen Strukturen und die fehlende Gleichstellung. Beginnen wir mit dem Frauenstreik am 14. Juni!»

Bettina Surber verweist in ihrer Rede auf die Bundesverfassung, die die Gleichberechtigung von Mann und Frau gewährleisten soll – aber das immer noch nicht tut. Sie sei lange davon ausgegangen, dass Frauen nicht nur rechtlich, sondern auch tatsächlich keine Nachteile hätten. Ein Irrtum, sagt Surber. «Weil es einen Bruch gibt, weil das Ergebnis nicht stimmt. Im Ernst des Lebens angekommen, musste ich feststellen: Ja, wir Frauen verfügen über dieselben Bildungschancen, nehmen sie vielleicht sogar besser wahr, aber dort, wo die Entscheidungen getroffen werden, dort, wo der Rubel rollt, dort sitzen die Männer.»

Es wimmle von Krawatten, kritisiert Surber. Sie wolle an Sitzungen nicht begrüsst werden mit den Worten: «Geschätzte Bettina, geschätzte Herren». 2018 beispielsweise habe der Anteil der Assistenzärztinnen fast 60 Prozent betragen, in der obersten Hierarchiestufe aber, bei den Chefärzten, liege der Frauenanteil gerade einmal bei 12,4 Prozent – «da ist er, dieser Bruch zwischen Ausbildungschancen und Karrierechancen, zwischen schulischer und gesellschaftlicher Gleichberechtigung». Surber bringt es mit einer Karikatur auf den Punkt: «Am Ende bekommen doch die Männer den Zauberstab und wir den Besen.»

Zum Schluss nimmt sich Bettina Surber noch einmal das Mikrophon, quasi ungeplant, und ruft auf zum zivilgesellschaftlichen Engagement für Geflüchtete. «Was kann ich tun, hier in St.Gallen, wo ich hier sitze, so zufrieden, satt und ohne Probleme?» Eine Antwort darauf weiss sie nicht – und ruft darum die Anwesenden dazu auf, sich bei ihr zu melden, um gemeinsam Wege zu finden.

Eine träfere Einleitung hätte es nicht geben können für die dritte Rednerin des Tages, Mirjam Rutz vom Solidaritätshaus, wo jeden Tag Geflüchtete ein und aus gehen und eine temporäre Gemeinschaft finden. Sie spreche «für Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten, die hier in St.Gallen angekommen sind» und ihre eigenen Gedanken zum Thema «Mehr zum Leben» haben, sagt Rutz. Für jene Menschen seien Ferienanspruch, Lohngerechtigkeit oder Prämienverbilligungen kaum ein Thema. Vielmehr gehe es um den Zugang zum Arbeitsamt, um Arbeitsbewilligungen, um Anstellungsverhältnisse.

Die Gedanken der Geflüchteten aus dem Solihaus zum Thema «Mehr zum Leben» sollten uns zu Denken geben und sind ein Armutszeugnis für eine vermeintlich so weit entwickelte Gesellschaft wir unsere: «mehr Verständnis, mehr Anerkennung für die Schulleistungen und Ausbildungen in der Heimat, mehr Freiheit, mehr Freundschaft, mehr Zugang zum Arbeitsmarkt und: mehr Hochdeutsch.»

Zum Schluss hat Paul Rechsteiner das Wort. 2019 sei das Jahr der grossen Bewegungen, sagt der Ständerat und verweist auf den Klima- und den Frauenstreik. Das sei nur der Anfang. «Der Streik ist ein Grundrecht in einer Demokratie und ein friedliches Kampfmittel», betont er, «aber ein wirksames». Eines der jüngsten erfolgreichen Beispiele sei der Bauarbeiterstreik vom vergangenen Herbst gewesen. Ohne diesen wäre es nicht möglich gewesen, das Rentenalter 60 auf dem Bau zu verteidigen. «Der Streik sorgt dafür, dass die Arbeitgeber wieder merken, wie stark sie darauf angewiesen sind, dass gearbeitet wird.»

Auch zum Thema Frauenstreik findet Rechsteiner deutliche Worte. Es dürfe nicht noch einmal 50 Jahre dauern, bis die Gleichstellung realisiert ist. Es liege vieles im Argen, auch bei den Löhnen und Arbeitsbedingungen. «Darum braucht es wieder substanzielle Erhöhungen in den Tieflohnbereichen – insbesondere bei den Frauen. Löhne unter 4000 Franken sind eine Schande.» Die Angriffe der bürgerlichen Politik auf das Arbeitsgesetz müssen gestoppt werden, sagt Rechsteiner. «Überhaupt braucht es wieder mehr Respekt, mehr Wertschätzung für die arbeitenden Menschen. Für die grosse Zahl jener, die die Wirtschaft, die Unternehmen, die privaten und öffentlichen Service Public tragen Tag für Tag.»

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