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Am Existenzminimum

Am Donnerstagabend hat die Stadt St.Gallen zum Stadtkulturgespräch geladen. Dabei haben Kunst- und Kulturschaffende sowie Interessierte aus der Bevölkerung über Möglichkeiten für faire Löhne und Gagen in der Kulturbranche diskutiert. Diese sind nämlich noch immer nicht existenzsichernd. 
Von  Philipp Bürkler
Illustration: Beni Bischof

«Kannst du von deiner Kunst leben?», ist eine Frage, die wohl schon allen Kunst- und Kulturschaffenden mindestens einmal zu Ohren gekommen ist. Es ist eine ziemlich zweideutige und auch fiese Frage. Einerseits könnte sie als Bestätigung darauf abzielen, dass der Künstler durch seine tollen Werke doch bestimmt ein stattliches Gehalt erzielt, das ihm ein Leben in Saus und Braus ermöglicht. Andererseits ist es eine rhetorische Frage, die auf die allgemein bekannten und leider auch gesellschaftlich akzeptierten prekären Lebensverhältnisse von Kunstschaffenden anspielt.

Tatsächlich ist es eine Branche, in der oft keine Arbeitsverträge existieren, keine Überstunden aufgeschrieben werden können und nicht selten sogar Gratisarbeit geleistet wird. Ein Jahreseinkommen von unter 40’000 Franken ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Wieviel soll Kultur kosten?

Wie also kann die finanzielle Lebenssituation von Künstler:innen und Kulturschaffenden verbessert werden? Wie kommen sie zu einem fairen Lohn? Wie erhalten sie eine wertschätzende Gage? Ist ein gerechter Lohn überhaupt möglich? Und: Gibt es einen Unterschied bezüglich Entlohnung zwischen einer professionellen Künstlerin, die permanent an ihren Werken arbeitet, und einem «Hobby-Künstler», der gelegentlich einen Auftritt im «Säli» der Quartierbeiz hat?

Solche und ähnliche Fragen haben am Donnerstagabend Dutzende Vertreter:innen der städtischen Kunst- und Kulturszene zum Thema «Faire Löhne – Wo stehen wir?» im Talhof St.Gallen diskutiert. Geladen wurden Repräsentant:innen verschiedener Kulturorganisationen wie Stiftungen, Theater, Konzertlokale, Berufsverbände oder der kantonalen Kulturförderung.

Diskutiert wurde in mehreren Kleingruppen in einer Art Workshop. Dabei ging es oft darum, überhaupt erstmal ein Bewusstsein zu schaffen, dass Kunst und Kultur einen Wert haben, der entsprechend entlohnt werden muss. Bei den Kunstschaffenden selber, aber auch in der breiten Öffentlichkeit. Hier ein Auszug hinsichtlich der Probleme und Herausforderungen für faire Löhne, gegliedert nach den einzelnen Kulturorganisationen:

  • Berufsverband: Visarte Schweiz, der Berufsverband für visuelle Kunst, hat kürzlich Honorar-Richtlinien veröffentlicht, um das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Kunst eine Gegenleistung verdient. So schlägt der Verband beispielsweise für eine Kunst-Performance ein Pauschalhonorar von 500 Franken pro Person vor. Kleinere Institutionen mit begrenztem Budget können solche Beträge jedoch oft nicht aufbringen, insbesondere wenn mehrere Personen an einem Projekt beteiligt sind.
  • Konzertlokale: Im Bereich Rock und Pop gibt es bisher keine festen Gehaltsrichtlinien. Zur Diskussion steht in der Branche ein Tagessatz von 800 Franken pro Künstler:in, doch derzeit liegt die durchschnittliche Gage gerade mal bei etwa 300 Franken. Um die geforderten 800 Franken zu zahlen, müssten die Budgets und damit die Subventionen von Konzerthäusern wie dem Palace oder der Grabenhalle St.Gallen allerdings erheblich aufgestockt werden.
  • Theater: Die Förderlandschaft für Theater ist oft diffus, mit zu vielen möglichen Förderanträgen, die zu Quersubventionierungen führen. Es kommt vor, dass ein Theater nur die halbe Gage zahlt, weil Künstler:innen zusätzlich von einem anderen Theater unterstützt werden, das ebenfalls staatliche Fördergelder erhält.
  • Stiftungen: Sie überlassen die Förderung zunehmend den staatlichen Institutionen aus Gemeinden, Kantonen und Bund. Gleichzeitig fördern Stiftungen immer weniger oder nur noch eigene Projekte. Nela Bunjevac, als Vertreterin der Stiftung Landis & Gyr, forderte in der Diskussion beispielsweise eine stärkere Vernetzung unter den einzelnen Förderinstitutionen.
  • Kulturförderung des Kantons St.Gallen: Hier besteht oft eine Diskrepanz zwischen den in einem Projekt budgetierten und den tatsächlich ausgezahlten Löhnen. Gemäss Mireille Loher, Co-Leiterin bei der Kulturförderung des Kantons St.Gallen, steht die Idee im Raum, Kulturschaffenden eine Art «Nachfinanzierung» zu ermöglichen, um die tatsächlichen Kosten zu decken.

 

Weitere Stimmen aus der Diskussion

Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass viele Kunstschaffende freiwillig zu niedrigen Löhnen oder sogar gratis arbeiten, da sie froh sind, überhaupt eine Auftrittsmöglichkeit oder ein Engagement zu erhalten. Christian Hörler von Visarte Ost betonte, Kunstschaffende seien oft Einzelkämpfer:innen, was die Diskussion über faire Löhne zu einem gesellschaftlichen Problem mache.

Dennoch hätten das Bewusstsein und das Selbstvertrauen bei Künstler:innen bezüglich Gegenforderungen zugenommen, stellt Johannes Rickli, Programmleiter des Konzertlokals Palace, fest. «Die Forderungen nach höheren Gagen haben zugenommen, aber leider sind weder die Subventionen noch das Publikum im gleichen Mass gestiegen.»

Für Etrit Hasler von Suisseculture Sociale, einem Verein, der Kunstschaffende in sozialen und wirtschaftlichen Notlagen unterstützt, ist deshalb klar: «Es braucht generell mehr Geld für die Kultur, andernfalls kommt es zu einem Leistungsabbau.»

Der Weg nach vorn: Mehr als nur Mindestlohn

Solange die Subventionen nicht steigen, dürfte sich bezüglich Lohn nicht viel ändern. Im Gegenteil, es könnte sogar dazu führen, dass Kulturlokale und Institutionen ihre Türen schliessen müssen. Den Förder- und Subventionstopf vergrössern kann letztendlich aber nur die Politik. Diese zeigt sich aber – wenn es nicht um Infrastrukturprojekte oder um die Wirtschaft geht – insbesondere in der Kultur eher knausrig. Dass Kunst und Kultur ebenfalls ein erheblicher Wirtschaftsfaktor sind, wird dabei oft vergessen.

Ein zentraler Punkt der Diskussion war die Erkenntnis, dass es einer breiteren gesellschaftlichen Anstrengung bedarf, um die finanzielle Situation von Kulturschaffenden zu verbessern. Es reicht nicht aus, die Verantwortung allein bei ihnen zu sehen. Vielmehr muss die Gesellschaft als Ganzes anerkennen, dass Kunst und Kultur essenzielle Beiträge zum gesellschaftlichen Leben leisten und daher eine angemessene Entlohnung verdienen. Kunst darf uns gesellschaftlich nicht nur als Konsumgut wichtig sein, sondern sie muss auch einen Wert haben, der den Menschen, die sie produzieren, ein angemessenes Leben ermöglicht.

 

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Stefan Rogger,  

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