, 28. Januar 2011
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Am falschen Ort sparen (1)

DRASTISCHE SPARVORHABEN AN KREATIVEN BILDUNGSANGEBOTEN von Angela Kuratli und Rolf Bossart. Aus Spargründen hat die Regierung des Kantons St.Gallen eine neue Finanzplanung erstellt. Darunter leidet einmal mehr die Bildung und Kultur. So werden unter anderem die Beiträge an Vorkurs für Gestaltung, Fachklasse für Grafik und Lehrwerkstätte für Bekleidungsgestalter gestrichen. Die Schulgebühren werden somit auf «Privatschulniveau» […]

DRASTISCHE SPARVORHABEN AN KREATIVEN BILDUNGSANGEBOTEN

von Angela Kuratli und Rolf Bossart. Aus Spargründen hat die Regierung des Kantons St.Gallen eine neue Finanzplanung erstellt. Darunter leidet einmal mehr die Bildung und Kultur. So werden unter anderem die Beiträge an Vorkurs für Gestaltung, Fachklasse für Grafik und Lehrwerkstätte für Bekleidungsgestalter gestrichen. Die Schulgebühren werden somit auf «Privatschulniveau» erhöht und verunmöglichen vielen jungen Gestaltern eine entsprechende Ausbildung.

Kulturelle Kleinkrämermentalität


Die Ostschweiz tut sich schwer in der Kulturlandschaft Schweiz. Immer wieder verpasst der Kanton St.Gallen die Gelegenheiten, seine Hauptstadt nach der Blütezeit der Buchkunst im Mittelalter und des Textilbooms vor Hundert Jahren von  Neuem zu einem funktionierenden Zentrum für künstlerische und kreative Tätigkeiten und Wirtschaftszweige zu machen. Die Jazzschule musste schliessen, für eine künstlerische Fachhochschule war der politische Wille zu schwach, das Projekt einer modernen Volksbibliothek ist gerade vor dem Aus. Besonders schwer wiegt in diesem Bereich der fehlende Wille zur Nachhaltigkeit. Ein Mangel, der sich immer und immer wieder in kurzsichtigen Sparübungen manifestiert. Zwar gibt es die Absicht St.Gallen zur international beachteten Buchstadt zu machen, das Textilerbe mit neuen, kreativen Ideen wieder zu beleben, die Lokremise von einer Spielstätte mit grossem Potential zu einem Leuchtturm mit nachhaltiger Ausstrahlung zu machen. Aber alle diese Projekte drohen durch eine kleinliche Spar- und Salamipolitik im Keim oder auf halbem Wege zu scheitern.

 

Mangel an qualifizierten Fachleute für die Region

Nicht nur, dass den betreffenden Institutionen das Geld direkt entzogen wird, sondern auch ihrem sogenannten Nährboden, der die Leute, das Know-how und die Arbeitsplätze hervorbringt, ohne die solches in St.Gallen und nirgendwo möglich ist.

Wenn es für alle diese Berufe keine Ausbildungsstätten in St.Gallen gibt, oder wenn für die wenigen noch hier angesiedelten, die Semestergebühren durch Sparübungen ins Unerschwingliche wachsen, dann wandern alle zukünftigen Fachkräfte ab und es werden auch keine qualifizierten nachkommen. Denn wer einmal weg ist, kommt nicht so leicht zurück, da durch den Mangel an einschlägigen Ausbildungsstätten auch keine Verdienstmöglichkeiten vorhanden sind. So fehlen für ein reichhaltiges kulturelles Leben immer und überall die entsprechenden Szenen, aus denen die kreativen Impulse kommen. Zudem haben auch die privatwirtschaftlichen Firmen in diesem Bereich Mühe qualifizierte Fachkräfte in die Ostschweiz zu holen, was wieder zur Folge hat, das ambitionierte Unternehmer wie GaleristInnen oder GrafikerInnen selber abwandern oder gar nicht erst in der Ostschweiz etwas aufbauen. (Und ist es ein Zufall, dass der Kanton St.Gallen den Auftrag für seinen neuen Auftritt an eine Grafikerbude aus Zürich vergeben hat?)

Eine kluge Standortpolitik müsste um diese Mechanismen wissen. Wenn schon Standortpolitik, dann wenigstens eine, die etwas taugt.

Und so bleibt St.Gallen nichts anderes mehr übrig als von den vergangenen Blütezeiten der Textilindustrie und der international anerkannten Grafik zu zehren. Aber die aufwändigen Events, wie zum Beispiel hochgesponserte Textilausstellungen, sind kurzfristige Seifenblasen, die kaum etwas zurücklassen.

Die Bedeutung von guten Schulen für die kulturelle Vielfalt einer Region zeigt sich nur schon an nachstehender Namensliste. Zum Beispiel haben folgende Personen ihre Laufbahn an der früheren Kunstgewerbeschule und der heutigen Schule für Gestaltung St.Gallen begonnen: Sophie Taeuber-Arp, die (ironischerweise?) auf unserer Fünfzig-Franken- Note abgebildet ist, Varlin, Ferdinand Gehr, Jost Hochuli, Veronika Brusa, Beni Bischof. Für neuen, frischen Wind braucht es junge Gestalter, kreative Köpfe. Damit diese der Ostschweiz auch treu bleiben, braucht es lokale Ausbildungsmöglichkeiten.

+++ Die Petition Zukunft Fachklasse hat innerhalb von wenigen Tagen bereits eine beachtliche Zahl von Unterschriften erhalten. +++

http://www.zukunftfachklasse.ch

 

 

von Rolf Bossart

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