, 25. März 2014
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Am Gaden scheiden sich die Geister

In Rehetobel steht dieser Schopf mit Ornamenten im Lausägeli-Stil. Er sollte einem Neubau weichen – nach Protesten aus der Bevölkerung wurde das Projekt aber auf Eis gelegt.

Der Gaden wurde nach dem Dorfbrand von 1890, der im Gebiet Holderen gewütet hatte, erbaut. Gebraucht wurde er zum grösseren Teil als Stall. Im kleineren Gebäudeteil steckt ein Stück Rehetobler Textilgeschichte. Das Dorf war damals kein Bauerndorf mehr, rund 80 Prozent der Bevölkerung lebten vom Weben und Sticken. In diesem Gaden wurden Stoffe kontrolliert und Webfehler ausgebessert – bis in den 1960er-Jahren die Textilproduktion unterging. Ab 1989 war hier das Velomuseum zu Hause.

Jetzt wollten die Nachfahren der damaligen Textilerfamilie an dieser privilegierten Lage mit bester Aussicht ein Zweifamilienhaus bauen – der Schopf musste dafür weg. Die Gemeinde hatte den Besitzern einst ein Stück Land zur Arrondierung der Parzelle verkauft – ohne Auflagen. Dies machte die Neubaupläne  überhaupt erst möglich. Und zuerst hatte die Behörde gegen die Neubaupläne und den Abbruch des Gadens auch nichts einzuwenden.

Widerstand aus dem Dorf

Doch als die Visiere standen, ging ein Aufschrei durchs Dorf. Exponentinnen und Exponenten der örtlichen Kulturkommission – die Landschaftsarchitektin Monika Pearson und der Werber Ruedi Tachezy – sammelten 350 Petitionsunterschriften und forderten, den Bauzeugen zu erhalten. Das Gebäude steht zwar in der Ortsbildschutzzone, aber der Gaden ist als Einzelobjekt nicht geschützt.

Mit noch schärferem Geschütz fuhren der Heimatschutz, die Kirchgemeinden und Rehetobels Ex-Gemeindeammann und Raumplaner Heinz Meier auf. Sie machten Einsprachen. Der Neubau sei beliebig, ohne Bezug zur regionalen Bauweise, kritisierte Meier. Er schickte seinem Amtsnachfolger im Gemeindehaus einen Brief mit 150 Unterschriften.

Denkmalpflege mit gebundenen Händen

Inzwischen waren Experten an der Arbeit, es wurden Analysen und Gutachten erstellt. Bei einem Umbau wären von der ursprünglichen Bausubstanz keine 50 Prozent mehr übrig, stellte die Denkmalpflege fest – «in solche Fällen verlangen wir die Erhaltung nicht», sagt Denkmalpfleger Fredi Altherr. Diese Haltung trug ihm Schelte ein, doch er beharrt darauf: «Angesichts des riesigen Altbaubestandes in Ausserrhoden hat sich diese Grundregel bewährt.»

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Rehetobel mit Gaden (rechts) und Blick zur Kirche. Inzwischen sind die Visiere weg.
Bilder: Appenzeller Zeitung/Ueli Abt

Altherr erklärt die Besonderheit des Ausserrhoder Denkmalschutzes: Seit Anfang der 1990er-Jahre sind die Schutzzonen und -objekte rechtlich festgeschrieben. Daran lässt sich ohne Zonenplanänderung nichts ändern, erst recht nicht, wenn ein Grundeigentümer nicht mitmacht. Daran könnte laut Einschätzung des Denkmalpflegers auch ein Gutachten der eidgenössischen Denkmalschutzkommission nichts ändern, wie es die Petition verlangt.

Die Schutzzone wurde übrigens erlassen, als Heinz Meier Gemeindepräsident war. «Wir hatten damals bei der Auswahl der Objekte die Besonderheit dieses Gadens übersehen», räumt er heute ein – jetzt wurmt es ihn.

Projekt zurückgezogen

Der Einschätzung der Denkmalpflege folgte eine Hausanalyse, eine Untersuchung der Fundamente und der Holzkonstruktion. Mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Immerhin mit dem Ergebnis, dass die Behörde zum Schluss kam, das eingereichte Projekt sei nicht bewilligungsfähig und der Gaden dürfe nicht auf Vorrat abgebrochen werden. Inzwischen hat die Bauherrschaft ihr Projekt zurückgezogen, doch ein Neubau an dieser Lage ist nicht vom Tisch.

Der letzte Stand der Irrungen und Wirrungen um den Gaden: Die Kulturkommission will bei der Gemeinde beantragen, dass sie ein unabhängiges Gutachten erstellen lässt, welches die Frage eine Unterschutzstellung klärt.

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