Es war und ist eine Premiere für die Stadt St.Gallen: ein Haus für unterschiedlichste kulturelle Nutzungen mitten in der Innenstadt, an zentralster Lage. Möglich gemacht hatte das Experiment die Ärtze-Ausgleichskasse Medisuisse: Die Organisation, die heute quasi um die Ecke, am Oberen Graben ihre Büros hat, hatte das Gebäude 2014 vom Italienischen Staat ersteigert. Seit mehr als hundert Jahren war hier das Italienische Konsulat heimisch gewesen; dessen Schliessung hatte heftige Proteste und sogar eine Demonstration ausgelöst, allerdings vergeblich.
Auf Vermittlung der städtischen Kulturförderung stellte die Medisuisse das Gebäude bis zum Abbruch für eine Zwischennutzung zur Verfügung. Im Januar 2017 gingen seine Türen neu auf, nachdem es längere Zeit leergestanden hatte. Die vorerst kurzfristige Nutzung wurde seither mehrfach verlängert – unter anderem musste ein Sondernutzungsplan erstellt werden, weil der geplante Neubau sechs- statt bisher fünfgeschossig werden sollte, entsprechend der Gebäudehöhe ringsum.
Das Konsulat samt Visieren, rechts das Gebäude der kantonalen Verwaltung.
Bei der Projektvorstellung war von einem möglichen Baubeginn Ende 2018/Anfang 2019 die Rede gewesen. Dies wird jetzt rund anderthalb Jahre später der Fall sein. Seit dem 23. Januar stehen die Visiere, bis zum 12. Februar liegt das Baugesuch auf.
Ein Holzhaus als Hauptsitz
Das Projekt des Basler Architekten Harry Gugger ist eine St.Galler Premiere: ein hoher Holzbau. Das ermögliche dank Präfabrikation eine rasche Bauweise, hat die Medisuisse 2017 den Juryentscheid für das Projekt mit dem Namen «Plug & Play» unter anderem kommentiert, mehr dazu hier.
Auf fünf Geschossen entstehen Büros für die rund 50 Angestellten, welche die insgesamt 22’000 Mitglieder der Kasse betreuen. Im Erdgeschoss ist zudem eine Ladenfläche eingeplant. Zuoberst im Dachgeschoss wird der Sitz der Geschäftsleitung sein.
Visualisierung der Fassade (oben) und des Dachgeschosses. (Bilder: pd)
Das jetzt vorliegende Baugesuch weist auf weitere Besonderheiten hin: Die Fassade wird in Faserzement ausgeführt, der Holzbau wird also nicht auf Anhieb als solcher erkennbar. Ausserdem erhält das Gebäude eine Erdsondenheizung mit Rückkühlung auf dem Dach und eine Tiefgarage.
«Grossformatig» suchen – oder einzeln?
Was heisst das für die rund zwei Dutzend im Gebäude eingemieteten Kulturschaffenden? Nach ihrer Kenntnis hätten die wenigsten bereits eine neue Lösung gefunden, sagt Claudia Wälchli, die im Vorstand des Vereins Kulturkonsulat die Ateliermieterinnen und -mieter vertritt. Im ersten, dritten und vierten Stock sind Werk- und Büroräume an diverse Kunstschaffende vermietet, zu einem tiefen Preis. Im zweiten Stock arbeiten Redaktion und Verlag von Saiten, im Erdgeschoss befindet sich der Ausstellungsraum des Nextex.
Die Frage sei, ob wieder eine «grossformatige» Lösung gesucht werden solle. Der Vorzug wäre, in Claudia Wälchlis Worten: ein gemeinsames Projekt und geteilte Kosten. Auf der anderen Seite steige damit auch die Verantwortung aller, sich zu engagieren. Für sie persönlich sei es ideal, jetzt noch einmal einen Winter in ihrem Atelier arbeiten zu können – die Frage nach der Zukunft stelle sich erst jetzt so richtig, da die Visiere stehen.
Auch Andy Storchenegger ist in seinem Atelier einen Stock höher intensiv am Arbeiten für eine kommende Ausstellung. Mit einer Nachfolgelösung hat er sich noch nicht beschäftigt; «ich hoffe auf eine Verlängerung».
Gabriela Falkner, gleichfalls mit einem Einzelatelier im Kulturkonsulat eingemietet, ist nach diversen früheren «Zügelaktionen» zuversichtlich: «Es tut sich immer wieder eine Möglichkeit auf» – allerdings wohl kaum zu so güngstigen Bedingungen wie im Konsulat.
Sie hebt die Qualität des «Co-Working» hervor: Die Gelegenheit, mit unterschiedlichen Kunstschaffenden, auch anderen Sparten in Kontakt zu kommen und punktuell gemeinsame Projekte zu realisieren, habe sie geschätzt und genutzt. Das biete auch immer wieder die Chance, «aus dem eigenen Kosmos herauszukommen und neue Felder zu entdecken».
Das Treppenhaus im Konsulat.
Theaterfrau Ann Katrin Cooper, die mit dem Tänzer Tobias Spori im Konsulat das Büro ihres Panorama Dance Theaters eingerichtet hat, weiss ihrerseits noch nicht, was nach dem Abbruch des Hauses kommt. Ihr Ideal wäre es, wiederum mit anderen Teams zusammenzuspannen. Und sie könnte sich, bei allen Qualitäten einer Zwischennutzung, auch eine neue dauerhafte Lösung vorstellen, um sich stärker auf Inhalte und die künstlerische Arbeit konzentrieren zu können und nicht ständig mit der Frage nach Lokalitäten beschäftigt zu sein.
«Es wäre noch viel mehr möglich»
Für Nextex, den Ausstellungsraum der Visarte im Erdgeschoss, stellt sich die wohl schwierigste Aufgabe: für den regelmässigen Ausstellungsbetrieb einen geeigneten, grosszügigen Raum zu finden. Noch sei man auf der Suche; im März eröffnet im Nextex die nächste Ausstellung mit Werken von Michael Bodenmann und Barbara Signer. Ein darauffolgendes Projekt an einem anderen Zwischen-Ort sei angedacht.
Ort hin oder her, zieht Anna Beck-Wörner, Co-Präsidentin des Vereins, ein positives Fazit: «Es war eine gute Zeit im Konsulat; wir haben gesehen, was alles möglich ist an Kooperationen – und ebenso, dass noch viel mehr möglich wäre.»
Das unterstreicht auch Felix Stöckle, der für die Verwaltung des Konsulats zuständig ist. Stöckle studiert in Luzern Kunst und Vermittlung und hat aktuell dort sein Atelier. Er kennt die Suche nach zahlbaren Arbeitsräumen aus beiden Städten – und ist enttäuscht, dass bisher kein Ersatz für das Konsulat gefunden worden ist.
Für Kunstschaffende seien tiefe Mieten existentiell und entsprechende Angebote fast nicht zu finden. Darum müsste die Politik eingreifen und helfen, sagt Stöckle. Diese Forderung relativiert er zwar gleich selber, als utopisch und einseitig aus der «Kunst-Bubble»-Perspektive heraus gesprochen. Und dennoch: St.Gallen habe «supercoole» Kunstschaffende, die mit dem absoluten Minimum über die Runden kommen müssten und sich marktübliche Mieten schlicht nicht leisten könnten.
Und Saiten?
«Wir hätten gern wieder eine neue Zwischennutzung», sagt Saiten-Co-Verlagsleiter Philip Stuber – eine solche ist aber noch nicht in Sicht. Lieber als «in irgendeinem Büro» sähe sich Saiten auch künftig in Kooperationen, in denen man sich gegenseitig befruchtet, wie dies mit Nextex an wechselnden Standorten der Fall war: bereits am Oberen Graben (2003-2008), danach am Blumenbergplatz (bis 2010) und an der Schmiedgasse (bis 2013) hatten Nextex und Saiten die Räumlichkeiten geteilt.
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