Kategorie
Autor:innen
Jahr

Amore ohne Netz

Im Zirkuszelt auf der St.Galler Kreuzbleiche hatte die jüngste Produktion des Cirque de Loin Premiere: «Ronamor» ist ein poetisches Liebesgerangel mit starken Liedern, Selbstironie und Familienanschluss.
Von  Peter Surber
Szenenbilder: Sabrina Christ

Es geht schon beim Eingang los – eine Besucherin wird als «nonna» begrüsst, ein anderer ist angeblich der von weit angereiste Papa des Bräutigams, mich umarmt eine überschwängliche Maria, oder wie hiess sie gleich, als «caro zio». Die Verwandtschaft ist etwas unübersichtlich, Hauptsache man gehört zur Familie.

In der Pause wird der Zirkusdirektor die ganze Hochzeitsgesellschaft zum Erinnerungsfoto vor dem Zelteingang zusammentrommeln. Nur Pech, dass das Handy grad in dem Moment schlappmacht. Aber «la mamma» hilft aus. Vorher hatte schon der angebliche «papa Giacomo», in Wahrheit ein uneingeweihter Besucher, aus dem Stegreif eine brillante Rede auf das Brautpaar geschwungen, in italiano. Benvenuti, bienvenu, willkommen in der grande famiglia.

Drinnen prangt ein Transparent an der Zeltwand, diesmal auf Englisch: «Welcome to the wedding of Brigitta & Leonard». In Ronamor, dem jüngsten Stück des Cirque de Loin, geht es um die Liebe und um den Tod, ums Heiraten und um das ersehnte Zirkusfamilienglück. Da gehören Höhenflüge und Tiefschläge dazu, wie sie das Leben schreibt und das Leben unter dem Chapiteau ganz besonders.

Das Zelt ist die neue Heimat von Michael Fingers Cirque de Loin, der auf der St.Galler Kreuzbleiche sein erstes, mehrwöchiges Estival veranstaltet und danach auf Schweizer Tournee geht – mehr zu Finger und seinen Ambitionen hier und hier und auch hier.

Theater ohne Netz

Von wegen Tiefschlägen: Ein «Rieseninferno» sei schon am Anfang der Liebe zwischen Leonard und Brigitta gestanden, erfährt das Publikum gleich zu Beginn, der Brand nämlich des alten gelben Zirkuszelts irgendwo im Süden Europas. Jetzt aber steht das neue da auf der Kreuzbleiche, ein Prachtsexemplar mit Bühne, Seil, einer hübschen Buvette, einem Wohnwägelchen namens «Ufo» für das Brautpaar, einer Ecke mit allerhand alchemistischen Gerätschaften, mit Tischen und Bänken fürs Volk und der Rona-Band, die gleich loslegt und um deren Songs sich die ganze Geschichte dreht. (Im Juniheft von Saiten sind sie besprochen, und wie Drummer Ben als running gag den ganzen Abend lang liebenswürdigst vom Spickzettel ablesen will: Man kann die CD auch kaufen).

Das Motto gibt der erste Song vor: Mais Amor, mehr Liebe, «Fertigliebi», «Bodehaltigi Liebi», «Tüüfgfrorni Liebi», «E Jurte us Liebi», «Kei Sicherheitsgurte us Liebi»… So ist in der Tat, das ganze Stück: ohne Sicherheitsgurt, ohne Netz, getränkt mit Herzblut, gewürzt mit starken Liedern, mit Artistik voll Selbstironie und einer manchmal grimmigen Lebenslust.

Weitere Vorstellungen: 8., 9., 10., 13., 16. und 17. Juni.
Infos und das ganze Estival-Programm: cirquedeloin.ch

Die Geschichte ist simpel gestrickt, man liebt und man rauft sich. Hinten feuert die Ronaband ein mit Giuseppe Berardi (Gitarre) und Bene Utzinger (Drums), mit Impresario Michael Finger und Sängerin Franziska Schiltknecht. Vorne, oben und unten, drüber und drunter die Artisten Cecilia Manfrini und Noah Egli: das Hochzeitspaar, turtelnd mit Messern, verknäult im Sessel und verschlauft am Seil, rasend auf Rollschuhen, rammelnd im Wohnwagen.

Der Tod klopft ans Zirkuszelt

Die subtileren Töne stecken in Fingers Texten: Eine wunderbarere Liebeserklärung als im Lied Schnäggeschüttle – also: mit der Liebsten mal «chli schnudergööfle», «chli schiibewüscherle», «chli schnüerlischriftle» oder «chli schwitzhüttle» – müsste man erst noch dichten. Oder Hermann Hesse sein, der an der Hochzeitstafel auch nicht fehlen darf, und seis bloss um des Reims willen: «Hermann Hesse chum emol cho ässe». Fingers Wortwitz ist aber selten billig, und die heiteren bis hanebüchenen Slapsticks der Artisten passen dazu wie Alperose zu Beschamelsosse.

So wortreich die Liebe besungen wird, so innig die «Musica matrimonica» manchmal daherkommt: Dahinter lauert der Abgrund. «Viellicht isch’s scho verbii», heisst es im Sadsong, noch bevor richtig geheiratet ist, und vielleicht geht das mit «Ma und Frau» sowieso nur «im Himmel». Kein Wunder, dass Brigitta denn auch nach einer Keilerei mit ihrem Leonard tot umfällt. «Irgendwann gahts nüme witer, irgendwo hörts eifach uf», schrummt die phänomenale Band.

Fingers schwarzgallige Seite, die im 2016er Stück Mendrisch (letzte Woche ebenfalls im St.Galler Zelt zu sehen) ins Wüste und Verächtliche kippt, hält hier die Balance zum Menschenfreundlichen. Das liegt vielleicht an der Stimm- und Lebenspartnerin Franziska Schiltknecht, die neben ihrem Gesang mit poetisch-schamanistischen Handgriffen die Dinge zurechtrückt und mit Hirschgeweih und Shruti-Box mal eben Zirkus, Theater und Ritual fusioniert.

Am Ende holt sie auch die tote Brigitta wieder ins Leben zurück. Cecilia Manfrini fliegt hoch zum Zirkusdach in einer schwindelerregenden Seilnummer. Dann ist «The Wedding Concert» zu Ende, noch einmal rockt «Meh Liebi» durchs Zelt, und die Hochzeitsfamilie, Verwandtschaft inklusive, tanzt in die St.Galler Vollmondnacht hinein.

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Ronamor |,  

… SAITEN (Ostschweizer Kulturmagazin) …

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4

Vol­ler Wi­der­sprü­che

Ma­le­rin, les­bisch und glü­hen­de NS-An­hän­ge­rin. Ste­pha­nie Hol­len­stein (1886-1944) war vie­les. Ein Wi­der­spruch? Der neue Do­ku­men­tar­film von Bir­git­ta Wei­zen­eg­ger be­fasst sich mit dem Le­ben der vor­arl­ber­gi­schen Künst­le­rin.

Von  Vera Zatti
Im Schatten der Bilder Filmstillweizeneggerfilm1

Gastkommentar von Jacques Michel Conrad

Ech­te Lö­sun­gen für ech­te Pro­ble­me

Von  Jacques Michel Conrad

Der In­nen­hof als Head­li­ner

Zum 20. Mal bringt das Kul­tur­fes­ti­val in­ter­na­tio­na­le Ent­de­ckun­gen und lo­ka­le Lieb­lings­bands in ei­nen der schöns­ten Kon­zer­tor­te St.Gal­lens. Zum Ju­bi­lä­um blickt Or­ga­ni­sa­tor Lu­kas Hof­stet­ter zu­rück – und be­haup­tet sich zu­gleich in ei­nem Mu­sik­ge­schäft, das für klei­ne­re Fes­ti­vals im­mer schwie­ri­ger ge­wor­den ist.

Von  Philipp Bürkler
Digitalism 1 2022 Kulturfestival Marcello Engi
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01