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Angriff auf die Pluralität

Die Ukraine wird zerbombt. 2016 hat der iranisch-deutsche Autor Navid Kermani das Land bereist. Sein Buch Entlang den Gräben erinnert daran, dass die Ukraine wie kein anderes Land das europäische Projekt einer Einheit in der Vielfalt verkörpert. Oder verkörpert hat. Was tun im Schrecken über den Krieg? Wenigstens lesen.
Von  Peter Surber
Bild eines Kindes, das aus einem Waisenhaus aus der Region Donezk in den Westen der Ukraine gebracht wurde. (Bild: Caritas Ukraine)

Es sind Bilder der Zerstörung, zum Beispiel aus Wolnowacha, einer Kleinstadt im Südosten der Ukraine, 60 Kilometer von Donezk entfernt: Am 11. März ist der Ort, in dem vormals 20’000 Menschen lebten, von den russischen Angreifern für «befreit» erklärt worden.

Neben zahllosen anderen Medien war auch auf dem russischen Online-Portal meduza.io ein Bildbericht zu sehen. Die Unterzeile lautete: «Hier sehen Sie, wie die Stadt heute aussieht (genauer, was von ihr übriggeblieben ist).» Zerbombte Wohnhäuser, kaputt das Spital, die Kirche, ein paar wenige Menschen vor ausgebrannten Häusern, verloren, trauernd, dazwischen schwerbewaffnet patrouillierende Soldaten.

Bilder, die kaum auszuhalten sind: Da wird im Frühling 2022 ein blühendes Land in Ruinen geschossen, Millionen Menschen sind zur Flucht gezwungen, Tausende sind gestorben, und der Krieg geht mit unverminderter Gewalt weiter.

Kermanis Reise

Im Herbst 2016 reist der iranisch-deutsche Autor Navid Kermani durch die Ukraine und kommt unter anderem auch nach Wolnowacha. Die Leiterin des örtlichen Chors erzählt ihm, dass es in diesem Landstrich über hundert Nationalitäten gegeben habe im Lauf der Geschichte. Jetzt sei es nur schon schwierig geworden, mit der ukrainischen Tracht auf die Strasse zu gehen, ohne gleich mit Hasskommentaren der Russlandfreunde überschüttet zu werden.

Aber Wolnowacha gab es damals noch.

Kermanis Buch Entlang den Gräben – Eine Reise durch das östliche Europa (C.H. Beck, 2018) heute wieder zu lesen, tut weh. Er schildert Mariupol, die schon damals zerrissene, aber noch intakte Stadt am Asowschen Meer, die inzwischen seit mehr als zwei Wochen belagert ist, ohne Wasser, ohne Strom, ohne Hoffnung.

Kermani beschreibt das damalige Nachtleben in Kiew, erzählt von den Hoffnungen junger Ukrainer:innen, begegnet aber auch auf Schritt und Tritt den Verwerfungen, die der ukrainisch-russische Gegensatz schon da überall aufgerissen hat.

So besucht er die Front bei Donezk und lässt aus Zeitgründen unterwegs die Gedenkstätte für das Massaker von Babij Jar 1941 aus. Kermanis Kommentar: «Vielleicht ist das zynisch, vielleicht bezeichnend für dieses grösste der Bloodlands, vielleicht beides: Weil ich den neuen Krieg besuchen möchte, habe ich keine Zeit für den letzten». Am 1. März 2022 sind Bomben auch auf die Schoa-Gedenkstätte Babji Jar gefallen.

«Wie eine Mitte der Welt»

Einer seiner Gesprächspartner, der aus Afghanistan stammende Mustafa Najem, der 2014 zu den Initianten des Maidan-Aufstands gehörte, sagt Kermani in Kiew, die Ukraine verkörpere wie kein anderes Land das europäische Projekt einer Einheit in der Vielfalt. So viele Völker gebe es hier, Rumänen, Georgier, Polen, Juden, Krimtataren, Weissrussen und so weiter. Vermischung sei hier die Regel, Zwei- und Mehrsprachigkeit alltäglich. In Jalta heisst eine der Hauptverkehrsstrassen zuerst Moskowskaja Uliza, dann schwesterlich Kiewskaja Uliza, notiert Kermani.

Auf der Krim, dem antiken griechischen «Tauris», wo Iphigenie Schutz fand, kämen europäische Antike und sowjetisches 20. Jahrhundert zusammen. «Wenn man sich dann noch erinnert», fährt Kermani fort, «woher die Tataren kamen, aus der Mongolei, von woher die Russen, die heute die Krim prägen, die meisten blond wie Skandinavier in diesen südlichen Gefilden, dass die Zarin selbst, die Kolonisatorin, eine Deutsche war (Katharina II.) und viele Deutsche holte, die Unzahl anderer Völker, die sich an der wilden, fruchtbaren Küste ansiedelten, Skythen, Sarmaten oder Römer, dazu die Ostgoten, Hunnen, Alanen und Chasaren, später die Byzanthiner, Mongolen, Genueser, Venezianer und vor allem die Osmanen, die wiederum aus vielen eigenen Völkern bestanden, im neunzehnten Jahrhundert Briten und Franzosen, die aus dem Krimkrieg nicht mehr zurückkehrten – dann sieht die Krim beinah aus wie eine Mitte der Welt. Nur Einheimische im eigentlichen Sinne des Wortes, sogenannte Eingeborene, besitzt die Krim nicht.»

Liest man diese Erzählung wieder, den Bericht aus einem Land, das es nicht mehr geben soll nach dem Willen Putins, so wird noch einmal klarer, dass der Angriff auf die Ukraine auch der Idee von Pluralität und Diversität gilt, die die abendländische Moderne kennzeichnet. Und die in der Ukraine nicht bloss eine Idee, sondern zumindest in Teilen des Landes und der Bevölkerung gelebte Realität war.

Der deutsche Historiker Karl Schlögel, einer der besten westlichen Kenner des Landes, schreibt in einem Beitrag in der FAZ fassungslos über den «Urbizid», die Zerstörung der Städte und ihrer Bewohner:innen, und fasst zusammen: «Wenn Europa nicht bloss eine schöne Metapher ist, dann gilt der Krieg gegen die ukrainischen Städte allem, was Europa je zuwege gebracht hat.»

Hoffnung auf ein «Aber»

Wohin mit all diesem Schrecken? Vielleicht dahin: in die Sympathie, die Anteilnahme, die Lektüre. Das tun heute Mittwoch abend im St.Galler Palace Schauspieler:innen des Theaters St.Gallen mit einer Benefiz-Lesung. Zu hören sind Texte von Yevgenia Belorusets, Dmitrij Gawrisch, María Stepanowa, Serhij Zhadan und anderen. Olga Ponomarjowa und Elena Neff Zhunke an Violine und Klavier ergänzen die Lesung mit klassischer Musik. Es lesen: Pascale Pfeuti, Marcus Schäfer, Matthias Albold, Christian Hettkamp, Bruno Riedl, Julius Schröder. Moderation: Armin Breidenbach.

Lesung zum Krieg in der Ukraine:
16. März, 20.15 Uhr, Palace St.Gallen

palace.sg

Eine andere eindringliche Stimme wäre Katja Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren und in Deutschland lebend. 2013 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis mit einem Text aus dem Roman Vielleicht Esther (Suhrkamp, 2015). Darin erzählt sie in grandiosen Mäandern eine jüdisch-polnisch-ukrainische, europäisch verschlungene und von Kriegstraumata durchzogene Familiengeschichte.

Ein Satz nur daraus: «Bei uns gibt es immer jemanden, der aber sagt.» Das kann eine Hoffnung sein: Dass auch der jetzige Krieg irgendwann – möglichst bald – sein «Aber» findet.

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