, 21. Oktober 2019
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Appenzellerbahn statt Orient Express

Es geht uns gut. Viel zu gut. Drum brauchen wir Regionalkrimis. Von Ralph Weibel

Schauplatz Lustmühle: Der perfekte Unort für einen schmissigen Regionalkrimi, findet Ralph Weibel.

Verspüren Sie nicht ab und zu auch die Lust, jemanden umzubringen? Ihm die Haut in Streifen abzuziehen, den Kadaver in Säure aufzulösen und danach wieder zurückzukehren ins Büro, um mit Langeweile den Unterhalt für ein biederes Leben zu verdienen? Besonders stark wird dieser Drang derzeit bei einer Fahrt über Land, vorbei an krampfhaft auf Plakaten für eine Wahl nach Bern lächelnden Menschen, die sich für das Gute einsetzen. Dabei geht es uns schon gut. Vielleicht zu gut. Das Spannendste in unserem Leben ist die Frage, ob das Open Air St.Gallen ausverkauft ist oder wie das Olma-Plakat in diesem Jahr aussieht.

Kein Wunder leben wir deshalb getreu dem Motto «Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett». Für eine Prise Extrakick tauchen wir täglich ein in die finstere Welt von Mord und Totschlag. Für Lesefaule als «Tatort» im Fernsehen inszeniert, für die anderen zwischen Buchdeckel gepresst. Das ist gut so. Wenn alle mordend durch die Städte und Dörfer ziehen würden, gäbe das eine echte Sauerei. Gut, dass uns Krimi-Autorinnen und -Autoren zur Kompensation in die Welt der Fantasie abtauchen lassen.

Leider gelingt das nicht allen so wie Friedrich Dürrenmatt, der es 1958 am helllichten Tag geschehen liess und Generationen um den Schlaf brachte. Ganz zu schweigen von Agatha Christies Mord im Orient Express (1974 verfilmt), der vor zwei Jahren neu cineastisch hingerichtet wurde und zu Kritiken führte wie: «Regisseur Kenneth Branagh ist der Schuldige in diesem vermasselten Krimi.»

So wie das Talent nicht bei jedem Amateurfussballer für ein Engagement bei Real Madrid oder dem FC Bayern reicht, sondern nur für das Gekicke auf holprigen Provinzplätzen, so kann nicht jeder einen Bestseller schreiben. Geschrieben wird trotzdem. Dabei sind sich viele Autorinnen und Autoren treu und bleiben gleich in der Provinz. Sprich, sie machen es sich zur Aufgabe, einen Krimi da anzusiedeln, wo sie selber leben. «Aus der Region, für die Region» lautet das Motto. Oder anders formuliert: «Mord in der Appenzellerbahn» statt im Orientexpress.

Das spielt einem schon die Ingredienzien für eine packende Geschichte zu. Ein mysteriöser Unort – wer schon einmal mit der Appenzellerbahn gefahren ist, weiss, wovon hier die Rede ist –, an dem sich beliebig Personen ansiedeln lassen. Das Ganze spielt in einer Umgebung, die vom Bodensee bis zum Säntis alles bietet, was irgendwann eingesetzt werden kann. Das Wichtigste sind natürlich die Protagonisten, angefangen beim Helden, der den Fall am Schluss löst. Es ist wichtig, dass die Straftat aufgeklärt wird, die Leserschaft darf nicht im Ungewissen zurückbleiben. In Gender-Zeiten empfiehlt es sich zudem, dass der Held eine Heldin ist oder zumindest Transgender.

Eine Person muss zwingend sterben, am besten ziemlich früh in der Geschichte. Wie übel die Leiche zugerichtet ist, ist Geschmackssache. Stellen Sie sich die Menagerie in einem Bergrestaurant vor. Wollen Sie mehr Blut, streuen Sie etwas Aromat dazu, Maggi steht für Verstümmelung. Der Einsatz von Nebenrollen sollte die Anzahl an Verdächtigen nicht übersteigen. Immer passend ist etwas Sozialkritisches, unerlässlich Sex oder wenigstens Liebe. Nicht schlecht ist ein Motiv, welches erst gegen Schluss hin ersichtlich wird. Mit Tieren muss man vorsichtig sein. Zwei, drei Hunde, eine Katze oder ein Papagei dürfen es schon sein, aber immer mit der Aussage «Jöh, wie herzig» oder «das arme Tier».

Jetzt fehlt nur noch etwas Schreibstil. Erwähnen sie als Lokal-Krimiautorin Orte, die jeder kennt, beispielsweise die Calatravahalle. Charakterisieren Sie Personen nicht einfach mit Beschreibungen wie «er ist ein Loser». Schreiben Sie, «er trägt ein Trikot des FC St.Gallen». Mit diesen Zutaten entsteht garantiert ein packender Krimi, der in der Kurzform etwa so geht:

Das Blut der Kopfwunde gerann auf der Leiche neben der Bahntrasse der Appenzellerbahn in der Lustmühle. Kommissarin Schwegler war mit ihrem Regenbogen-Shirt etwas zu fröhlich gekleidet. Die Morgensonne küsste das Appenzellerland wach. «Es ist die Kontrolleurin der letzten Fahrt», erklärt der Gerichtsmediziner. «Erschlagen.» Auf Bildern der Überwachungskamera sind Landeier zu sehen, wie sie vom Ausgang in der Ostschweizer Metropole zurückfahren. Alle werden überprüft, mehr als exzessiver Cannabiskonsum kann nicht nachgewiesen werden. Interesse weckt ein einzelner Mann, verwahrlost, mit einem grossen Käfig. Zugestiegen bei der Calatravahalle. Die Ermittlungen ergeben, dass die Zugbegleiterin mit dem Käfig erschlagen wurde, in welchem der dringend Tatverdächtige einen Papagei mitführte. Er wollte mit diesem zu seiner grossen Liebe fahren. Als Sozialhilfeempfänger hatte er kein gültiges Billett. Gestellt von der Zugbegleiterin, erschlug er die achtfache Mutter im Affekt. Nach einer Grossfahndung wurde der Mann im Wald unter der Hundwilerhöhe verhaftet.

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