Die Halle im Lattich-Quartier gilt als eines der Filetstücke der Zwischennutzung auf dem St.Galler Güterbahnhofareal und wurde 2016 in Betrieb genommen. Im Jahr darauf wucherte darin ein buntes Kulturprogramm, kuratiert von Ann Katrin Cooper und Tobias Spori. 2018 wurde Nathalie Bösch zur neuen Hallen-Chefin, das Gewicht lag nun stärker auf Begegnung und Soziokultur – Tagungen, Märkte und allerlei Feste fanden statt. Ende Oktober letzten Jahres kam mit dem Saisonschluss im Lattich der vorläufige Schlusspunkt: Die SBB suchte für ihre Halle wieder einen Dauermieter, alle Einrichtungen und Installationen in der Halle wurden zurückgebaut und verstaut – tabula rasa.
Das «sympathisch kratzige Sandkorn im sonst vielfach allzu geschmierten Kulturbetrieb», wie Saiten damals schrieb, war Geschichte. Allerdings nicht für lange. Bereits Anfang Jahr kursierten die ersten Gerüchte, dass sich wieder etwas tue in der Halle. Seit Ende April ist es offiziell: Walter Boos und Céline Fuchs übernehmen die Halle – Arbeitstitel Hektor, Namensvorschläge willkommen – und zwar für die nächsten zehn Jahre.
Alle sind herzlich ein geladen, sich bei der Namensfindung für die neue Halle zu beteiligen. Vorschläge bis 20. Mai an: w.boos@attack.ch, 079 476 48 87
Walter Boos ist Inhaber einer Firma für Beleuchtung und Bühnentechnik in St.Gallen und mischt seit zehn Jahren beim Kulturfestival St.Gallen mit, Céline Fuchs macht die Projektleitung bei band-Xost ist in der FM1-Musikredaktion, moderiert das Openair St.Gallen und ist im OK des Humorfestivals Arosa. Der Dritte im Bund heisst Marc Boltshauser; er ist der erste Angestellte der Halle und zuständig für den Betrieb und die Betreuung der Gäste.
Wie scharrende Pferde
Wir treffen Boos, Fuchs und Boltshauser an einem Aprilnachmittag auf der Metalltreppe vor der Halle. Nebenan in der Projektwerkstatt werden Velos probegefahren, vis-à-vis im gelben Lattich II wird die Dachterrasse inspiziert. «Walter hat das Projekt angerissen und mich auf der Stelle mitgerissen», erklärt Fuchs und lacht. Seit kurzem haben sie die definitive Zusage der SBB und arbeiten nun an den Plänen für die nötigen Bewilligungen. Bald kann es losgehen in der Halle. «Wir freuen uns enorm auf den Startschuss – wie scharrende Pferde in den Startlöchern.»
Dass das Projekt heute an diesem Punkt ist, haben Boos und Fuchs auch Rolf Geiger von der Regio Apenzell AR-St.Gallen-Bodensee zu verdanken. Er hat Ende 2018 einige Leute zusammengetrommelt, um über die Zukunft der Halle zu spintisieren. Boos hat sofort angebissen. Dann folgten: eine Gebäudestudie, etliche Abklärungen, Sitzungen und Gespräche mit Architekten und Baufachleuten, mit der SBB, mit Stadt, Kanton und Standortförderung. «Das Feedback war aber durchwegs sehr positiv», sagt Boos. «Alle wollen – das gibt uns ein gutes Gefühl und eine gewisse Sicherheit. Jetzt sind wir gespannt, was Stadt und Kanton zu diesem Projekt beitragen werden.»
Bevor es zu Missverständnissen kommt: Die Halle soll kein neues Palace, Kugl oder eine zweite Grabenhalle werden. Dafür ist sie mit einem Fassungsvermögen von 1400 bis 1500 Personen viel zu gross – und als geplante AG zu wirtschaftlich orientiert, was im Kulturbereich nicht unbedingt der Normalfall ist. Die Halle wolle die bestehenden Kultur- und Konzertlokale in St.Gallen weder konkurrieren noch ersetzen, betonen Boos und Fuchs. «Wir sind eine Event-Halle, ein Begegnungsort für die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Interessen.»
Dass die Stimmberechtigten der Stadt St.Gallen im September 2014 die Initiative «Reithalle für die Kultur» mit 80 Prozent abgelehnt haben, war für viele ein Rückschlag, kommt aber Boos und Fuchs nun wohl zugute. Und dass es auch rundherum wuchert. Nebst dem «gelben UFO» (mehr dazu hier) sind hier auch das Kugl, die Projektwerkstatt, die Lichtausstatter von Konigs, das Urbane Grün Atelier und die HEKS-Gärten angesiedelt. Allein ist in diesem neuen Stadtquartier niemand.
Platz für alles Mögliche
Walter Boos, Céline Fuchs und Marc Boltshauser streben «einen guten Mix zwischen Fremdvermietung und eigenen Produktionen» an. An Ideen mangelt es ihnen nicht: Tanz- und Grillkurse, Yoga-Events, Craftbeer- und Foodfestivals, Modeschauen, Flohmärkte, Velo-Polo, Galadinners, Generalversammlungen, Schlechtwetterprogramm für Familien, Konzerte, Ausstellungen, Hochzeiten und Geburtstage, Theaterproduktionen, Vintagemärkte, Generationenturnen, Tagungen, ein Rollschuhparcours, angehängt an den Schulsport und so weiter. «Es soll für alles Mögliche Platz haben. Je nach dem können wir die Halle mittels Schienensystem auch halbieren oder dritteln», erklärt Céline Fuchs. «Wir werden mit verschiedenen Tarifen arbeiten, es wird auch einen Kultur- und Non-Profit-Tarif geben für Projekte, die finanziell zu kämpfen haben.»
Die AG ist noch nicht gegründet, die Suche nach Geldgeberinnen und Geld gebern läuft aber bereits. Wer Herzblut hat und ohne baldige Dividende leben kann, melde sich bei Walter Boos.
Richtig starten soll der Hallen-Betrieb Mitte oder Ende November – sofern alles nach Plan läuft. Zuerst stehen nämlich diverse Umbauarbeiten an. Im Moment ist die Halle noch ziemlich kühl und kahl. Der Bühnenbereich ganz hinten, wo dereinst auch der Backstage-Bereich sein wird, ist abgetrennt, vorne sind Netze gespannt und ein Spielfeld eingezeichnet. «Bis Ende April wird hier noch Velo-Polo trainiert», erklärt Walter Boos auf dem Rundgang durch die Halle und das Untergeschoss. Im kleinen Raum neben dem Eingang, wo später unter anderem das Kassen- häuschen Platz finden soll, liegen ein paar verschwitzte Handschuhe, Hosen und Helme. Gleich daneben soll eine breite Treppe entstehen, die hinauf in eine Galerie und hinunter in den Toiletten-, Duschen- und Garderobenbereich führt. Im Keller sollen neben den sanitären Anlagen auch zwei Multifunktionsräume für Seminare, Tanz- oder Yogagruppen entstehen.
Fünf Monate sind seit der ersten Hallen-Sitzung vergangen. «Eine anstrengende, aber auch lohnende Zeit», sind sich Boos und Fuchs einig. «Bis zur Eröffnung wird noch einiges passieren in der Halle – und hoffentlich auch drum herum. Die Nachbarschaft im Lattich-Quartier und das Zusammenleben und -arbeiten sind uns wichtig. Wir wünschen uns, dass das neue Stadtquartier weiter zusammenwächst, dass nicht nur das Neue einbezogen wird, sondern auch das Bestehende; das Kugl, Konigs und die Projektwerkstatt.»
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.
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