Kaum sind ein paar Minuten vergangen, liegen sie sich in den Haaren beziehungsweise Federn, die drei Pinguine. Und dann murkst der rebellischste der drei streitlustigen Freunde auch noch einen Schmetterling ab. Kein Wunder, dass Gott daran keine Freude hat und gleich eine Sintflut losschickt – wenn es einen Gott denn überhaupt gibt.
Das ist die grosse Frage im Erfolgsstück An der Arche um acht des deutschen Autors Ulrich Hub. Gibt es ihn, wenn man ihn doch nicht sehen kann? Stimmt es, dass er alles sieht und hört und weiss? Und warum straft er die Tiere mit dieser Sintflut und lässt nur gerade zwei von jeder Art auf die Arche?
Weil Pinguine einander trotz Krach nicht im Stich lassen, schmuggeln die zwei, die von der Taube ein Arche-Ticket erhalten haben, den dritten Pinguin kurzerhand im schweren Überseekoffer aufs rettende Schiff – womit die Probleme natürlich erst so richtig anfangen. Aber auch die grandiosen Einfälle und wunderbaren Archegeräusche; wer wissen will, wie Löwen und Pfauen und Kühe und Papageien und Hunde und Katzen und Pinguine vor dem Einschlafen tönen, erlebt es hier.
An der Arche um acht ist vom 11. bis zum 22. März im Figurentheater St.Gallen zu sehen.
figurentheater-sg.ch
Sebastian Ryser, Frauke Jacobi und Lukas Bollhalder treiben mit den drei Pinguinen ein so turbulentes wie poetisches Spiel. Die Figuren hat Johannes Eisele gebaut, die Bühne Andreas Bächli, Regie führt Dominique Enz. Und das Trio übernimmt im Wechsel gleich auch noch die Rolle der Taube, die der ganze Stress auf der Arche an den Rand des Zusammenbruchs bringt.
Lukas Bollhalder, Frauke Jacobi und Sebastian Ryser mit den drei Pinguinen. (Bilder: Tine Edel)
Ob leibhaftige Schauspieler oder Spielfigur, darauf achtet man schon nach kurzer Zeit nicht mehr, gebannt vom dussligen Pinguintrio, von den sprachwitzigen Dialogen und ihrem heiteren Tiefgang. Und gepackt von den Songs, die Stefan Suntinger für das Stück erfunden hat.
Die grosse Kunst dieses kleinen Stücks ist, dass es ernsthaft, kindgerecht und moralinfrei zum Nachdenken über Gott und die Welt anzuregt. Die Schülerinnen und Schüler gingen an der Premiere denn auch konzentriert und bestens amüsiert mit. Die Koproduktion der freien St.Galler Gruppe Eoboff und des Figurentheaters ist für Kinder ab 6 Jahren geeignet. Sie bleibt nach der Festivalpremiere auf dem Spielplan des St.Galler Figurentheaters.
Flüchtlinge retten – wie geht das?
Und nochmal ein Trip aufs Meer, diesmal aber für ein Publikum ab 14 und nicht mit biblischem, sondern politischem Hintergrund. Und nochmal Familienstreit: Linus und Cora schreien sich an, wie es nur Geschwister können, und brechen dann trotzdem miteinander aus der Familienenge aus, mit einem hehren Ziel: Flüchtlinge retten. Dass das einfacher gewollt als getan ist, merken Linus und Cora rasch.
Er ist gerade 18 geworden, seine Geburtstagsparty ist aus dem Ruder gelaufen mit Kollateralschaden am Steinway der Eltern, und was aus ihm überhaupt einmal werden soll: kein Plan. Sie, die jüngere, nervige Sis, wollte schon immer etwas Sinnvolles machen. Fluchtdrang und Tatendrang kommen zusammen im Stück Pool Position vom Jungen Theater Basel, das der junge Basler Autor Lucien Haug dem Ensemble auf den Leib geschrieben und Suna Gürler rasant inszeniert hat.
Allerdings – und trotz dem Spruch des Vater, der Wille sei «au bloss en Muskel»: Mit dem guten Willen kommen die beiden nicht weit. Schon die erste Begegnung mit gestrandeten Flüchtlingen am Bahnhof Mailand macht sie ratlos. Und dann treffen sie auf Messi, einen angehenden Tänzer, der ihnen beibringt, dass man «Geflüchtete» sagt, nicht «Flüchtlinge», der ein Schiff besitzt, angeblich, und auch sonst einiges auf der Platte hat, was die Jugendlichen aus dem Takt wirft.
Pool Position wird nochmal heute abend am Jungspund-Festival gespielt, die Vorstellung ist aber ausverkauft.
jungspund.ch
Das Stück rattert im Turbotempo, getaktet mit Rückblenden und einer präzisen Soundchoreografie. Sätze und Situationskomik, Harasse und Plastikstühle wirbeln durcheinander. Dass Flynn Jost, Rosa-Lin Meessen und Tim Brügger (noch) keine Profis sind, merkt man keinen Augenblick. Ihr virtuoses und glaubwürdiges Spiel und die hartkantige Dramaturgie belegen einmal mehr die fantastische Arbeit, die das Junge Theater Basel seit Jahrzehnten leistet.
Flynn Jost, Rosa-Lin Meessen und Tim Brügger (von links). (Bild: Junges Theater Basel)
Mit vollem Körpereinsatz stürzen sich die drei Spieler in den Pool, der dem Stück den Titel gibt – und der zugleich ein kraftvolles Bühnen- und Symbolbild liefert für die Lage der helvetischen Wohlstandskids. Das verantwortungslose Planschen im Pool genügt ihnen nicht mehr, aber mit dem Sackgeld für den WWF ist auch noch keine Welt gerettet.
Was heisst gesellschaftliches Engagement, wohin mit der Wut über die Ungerechtigkeiten auf der Welt, und was, wenn einem das eigene Ego dauernd im Weg ist? Mit solchen Fragen trifft das Stück den Nerv der (Klima-) Jugend. Und auch den Ton: An der Premiere am Freitagabend herrschte geballte Konzentration nicht nur unten im Pool, sondern auch im Publikum.
Theater aller Art und ein Dachlatten-Vergnügen
Den Start am Donnerstagabend machte das Tanzstück Forever – eine heftige Auseinandersetzung um Tod und Sterben. Das weitere Programm bis zum 7. März ist bunt gemischt, von der verspielten Wörterfabrik oder dem clownesken Schoggiläbe bis zu den Träumen einer Sommernacht, dem Beitrag des Theaters St.Gallen an das Festival.
Ausserdem wächst bei der Hollywood-Tafel vor der Lokremise der Fätze in die Höhe: eine Dachlatten-Installation, bei der das Jungspund-Publikum zum Mitnageln und Mitschrauben eingeladen ist – oder zum Suppeessen, zum Beispiel heute Samstag abend.
Werke aus vier Kategorien wurden am Donnerstagabend im Palace St.Gallen mit dem Ostschweizer Kurzfilmpreis ausgezeichnet. Tätowierte Bösewichte in Rapvideos und geschwätzige Möwenpuppen – die Sieger waren überraschend, findet Luca Ghiselli.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Naturmuseum Thurgau
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.