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Artenschutz für Parkplätze

In St. Gallen gibt es moralische Kategorien für Parkplätze: Die guten werden unterirdisch in privat finanzierten Tiefgaragen angeboten, die schlechten sind oberirdisch und sollen verschwinden. Wieso eigentlich?
Von  Andreas Kneubühler
Bild: co

Vielleicht kommt irgendwann einer und erklärt die St.Galler Parkplatzdiskussionen zu einem Langzeit-Kunstprojekt.

In der Kategorie absurdes Theater.

Zumindest eine gewisse Kreativität kann man den Protagonisten jedenfalls nicht absprechen. Erfinden sie doch immer neue Kategorie von Parkplätzen: Es gibt oberirdische, unterirdische, öffentliche, private und seit kurzem – speziell für das UG25 erfunden – solche, die «fest von Geschäften für ihre Kundinnen und Kunden gemietet werden».

Was immer die Unterschiede sind.

Entscheidende Gemeinsamkeit ist natürlich, dass darauf Autos abgestellt werden.

Wollte man den Verkehr in der Innenstadt reduzieren, müsste man die Zahl der Parkplätze reduzieren. Stattdessen kommen im Zentrum von St.Gallen ein paar Hundert dazu.

Müsste man zwischen Links-Grünen und Gewerblern einen gemeinsamen Nenner finden, wäre es dieser: Die am wenigsten erwünschten Parkplätze sind diejenigen, die an Autopendler aus den Agglomerationen fest vermietet werden. Ihre Besitzer sind für Staus zu Stosszeiten verantwortlich und bringen dem Gewerbe kaum Umsätze. Ausgerechnet über diese Abstellflächen kann in St.Gallen aber nicht diskutiert werden, weil sie «privat» sind.

Aber lassen wir einmal die Nebengeschichten weg:

  • Beispielsweise, dass der Stadtrat die oberirdischen Parkplätze nur aufheben will, um die Tiefgarage Schibenertor (am Union) zu rechtfertigen.
  • Und dass alles längst beschlossen ist.

Widmen wir uns der Frage, wieso eigentlich oberirdische Parkplätze in Tiefgaragen verschoben werden müssen.

Weil man sie sieht?

Der aktuelle Stand der Forschung sieht so aus: Die Räume in den Innenstädten sollen soweit als möglich für Fussgänger und Velofahrer reserviert werden. Aber nicht überall, wo die Autos verschwinden, entwickelt sich Stadtleben. Gibt es gemischte Nutzungen, muss klar sein, dass Fussgänger und Langsamverkehr Priorität haben. Und: Parkplätze kann man auch zum Vorteil von Velofahrern nutzen.

Doch der Reihe nach:

Würde man unter Automobilisten eine Umfrage machen, würde die Mehrheit erklären, dass sie oberirdische Parkplätze solchen in Tiefgaragen vorzieht.

Nur schon das würde eine differenziere Strategie verdienen.

Klar ist, dass die Abstellflächen auf dem Marktplatz verschwinden müssen. Dort ist es zwar schattig und der Platz ist wenig attraktiv: Aber man kann den Raum schlicht besser nutzen als für parkierte Autos.

Aber was ist mit der Poststrasse?

Sie verbindet den Bahnhof mit Marktplatz und Altstadt. Wer dort unterwegs ist, ist meist in Eile. Es hat kaum Geschäfte und keine Restaurants mit Aussenbestuhlung.

Niemand flaniert auf der Poststrasse.

Bezeichnenderweise sind auf dieser funktionalen Verbindungsstrasse die Parkplätze bereits aufgehoben worden – auf dem Marktplatz aber nicht.

Dabei würden sich auf der Poststrasse wegen der Nähe zum Bahnhof Kurzhalter-Parkplätze anbieten. Stattdessen wurde der Raum mit den in St. Gallen üblichen Bänken im Röhren-Design möbiliert. Deren offensichtlichste Eigenschaft ist, dass man sie in wenigen Sekunden mit dem Kärcher reinigen kann.

Was ist gegen die paar Parkplätze gegenüber dem Seeger einzuwenden? Der Verkehr führt dort sowieso vorbei. Was gegen die Abstellflächen in den engen Strassen zwischen Seeger und Dufour? Dort gibt es keine Begegnungszone.

Und nun noch eine Bemerkung zum kreativen Umgang mit Parkplätzen. Das Beispiel stammt aus Kopenhagen, dem Mekka des Langsamverkehrs.

Das exemplarische Strassenbild sieht im Querschnitt von links nach rechts so aus: Breites Trottoir – Veloweg – in Fahrrichtung hintereinander parkierte Autos – Strasse.

Der Effekt: Die parkierten Autos schützen die Velofahrer wie ein Wall vor dem gefährlichen Strassenverkehr. Wie die Fussgänger bewegen sich die Velofahrer in nächster Nähe zu Restaurants und Läden. Gefahrlos können sie jederzeit dorthin einbiegen.

 

Bild: 14. Mai 2015, 4.57 Uhr, 9000 St.Gallen, co

Jetzt mitreden: 4 Kommentare
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Matthias,  

Danke für den Artikel, es tut gut zu sehen, dass es noch andere kritisch Denkende gibt. Ich hab mich schon lange über die grosszügige betonierung der Poststrasse gewundert. Das Ding lebt nicht, finde ich. Genauso wie das neu gestaltete Grabenpärkli, war früher mal eine herzige Nische, jetzt hauptsache viel geteerte Fläche und offen, könnte sich ja noch ein Alki zu wohl fühlen sonst. Im sommer wundern sich dann alle wieso es so verd. heiss ist. Die Lösung wäre einfach: Helles Kies und schattenspendende Bäume. Das exemplarische Strassenbild von Koppenhagen wäre zum Beispiel an der Davidstrasse genial. Als Verlängerung der wichtigen Radroute durch den Güterbahnhof. Am Besten Einbahn und Tempo 30, schliesslich ist da ja auch noch ein Schulhaus...

Marcel Baur,  

Um dem Artenschutz etwas den Wind aus den Segeln zu nehmen (bislang zwar nur eine Vermutung) sammle ich auf meinem Blog die aktuellen PP-Zahlen und werte sie aus. Bin auf die Auslastung gespannt Die Stadt und die PLS AG scheinen dazu nicht in der Lage resp. geben die Zahlen nicht raus. Feedback usw. nehme ich gerne entgegen.

Markus,  

In 10 bis 20 Jahren werden durch automatisierte Fahrzeuge und Carsharing Parkplätze weitgehend überflüssig sein. Ebenso neue Strassen wie die geplante Südumfahrung. Hier wird in tote Technologie investiert. Schade eigentlich.

hrbeck,  

Einmal mehr, gut erkannt, gut gesagt. Danke A. Kneubühler.

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