Wo gibt es das? Für einmal ist in interpretatorischer Hinsicht über den ganzen Abend nichts zu bekritteln. Das achtjährige Zusammenspiel von Boglárka Pecze, Klarinetten, Eva Boesch, Violoncello und Sun-Young Nam, Klavier, hat die drei Musikerinnen zusammengeschweisst. Da läuft einfach alles.
Und soll keiner kommen und sagen, man höre die «falschen» Töne in der Gegenwartsklassik nicht. Man hört sie. Mühelos und selbstverständlich findet sich das Trio in die vier unterschiedlichen Tonsprachen der programmierten Kompositionen hinein. Diese sind den Interpretinnen im Wortsinn auf den Leib geschrieben, denn das leidenschaftliche Engagement des trio catch fürs Neue findet inzwischen auch auf der internationalen Ebene Gehör. Unterwegs ist das in Hamburg beheimatete Trio in einer ausgeprägten Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten, vergibt Aufträge, macht Musikvermittlung.
Schöne Neue Musik
Quer durch alle präsentierten Kompositionen ist ein Paradigmenwechsel bei der zeitgenössischen Klassik fest zu stellen. Jede Spur von Avantgardistik ist gelöscht, Sperriges bleibt ausgeklammert. Da ist viel Schönklang, auch Harmonik. Der Rückgriff auf Dodekaphonie ist genauso selbstverständlich wie Rhythmik à la Strawinsky, Spektralmusik oder die Klavierpräparationen von Cage. Eindeutig hat der Begriff «Neue Musik» ausgedient, ist historisch geworden und bestenfalls auf die Avantgarde «post Webern» von Stockhausen bis Boulez noch anwendbar.
Die Komponisten des Programms, geboren zwischen 1958 und 1979, stehen alle gut in der Mitte des Lebens. Die Kompositionen, entstanden zwischen 2015 und 2017, sind Gegenwartsklassik. Wohin sich diese bewegt? Was heisst zeitgenössisch? Viele offenen Fragen bleiben im Raum. Spannend.
Catch it!
Die dreiteilige catch sonata (2017) des Franzosen Gérard Pesson soll eine Sonate im Sinn des «suonare» (gemeinsam spielen, erklingen lassen) sein. Dass sich die Komposition ebenfalls auf das Spiel mit einer Holzspule bezieht, das Sigmund Freud bei einem Enkel beobachtet hat, manifestiert sich in den Präparationen des Klaviers. Ein Konzept, das zu einem spielerischen Wechsel zwischen harmonischen Klangfeldern und perkussivem Antrieb führt.
In As if (2017) des deutschen Komponisten Johannes Boris Borowski überwiegen ebenfalls spielerische Momente. Tatsächlich gewinnt das Werk durch seinen programmatischen Bezug auf Charles Dickens‘ Copperfield-Roman, den intendierten «Als-ob»-Charakter, erfrischend naiv und kindlich.
Chrysanthemum (2015) des Slowenen Vito Zuraj ist eine hellgefärbte Trauermusik. Ein Gedächtnisstück für Armin Köhler, den verstorbenen künstlerischen Leiter der Donaueschinger Musiktage. Im Gegensatz zu Plessons catch sonata mit den Teilpräparationen des Klavier, was zu einem spannungsvollen Wechsel von «normalem» und präpariertem Klang führte, langweilt die Vollpräparation hier merkwürdigerweise.
Dafür vermag Wasserzeichen. Auf die Stimme der weissen Kreide II des österreichischen Komponisten Johannes Maria Staud mit seiner dunkel gefärbten Klanglichkeit das Ohr für zehn Minuten in Bann zu ziehen. Da schimmert auf magische Weise das Wasserzeichen eines alten Manuskriptes durch, und dieses wird mit Vorsicht im Licht gedreht. Wunderbar.
Komponistinnen gesucht
Als Zugabe gab es dann, nicht unbedingt zwingend, Wolfgang Rihms Kleiner Walzer (2004). Fraglich bleibt aber vor allem, ob die eingeschobenen Sätze aus den Trio-Miniaturen des Schweizer Komponisten Paul Juon (1872-1940) wirklich als entspannende Zwischenmusik notwendig sind. Viel lieber hätte man eine der neuen Kompositionen nach Wahl nochmals gehört. Und: Warum findet sich keine Komponistin auf dem Programm? Hoffentlich beim nächsten Mal. Die Neugierde wäre geweckt.
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