, 14. Februar 2019
8 Kommentare

Asoziales auf dem Teller

Geständnis Nummer 6 aus unserem Februarheft zum Thema #guiltypleasures. Und alle so: Ernsthaft? Gehts noch?! Das hätte ich jetzt nicht von dir gedacht!

Hattest du schöne Festtage? Ja? Und was habt ihr Feines gegessen? Ich hasse diese Fragen fast so sehr wie das 
olle Fondue Chinoise, das sich die halbe Schweiz zu Weihnachten oder Silvester in den Rachen knallt. Nicht nur,
 weil diese Gespräche so brachial langweilig sind, sondern vor allem, weil sich daraus nicht selten eine klebrige Grundsatzdiskussion entwickelt in meinem tendenziell politisch korrekten Freundinnenkreis und ich dabei nicht wirklich auf der Seite der «Guten» stehe, sofern es die denn noch gibt in unserer widerspruchsgeplagten Welt.

Ernsthaft?! Gehts noch?! Das hätte ich jetzt nicht gedacht von dir! Das sind häufig die Reaktionen, wenn ich, ehrlich wie ich bin, sage, was ich über die Festtage wieder freudig verdrückt habe. Und es beschränkt sich ja nicht
 nur auf diese erleichternde Zeit, wenn sich ein weiteres seltsames Jahr dem Ende zuneigt, es passiert auch zwischendurch, im Sommer manchmal oder wenn ich eine meiner Tanten sehe.

Die Vorfreude ist jeweils sehr gross, auch wenn
 ich genau weiss, dass ich gleich eine weitere Kerbe in mein karmisches Holz ritzen werde. Ja, ich liebe Foie gras. Gänsestopfleber. Am liebsten auf Brot mit einem Glas Sauternes oder einem anderen edelfaulen Tropfen dazu.

Foie gras – französisch für «fette Leber» – gehört mit zum Asozialsten, was man auf dem Teller haben kann.
 Sie wird aus den Lebern von jungen Gänsen oder Enten gewonnen, wobei die Tiere nicht einfach nur geschlachtet werden, was an sich schon bös genug wäre, nein, die Vögel werden vor ihrem gewaltsamen Tod auch noch gewaltsam gemästet.

«Gavage» nennt sich diese Praxis in Frankreich, dem Mutterland der Stopfleber. Die Tiere werden zwangsernährt: Mehrmals pro Tag quetscht man ihnen per Rohr Kohlenhydrate und Fett in den Magen. Seit 2005 gehört Foie gras zu Frankreichs «nationalem und gastronomischem Kulturerbe» und ist darum von den dortigen Tierschutzgesetzen ausgenommen. In vielen anderen Ländern ist die Produktion von Stopfleber verboten, deren Import und Verkauf hingegen nicht.

Meine Mutter ist in Frankreich aufgewachsen, im Südwesten. Dort wird der grösste Teil der französischen Stopfleber produziert. Wenn ich Foie gras esse, stammt diese zwar nicht aus fairer Produktion – die gibt es bei einer solchen Herstellungsweise schlichtweg nicht, weil es sonst nicht so zartschmelzend schmecken würde –, aber sie kommt zumindest aus nicht ganz so abartigen Verhältnissen. Die Leber stammt von einem Bauer, der seine freilaufenden Junggänse die ersten paar Monate ganz normal füttert
 und erst im letzten Monat «ein bisschen mehr zum Fressen animiert, dann mit Spezialfutter». Sagt jedenfalls meine Tante, die dort lebt und uns jeweils mit dem Stopf versorgt.

Mir ist durchaus klar, dass es das nicht besser macht. Da kann ich noch lange in einer 35-Quadratmeterwohnung leben, keinen Fahrausweis haben, wenig Fleisch essen,
 nur im Notfall fliegen und möglichst faire Kleider kaufen. Wenn es um Foie gras geht, bin ich eine total egoistische, genusssüchtige, anstandslose, heuchlerische Gans. Schuldig in allen Belangen, auch wenn es nur zwei- oder dreimal im
 Jahr vorkommt. Wenigstens habe ich es jetzt gebeichtet.

Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.

8 Kommentare zu Asoziales auf dem Teller

  • Andrea Martina Graf sagt:

    Ich rechne eigentlich immer damit, dass wir Linken uns grundsätzlich immer auf die Seite der Schwächsten stellen, also auch der uns ausgelieferten Nutztiere (welche schreckliches Wort).
    Und leider werd ich dann immer wieder jäh aus meinen wohl zu romantischen Vorstellungen gerissen.
    Heiteränochämou, wann endlich kapiert Mensch, dass Tiere auch ein Anrecht auf Leben haben.
    Wer „die Auswüchse des Kapitalismus“ bekämpfen will, muss sich auch gegen die ganze Tötungsmaschinerie der Tiere stellen, find ich.

  • Renato Werndli sagt:

    Bin alter Veganer und einiges gewöhnt. Aber ein solch übler Artikel ist mir noch nie begegnet: Eines der allerschlimmsten Qualprodukte zu zelebrieren, indem man sich deswegen hundertmal entschuldigt, ist wohl der grausamste Hohn für alle Opfer dieses kurzen Gaumenkitzels. Ethisch viel, viel bedenklicher als der gedankenlose Fleischkonsum jedes gleichgültigen undifferenzierten Zeitgenossen. Ist Riederer bewusst, dass sie so 1000fach multipliziert Stopfleber wieder akzeptabel macht und damit mit einem Federstrich unzählige Tiere opfert nach grausamem Leben.

    • Danke, Renato. Denkst du immer noch, dass unter einer roten Diktatur alles besser wäre im Tierschutz? Die kommunistischen Oststaaten haben lange genug noch schlimmere Tierfabriken gehabt, als im kapitalistischen Westen mit demokratisch-sozialen Leitplanken. Zugegeben, alle kapitalistischen Länder versagen total im Tierschutz. Aber die sozialistisch-kommunistischen noch mehr. Es liegt an den Menschen, nicht am System. Das Massenverbrechen an den Tieren könnte auch in „kapitalistischen“ Ländern leicht unterbunden werden. Allein, es liegt am politischen Willen und am Egoistmus der Konsumenten, wie Corinne Riedener das ja hier mit aller Deutlichkeit demonstriert – und sogar noch stolz darauf ist. Eine Frage hätte ich noch dazu (sonst ist alles klar): Was ein solcher barbarischer Egoismus mit „Kultur“(-Magazin) zu tun?

  • Jenn Fuchs sagt:

    Die Gier des Menschen und seine Grausamkeit bei der Durchführung zeigt sich doch immer wieder. Ich werde nie verstehen wie man eine kleine Gaumenfreude höher bewertet, als das qualvolle Leben eines Tieres. Man ist sich dessen bewusst, trotzdem will man nicht darauf verzichten. Das spricht für mich halt für einen schwachen Charakter. Ich bin da absolut für ein Importverbot (wie auch beim Thema geschächtetem Fleisch). Wenn etwas verboten ist im eigenen Land hergestellt zu werden, soll doch bitte auch der Import verboten sein!

  • Anita Weber sagt:

    Wie „SCHWACH“ muss man sein, wenn man trotz allem grausamen Wissen über die Stopfleber und das armselige Leben dieser Tiere nicht „NEIN“ sagen kann – Charakter, wo???

  • Eva Herzog sagt:

    Leute wie Corinne Riedener sind für mich leider keine Überraschung von linker Seite. Da wird gerne und grosszügig weggesehen von allem Leid wenn es um das eigene kulinarische „Wohl“ geht. Aber solches Tierleid und die eigene Ignoranz noch derart betont zu zelebrieren ist schon dicke Post. Bitte einfach nur noch schämen, pfui!

  • Fabienne sagt:

    Wo zum Teufel ist hier der Sinn an diesem Artikel? Sich mehrmals zu entschuldigen das einem die Tiere leid tun die man isst??? Warum isst man sie wenn man weiss wases für eine Grausamkeit mitsich trägt? Wie kann man da noch hinein beissen wenn man weiss was dieses arme Lebewesen mitmachen musste?? Tiere sind Wesen die Leben wollen!!!

  • Andrea sagt:

    Wie kann man nur so dreist sein und Tierelend mit seiner Herkunft rechtfertigen und für einen kurzen „Gaumenschmaus“ das Bewusstsein für das dahinterliegende Leid ausschalten…ist für mich ein klarer Verstoss gegen ethische Aspekte, egal ob Mensch oder Tier als Lebewesen, und zeigt wieder mal das widersprüchliche Verhalten der linken Seite, jedoch auch vieler Menschen, die einfach nur ihren Konsum im Auge haben…

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