, 7. Mai 2019
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Auf eine Flasche Roten mit Dumbledore

Hans Krensler portraitiert Malerinnen, Autoren, Sängerinnen, Schauspieler und Musikerinnen, die sich gerne dem Rausch hingaben. Seine Serie «Genug ist nie genug» stellt er im «Parterre 33» in St.Gallen und danach in Berlin aus.

Richard Harris hat Zahnweh, Hans Krensler, 2018.

Er war weder wegen der Stiftsbibliothek noch wegen des Säntis und schon gar nicht wegen der Olma in die Ostschweiz gekommen, sondern wegen des Zahnwehs. Der irische Schauspieler und notorische Trinker Richard Harris liess sich Ende der 90er-Jahre in der Paracelsus-Klinik in Teufen sämtliche Zähne ziehen. Er residierte im «Einstein» in St.Gallen und verbrachte den Abend vor dem Eingriff gleich um die Ecke im alten «Gambrinus» mit zwei Flaschen Rotwein. Eine Hand immer an der Backe.

Hans Krensler, «Genug ist nie genug», Parterre 33, St.Gallen, 8.–11. Mai. Vernissage am 8. Mai, 18.30 Uhr. Ende Mai werden die Bilder in Berlin ausgestellt.

parterre33.ch

Der Zufall wollte es, dass der Künstler Hans Krensler, hauptberuflich Zahnarzt, an jenem Abend ebenfalls dort an der Bar sass und herauszufinden versuchte, wer da hinten so alleine am Tischlein hockte. Irgendwoher kannte er dieses Gesicht. Als Harris das Lokal verliess, folgte ihm Krensler zum «Einstein». Harris sass bereits wieder an der Bar, als Krensler merkte, dass es sich um den Filmstar aus A Man Called Horse (1969) oder aus Michelangelo Antonionis Die rote Wüste (1963) handelte. Die Rollen des Kaisers Marc Aurel in Gladiator und des Professors Albus Dumbledore in den ersten beiden Harry Potter-Filmen standen ihm noch bevor. Krensler fragte Harris, ob er sich zu ihm setzen dürfe, jener willigte sofort ein, und so teilten sie sich eine weitere Flasche Roten.

Es kristallisierte sich an Fassbinder

Hans Krensler stammt aus Schweden, bildete sich in Malmö zum Zahnarzt aus. 1964 legte er erstmals Platten auf, das neuste aus England: Beatles und Rolling Stones. Auch später in St.Gallen betätigte er sich als Discjockey, in den 1980er- und 90er-Jahren vor allem im «August» und im «Splügeneck». Krenslers Mutter war Künstlerin. Sie nahm die Kinder oft in Museen und zu Ausstellungen mit. Hans Krensler malte immer ein bisschen. Aber zum Broterwerb reichte es nie. Seine erste eigene Ausstellung zeigte er Mitte der 80er-Jahre im «Christina’s». Er sagte sich, «wenn ich mehr als die Hälfte der Bilder verkaufe, hänge ich den Zahnarztberuf an den Nagel». Er verkaufte drei Bilder. Es folgten weitere Ausstellungen in der Region.

Krensler lebt in Schwellbrunn, ist seit 2011 pensioniert und hat so auch mehr Zeit zum Malen. 2014 stellte er im Kulturbüro St.Gallen seine «Plakate, die die Welt nie sah» aus. In den vergangenen Jahren beschäftigte er sich vor allem mit Künstlern, Schriftstellern und Musikern, die sich regelmässig und oft auch gerne zudröhnten. So entstanden über 30 Portraits von berühmten Persönlichkeiten, deren Schaffen Krensler seit langem begleiten und beeindrucken. «Ich bewundere diese Personen nicht für das, was sie ihren Körpern antun, sondern für das, was sie trotz und dank des Rauschs geschaffen haben.»

Alle Bilder der Serie, die vom 8. bis 11. Mai im «Parterre 33» in St.Gallen ausgestellt werden, entstanden in den vergangenen fünf Jahren. Allerdings hatte Krensler schon 1989 ein Portrait des 1982 verstorbenen deutschen Regisseurs Rainer Werner Fassbinder vor einem Mass Bier gemalt. «Das Bild habe ich gemacht, weil Fassbinder einfach ein cooler Typ war, der ein intensives Leben führte und super Filme gemacht hat.»

«Das Fassbinder-Bild hing dann jahrelang in Beizen und Bars, wo die Leute rauchten und tranken», erzählt Krensler: In der «Hinteren Post», im «August» und im «Splügeneck», an Orten also, an denen sich der Künstler selber gerne aufhielt. Vor etwa zehn Jahren nahm er das Bild wieder mit nach Hause. Vom jahrelangen Herumhängen stank das Bild dermassen, dass es erstmal ein paar Monate ausgelüftet werden musste, bevor es wieder ins Wohnzimmer kam.

Alle tot – ausser einer, den tötet nichts

30 Menschen in Acryl auf Leine, darunter etwa Friedrich Glauser, Fernando Pessoa, Harry Rowohlt (auch ihn hat Krensler einmal getroffen), Gottfried Keller, Frida Kahlo, Annemarie Schwarzenbach, Arthur Rimbaud, Jackson Pollock. Teils mit dem passenden Getränk: Janis Joplin mit Southern Comfort, Raymond Chandler mit einem Dry Martini, Jean Sibelius mit einer Flasche Schnaps, Serge Gainsbourg mit einem Pernod. Judie Garland, die am Showbusiness in Hollywood zerbrach, wird von hinten aus dem Dunkel eine Flasche Wodka gereicht.

Manche Bilder sind mit Zitaten versehen. Patricia Highsmith sagt: «Obsessions are the only things that matter.» Billie Holiday säuselt: «I never hurt nobody but myself and that’s nobody’s business but my own.» Edith Piaf bereut wie immer nichts. Der walisische Dichter Dylan Thomas grummelt: «Don’t interrupt  – me.» Und Josef Roth meint in seinem «Heiligen Trinker» zum Schluss: «Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten Tod.»

Und Robert Walser hatte «mitten im ununterbrochenen Vorwärts (…) Lust stillzustehen.» Walser ist die einzige Person, deren Gesicht auf dem Bild nicht zu erkennen ist. Das Bild ist dem Polizeifoto nachempfunden, das ein Beamter 1956 oberhalb von Herisau aufgenommen hat, wo Walser leblos im Schnee lag, nachdem er jahrelang in der psychiatriaschen Klinik gelebt hatte. Die Spuren führen nicht ganz bis zum Leichnam hin, der Polizeifotograf machte vorher kehrt und drückte den Auslöser.

Gemeinsam ist allen Portraitierten, dass sie längst gestorben sind, teilweise schon in jungen Jahren. Einzige Ausnahme ist Keith Richards. Der Stoff, der den Stones-Gitarristen ins Grab bringt, ist noch nicht erfunden.

Dieser Artikel erschien im Mai-Heft.

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