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Auf einem Auge blind

Der italienische Regisseur Gianfranco Rosi hat ein Jahr auf Lampedusa verbracht und einen Dokumentarfilm gedreht. Fuocoammare zeigt Alltag auf der Insel und drum herum – und hat an der Berlinale den goldenen Bären für den besten Film gewonnen. Ab heute erschüttert er St. Gallen.
Von  Frédéric Zwicker

«Lampedusa hat eine Fläche von 20 Quadratkilometern. Die Insel liegt 70 Kilometer von der afrikanischen und 120 Kilometer von der sizilianischen Küste entfernt. In den vergangenen 20 Jahren sind 400’000 Flüchtlinge auf Lampedusa gelandet. Beim Versuch, Europa zu erreichen, sind schätzungsweise 15’000 Flüchtlinge gestorben.»

So beginnt Fuocoammare. Mit Fakten. Weiss auf schwarz. Und Lampedusa, die Insel, die zum Synonym für die Flüchtlingskrise geworden ist, liegt irgendwo dazwischen. In einer Grauzone. Zwischen zwei Kontinenten. Zwischen zwei Welten; jener nämlich, aus der geflüchtet wird, und jener, die für die Flüchtenden das gelobte Land bedeutet: Europa. Auf Lampedusa beträgt die europäische Population rund 4500 Menschen.

Fuocoammare: Donnerstag, 1. September, 19 Uhr, Samstag 3. September, 15.20 Uhr, Freitag 9. September, 17 Uhr, Kinok St.Gallen. Infos und Daten hier.

Eine weitere Zumutung

Einer von ihnen ist zwölf Jahre alt und heisst Samuele. Er ist der eigentliche Protagonist in diesem Dokumentarfilm. Man sieht Samuele bei der Suche nach einer geeignete Astgabel, aus der er eine Steinschleuder basteln will. Damit schiesst er gemeinsam mit einem Freund auf Vögel. Oder auf Gesichter, die sie in Kakteen schnitzen. Samuele hat ein träges Auge. Sein Sehvermögen auf dem linken Auge beträgt zehn Prozent. Das ist nur eine von unzähligen Metaphern, die einem in Fuocoammare begegnen.

Ein zweiter Protagonist ist der Arzt Pietro Bartolo. Er kümmert sich um Einheimische wie um Flüchtlinge, und er fungiert in diesem fantastischen Film als Bindeglied zwischen dem einheimischen Lampedusa und dem eingeschifften. Wenn er von Kinderleichen und toten schwangeren Frauen erzählt, davon, wie er zur Identifizierung Proben nehmen muss, dem ohnehin geschundenen Vierzehnjährigen ein Ohr oder einen Finger abschneiden, dann will man sich die Albträume nicht ausmalen, von denen er erzählt. «Ihm, dem so viel zugemutet worden ist. Eine weitere Zumutung nach dem Tod.»

 

Gianfranco Rosi unterlässt es, seine Aufnahmen zu kommentieren. Alles, was man sieht und hört, hat sich vor seiner Kamera ohne jegliche Regieanweisung so abgespielt. Und wenn jung Samuele bei Bartolo in der Praxis sitzt und über Atemprobleme klagt, die ihn manchmal ein kleines bisschen plagen, dann ergeht es dem Zuschauer wie Samuele, dessen fast blindes Auge im Verlauf des Films dank der Hilfe eines Augenarztes immer besser sieht. Denn was wirkliches Leid bedeutet, das weiss man, wenn die Seeretter ein hilflos treibendes Flüchtlingsboot finden.

Röchelnde Fische, röchelnde Menschen

Seine immense Wucht entwickelt Fuocoammare dadurch, dass das ganze Denken und Beurteilen dem Zuschauer überlassen wird. Samueles Vater ist Fischer. «Hier auf der Insel sind wir alle Fischer», sagt ein Freund Samueles, der ihm Rudern beibringt. Und wenn man im Fischerboot die Tintenfische auf dem Trockenen zucken sieht und etwas später die dehydrierten Flüchtlinge, die im Delirium und nahe am Tod auf den Planken des Rettungsboots röcheln und sich winden, dann erhält dieser Satz des unschuldigen Jungen eine neue Bedeutung.

Es wäre falsch, zu viel über diesen Film zu schreiben. Was der Dokumentarfilm aussagt, muss jeder Zuschauer zwischen den Bildern herauslesen. Auch wenn Sie auf beiden Augen scharf sehen – Fuocoammare wird Ihre Augen öffnen.

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