, 5. August 2016
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Auf ins Lattich-Quartier

Der Güterbahnhof St.Gallen belebt sich: Bis Ende Oktober steht eine Halle für Zwischennutzungen bereit, später soll hier ein Stadtquartier auf Zeit entstehen. Das wuchernde Projekt heisst Lattich.

Blick aufs umstrittene städtische Filetstück: Das Güterbahnhofareal, 2016 kulturell zwischengenutzt, Planungsgebiet für einen sinnlosen Autobahnanschluss (Bild: Gabriela Falkner)

Die Uhr in der grossen Halle zeigt halb vier, als wir uns um zwei treffen – ein Ort, seiner Zeit voraus? Eine Stunde später ist es immer noch halb vier – ein Ort, wo die Zeit stehen geblieben ist?

Beides trifft halbwegs zu. Der Ort ist das alte Backstein-Lagerhaus auf dem St.Galler Güterbahnhof-Areal. Hier auf einer der letzten Brachen, hier wo die Autostadt ihre Zukunft plant mit dem neuen Zubringer zur Autobahn, wird bis zum Herbst eine ganz andere, menschenfreundliche Stadt-Vision erprobt: Für drei Monate steht die Halle für diverse Nutzungen unentgeltlich zur Verfügung.

Lattich I heisst das Projekt, getragen wird es von einer Projektgruppe um die Organisation Regio AppenzellAR-St.Gallen-Bodensee. Mit im Lattich-Konsortium sind die Alltag Agentur, Kulturmanagerin Gabriela Falkner und Patrick Scherrer vom Produktionsbüro Ost.

Auf zum Containerdorf

Regio-Geschäftsführer Rolf Geiger sieht die Teilspange (zu der die Stadtbevölkerung am 28.Februar Ja gesagt hat) inzwischen als Chance: Hier könne zumindest für die nächsten 15 bis 20 Jahre nichts definitives Neues gebaut werden, gute Voraussetzungen also für eine Zwischennutzung.

Die eigentliche Vision, Lattich II, ist denn auch grösser gedacht. Ein temporäres Quartier soll entstehen, gebaut aus mobilen Containern, wandelbar und beweglich, Arbeits- und Werkort auf Zeit für die St.Galler Kreativwirtschaft.

Gabriela Falkner, vom Kulturbüro mit im Projektteam, skizziert die Dimensionen des «Containerdorfs»: 40 bis 60 Container, ob Stahl oder Holz, könnten es dereinst sein, belebt und bewirtschaftet nach dem Vorbild der Zürcher Binzsiedlung oder des Basler Projekts «Rakete». Die Startfinanzierung sei gesichert: Lattich ist eines der Siegerprojekte des Kantonalbank-Wettbewerbs und hat damit einen «Götti». Für die tatsächliche Realisierung sind aber mehrere Millionen Franken nötig, es braucht Strom- und Wasseranschlüsse, Bewilligungen aller Art, die Mieten sollen trotz grosser Investitionen tragbar sein, kurzum: Lattich II sei weniger eine spontane «Zwischennische» als vielmehr ein «Immobilienprojekt».

Planen auf dem rohen Boden

Ideal zum einen, sagen die Initianten: Im Güterbahnhof sind bereits jetzt viele Leute am Werk, von der Velowerkstatt und dem Töfftreff bis zum Musikatelier, Design- und Ingenieurstudio. Ideal zum zweiten: Die Grünfläche, auf der künftig die Container stehen sollen, ist als sogenannte Ruderalfläche eine wirkliche Brache. Ruderalflächen gelten als ökologisch wertvoll, weil hier eine genügsame Flora und Fauna (inklusive Huflattich…) gedeiht, die sonst kaum Platz im Siedlungsraum hat. Ein «Rohbodenstandort», laut Wikipedia – die passende Metapher also für das noch zu entwickelnde Projekt.

An dieser Entwicklung wollen die Initianten in den kommenden Monaten arbeiten. Man habe das Glück, dies nicht auf dem Reissbrett tun zu müssen,  sondern auf dem Areal selber, dank Lattich I und dem Probebetrieb in der Halle.

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Kultur, Soziales, Gastronomie…

Vorläufig kann, die noch ausstehende Bewilligung für die Nutzungsänderung vorausgesetzt, etwa ein Viertel der Halle oder rund 250 Quadratmeter genutzt werden.

Wofür? Man sei sehr offen für alle möglichen Ideen, sagt Gabriela Falkner. Und offen seien auch die Nachbarn ennet der Gleise, die man bereits kontaktiert habe, ergänzt Rolf Geiger. Kontroversen wie ums Kugl werde es aber auch deshalb vermutlich nicht geben, weil tagsüber und abends Betrieb sei, nicht aber nachts.

Interessierte können heute Freitag ab 17 Uhr einen Blick in die Halle tun, und am 19. August gibt es ab 17.30 Uhr einen Abend der offenen Rolladen.

lattich.ch

Geiger sieht die Halle einerseits als Kultur-Plattform für Veranstaltungen aller Art, Workshops, Werkaufführungen, Ausstellungen, Filme etc. Anderseits sei sie auch eine Quartier-Plattform: Die Halle soll zum Treffpunkt werden, die Rampe lädt ein für Bewirtungen aller Art, ein Bistro soll hier entstehen, «die innovative und urbane Gastroszene» ist ebenso erwünscht wie alle möglichen Leute mit Ideen. Mit im Boot ist bei der Programmgestaltung auch die Fachstelle für Kultur der Stadt St.Gallen mit Kristin Schmidt, Barbara Affolter und Stefan Späti.

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Tatsächlich hat die Halle viele Reize – ein Rohling, Backsteinwände, Stahlträger unter dem leicht geneigten Dach, viel Höhe, ein Betonboden, ein paar schlanke Säulen. Kein Tanzteppich, keine Scheinwerfer, keine Soundanlage und im Normalfall Platz für gerade einmal 50 Personen: Am Güterbahnhof soll ausdrücklich kein weiterer «Eventschuppen» entstehen, sondern ein Ort des Ausprobierens und des Austauschs.

«Anfang eines Stadtentwicklungsprozesses»

Was nach den drei Monaten kommt, steht in den Sternen. Rolf Geiger sieht den Probebetrieb als «Anfang eines Stadtentwicklungsprozesses»: ein niederschwelliger Anfang mit der Chance, herauszufinden, was hier für die Stadt und fürs Quartier funktioniert und gefragt ist. Dieser Prozess werde nachhaltig sein, unabhängig davon, ob dereinst der Autobahnanschluss komme oder nicht. Wegen der Autobahnpläne jetzt schon ganz auf das Areal zu verzichten, wäre eine «Kapitulation», sagen Falkner und Geiger.

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Gabriela Falkner und Rolf Geiger auf der vielversprechenden Rampe vor der Halle. (Bild: Su.)

 

 

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