Die Ostschweiz mit der Zentralschweiz und dem Mittelland in einem glanzvollen neuen nationalen Medien-Dampfer: Das verspricht das Joint Venture der NZZ-Regionalmedien Tagblatt und Luzerner Zeitung und der AZ-Medien mit dem schönen Namen CH Media. Aber der Lack blättert bereits ab, bevor das Vehikel ganz in Fahrt gekommen ist.
Erst wird im November ein Abbau von 200 Stellen angekündigt, verteilt auf zwei Jahre – hier der Bericht.
Schon vorher definiert sich die Chefetage: mit dem publizistischen Leiter Pascal Hollenstein, bisher NZZ, und dem neuen Mantel-Chefredaktor Patrik Müller, bisher AZ, wird der Kurs jetzt von Zürich und Aarau bestimmt. Auch in den weiteren Führungspositionen sucht man vergeblich nach Spurenelementen aus St.Gallen oder Luzern.
Hollensteins Kalter Krieg
Die Hierarchie hat sich in der Samstagausgabe gezeigt: Hollenstein leitartikelte auf der Frontseite, Müller kommentierte auf Seite 3. Und in den Beiträgen zeigt sich nicht nur, wer das Sagen hat, sondern auch, wes Geistes Kind die Chefs sind.
Hollenstein eifert gegen die «weinerliche Memme» namens Westen in dessen Verhalten zur Eskalation zwischen der Ukraine und Russland um die Hafenstadt Mariupol am Schwarzen Meer. Für ihn ist Russland der fraglose Bösewicht und US-Präsident Trump der einzige, der dies richtig einschätzt. Dass man die Dinge auch anders sehen könnte, hat Christian Müller in einem kritischen Beitrag auf «Infosperber» dargestellt.
Er schreibt darin unter anderem über die verräterische Wortwahl («Memme») und befürchtet einen «journalistischen Einheitsbrei: Hier das Schweizer Leitblatt NZZ mit Eric Guyer als Chefredaktor, einem heissen Verehrer der auf militärischer Stärke basierenden US-amerikanischen Hegemonie. Und jetzt CH Media von Solothurn bis St.Gallen mit Pascal Hollenstein als Leiter Publizistik, der den Westen als ‹weinerliche Memme› bezeichnet – mit der löblichen Ausnahme des twitternden US-Präsidenten.»
Auf «Infosperber» fehlt bloss noch der Hinweis auf Hollensteins letzten Abschnitt im Kommentar: Dort schwingt der Oberpublizist von CH Media unverhohlen die Kalte-Krieg-Keule und malt das Schreckgespenst des aggressiven Kremls an die Wand: «Mariupol liegt 2900 Kilometer östlich von Bern. Nur.» So las man es letztmals im «Tagblatt» circa in den 1970er-Jahren, zu den Zeiten des Auslandredaktors, Kommunismus-Kritikers (und allerdings auch Russland-Kenners) Jean Forster.
Müllers Millimeter
Auf Seite 3 nimmt der neue Mantel-Chefredaktor Müller die Bundesratskandidatinnen ins Visier. Karin Keller-Sutter und Viola Amherd: Das sind für Müller «politische Zwillinge» der zurücktretenden Johann Schneider-Ammann und Doris Leuthard. Bewegung sei im Regierungsgremium daher nicht zu erwarten. «Nur eine brächte Veränderung», findet Müller: Heidi Z’graggen würde, wie zuvor schon die Wahl von Ignazio Cassis, eine Kurskorrektur nach rechts versprechen – wenn auch nur um «ein paar Millimeter» in der Europapolitik und etwas mehr in der Migrationspolitik.
Abgesehen vom fraglosen Niveauunterschied zwischen der souveränen Keller-Sutter und dem dilettierenden Schneider-Ammann: So geringschätzig wird in Züri-Aarau offensichtlich über das politische Personal geurteilt. Kontinuität ist ein Schimpfwort. Und ein eigenes Profil wird den Neuen schon mal abgesprochen, bevor sie gewählt sind.
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St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
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