, 13. Juni 2018
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Auf zum FIFA-Grounding!

Morgen beginnt die Fussball-WM. Weggucken ist keine ernsthafte Variante. Trotzdem: Ein Gespräch mit Fussballethnologe Toni Saller über das System Fifa und warum man es grounden sollte.

Kaum jemand hat ernsthaft über einen Boykott der WM in Russland diskutiert. Du wärst dafür – weil die WM im autokratischen «System Putin» stattfindet?

Toni Saller: Ein Boykott würde sich natürlich auch gegen das Regime von Putin richten, noch viel mehr plädiere ich aber für einen Boykott, um den internationalen Fussball gesamthaft «grounden» zu lassen. Nur so ist es möglich, ihm einen Neuanfang zu ermöglichen. Der französische Präsident Macron hat vor einigen Wochen davon gesprochen, dass man die Europäische Union neu erfinden müsse, um aus der Krise zu kommen. Auch der internationale Fussball muss neu erfunden werden. Ein Boykott würde die Auflösung der FIFA bedeuten, und das wäre die Voraussetzung für einen Neubeginn.

Worin besteht denn genau die Krise im internationalen Fussball?

Das System FIFA, das wir sattsam kennen, hat um den Fussball herum eine Welt gebaut, die einzig und allein dazu dient, Korruption und Bestechung zu ermöglichen. Ihrem Umsatz und Verdienst steht kein realer, gesellschaftlicher oder ökonomisch sinnvoller Wert gegenüber. Ein paar Fussballplätze vielleicht ausgenommen.

Kannst du das noch präzisieren?

Die FIFA-Manager und -Delegierten kassieren Bestechungsgelder von einem austragungswilligen Veranstalter. Der bekommt die WM und organisiert sie, eine Privatfirma vermarktet die Fernsehrechte für die FIFA, diese macht die Auslosung für die Gruppenspiele, diskutiert die Rückstände des lokalen Organisators im Stadionbau und reist dann für die Eröffnung und die Übergabe des Pokals zum Austragungsort, fertig. Für diese «Leistung» kassierten die drei Spitzenfunktionäre Blatter, Valcke und Kattner zwischen 2011 und 2015 80 Millionen Extrabonus, die sie sich gegenseitig bewilligten, mit der Begründung, dass sei bei internationalen Grosskonzernen so üblich. Doch diese stellen immerhin etwas her, transportieren und verkaufen es. Wofür waren die 80 Millionen? Für das zweimalige Händeschütteln in Südafrika und Brasilien?

Die FIFA wacht immerhin über die Fussballregeln.

Das Gremium, das die internationalen Fussballregeln bestimmt, ist beim britischen Verband mit seinen vier Mitgliedern angesiedelt. Die sind stolz, dass sie den modernen Fussball erfunden haben. Die FIFA stellt dort lediglich zwei Delegierte, allerdings mit 50 Prozent Stimmrecht.

Was würde denn nach einem «Grounding» passieren?

Der einzig reale Wert, den die FIFA produziert, ist neben dem erwähnten Händeschütteln die Auslosung des Austragungsortes, vielleicht noch die Auslosung der Qualifikations- und Hauptrundenspiele. Ich schlage dafür folgendes vor: Die Delegierten der nationalen Verbände treffen sich dafür einmal alle vier Jahre, von mir aus in Zürich, auch eine Übernachtung in einem passablen Hotel liegt drin. Für eine WM-Austragung soll es transparente Richtlinien geben wie: kein neuer Stadionbau, nur sanfte Renovationen, obere Budgetlimite, Nachhaltigkeit etc. Die Bewerbungen werden von einer oder mehreren Nichtregierungsorganisationen geprüft. Wenn mehrere gültige Bewerbungen eingehen, nimmt an dem erwähnten Anlass eine Glücksfee aus dem Showbusiness die Ziehung vor, um aus sentimentalen Gründen den Blatter’schen Glamour nicht ganz untergehen zu lassen. Die Fernsehrechte werden dann vom Veranstalter direkt vermarktet und sollen die Kosten der Austragung decken. Wir sehen also: Die FIFA braucht es gar nicht.

Der Fussball ist ja nicht nur die FIFA.

Ich gebe zu, bereits der Vereinsfussball der UEFA ist an sich sympathischer als der Nationalismus im Weltfussball. In Sachen Kommerzialisierung und somit Bestechung stehen sich aber beide Verbände wohl in nichts nach, Ein Boykott wäre auch da längstens angebracht. Hast du den Final der Champions League geschaut? Ich nur ein paar Minuten bis zum Foul von Ramos an Salah. Dann habe ich ausgeschaltet. Die Uefa macht Werbung für «Respect» und «Fairplay», doch ihre Spiele werden durch Leute entschieden, die zivilrechtlich von diesem Spiel für immer ausgeschlossen werden müssten.

War das nicht schon immer so?

Grundsätzlich hat es immer schon Psychopathen auf dem Fussballfeld gegeben, das ist richtig, nur ist die Konsequenz heute in einem hochkonzentrierten und globalisiertem Umfeld viel gravierender. Die ganze Welt hat doch darauf gehofft, dass Liverpool, einer der letzten Vereine, die für einen fairen und offensiven Fussball steht, gewinnen wird. Ich könnte mir durchaus vorstellen, das Zidane vor allem wegen dem unschönen Sieg den Hut genommen hat. Vielleicht kann er es selber nicht mehr mitansehen, dass in seinem Team ein Spieler ständig «eins, zwei, Materazzi…» spielt.

Was hiesse Boykott? TV-Abstinenz auf breiter Basis?

Stell dir vor, es ist eine WM, und keiner schaut zu… Aber klar, ein grösserer Boykott von Fernsehübertragungen ist so unmöglich wie ein Boykott von Twitter wegen Trump. Im weiter explodierenden Neoliberalismus wird es wahrscheinlich sowieso keinen Boykott mehr geben, gefördert und propagiert werden nur die Boykottdiskussionen, weil eine WM mit Boykottdiskussionen noch mehr Investitionsvolumen beziehungsweise Arbeitsplätze schafft als eine WM ohne.

Hast du trotzdem einen Tip für Leute, die ihren Unmut über diesen Fussball zum Ausdruck bringen wollen?

Am besten mit Kolleginnen und Kollegen in einer Bar schauen, und nur selten auf das TV-Gerät blicken, das ist schon ein Anfang. Und auch bei Toren der Lieblingsmannschaft nicht schreien, sondern sie still und leise, beiläufig hinnehmen.

Toni Saller, Jahrgang 1956, hat vor 40 Jahren als Fussball-Ethnologe die Weltmeisterschaft in Argentinien besucht. Seine Erinnerungen daran sind im Juniheft von Saiten zu lesen. Angesichts einer der schlimmsten Diktaturen, der Militärjunta von Jorge Videla, wurde damals ein möglicher Boykott der WM diskutiert.

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