, 10. Juni 2012
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Auf zum Wühlball!

Ankick im Warschauer Nationalstadion … und auch in der Ostschweiz hocken jetzt Abend für Abend Zehntausende vor dem Bildschirm. Bereit zum «Fussballfest», das allenthalben beschworen wird. Schon vergessen die Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine, dem zweiten Austragungsland dieser EM. Vergessen der Fall der mutmasslich gefolterten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko. Vergessen die Boykott-Diskussion. Fussball ist nicht Politik, sagen […]

Ankick im Warschauer Nationalstadion … und auch in der Ostschweiz hocken jetzt Abend für Abend Zehntausende vor dem Bildschirm. Bereit zum «Fussballfest», das allenthalben beschworen wird. Schon vergessen die Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine, dem zweiten Austragungsland dieser EM. Vergessen der Fall der mutmasslich gefolterten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko. Vergessen die Boykott-Diskussion. Fussball ist nicht Politik, sagen die Vergesslichen. Die weniger Vergesslichen entgegnen mit Amnesty-Generalsekretär Wolfgang Grenz: «Der Sport kann sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung heute nicht mehr entziehen.»

Der Satz sitzt. Aber was heisst er für uns zivile, eigentlich doch bloss an gutem Fussball interessierte Zeitgenossen?

Antwort 1 könnte sein: Abschalten. Gar nicht erst einschalten. Warten auf eine Zeit, in denen die Uefa und die Fifa, in denen überhaupt Sportverbände ihre politische Verantwortung wahrnehmen und an die Vergabe von Meisterschaften Forderungen knüpfen, nicht nur infrastrukturelle und finanzielle, sondern auch gesellschaftliche.

Antwort 1 ist politisch korrekt, aber sie beruhigt höchstens das eigene Gewissen und ändert nichts.

Also Antwort 2. Amnesty hat sie so gegeben: Politikerinnen müssten die Reise in die Ukraine dazu nutzen, Massnahmen zur Verbesserung der Menschenrechte einzufordern. Und wer ins Stadion gehe, sollte «auch den Kontakt zu Menschenrechtsgruppen suchen». Ähnlich äussert sich der ukrainische Autor Jury Andruchowytsch. Er sieht sein Land zwar in düsteren Farben, gesellschaftlich und übrigens auch fussballerisch, aber er hofft dennoch auf die EM, wenn sie nun schon mal da ist: nämlich auf «die einfachen Fussballfans, die hoffentlich nicht mit den ukrainischen Machthabern in Berührung kommen, dafür aber die Möglichkeit haben, mit einfachen Ukrainern zu reden. Kommt zu uns, und wir machen die Massenproteste zusammen!»

Wer nicht hingeht, kann sich in Büchern informieren.  Zum Beispiel im Buch «Totalniy Futbol», erschienen bei Suhrkamp. Serhij Zhadan und sieben weitere Autorinnen und Autoren reisen in die acht Austragungsstädte, in Polen und der Ukraine, und schildern den Alltag, begleitet von grandiosen Fotos von Kirill Golovchenko. Auch hier der positive Grundton: kommt zu uns! Im Vorwort ist vom Fussball als «Parallelrealität» die Rede; in den Stadien hielten Volk und Machthaber ebenso zusammen wie die sonst notorisch zerstrittenen Ost- und Westukrainer. Das tönt rosig – umso genauer ist dann der Blick der acht Reportagen in die Städte und Stadien. Dort erfährt man unter anderem, dass in der Pionierzeit im damals noch österreichisch-ungarischen Galizien (heute halb Polen, halb Ukraine) die Sportart noch «Wühlball» statt Fussball hiess.

Ein zweites Buch stammt von Oksana Sabuschko, Verfasserin der «Feldstudien über ukrainischen Sex» und zuletzt des Essaybands «Planet Wermut» (Droschl Verlag). Auch sie begeistert sich am Fussball: wenn sich etwa die Fankurven von Dynamo Kiew und Karpaty L’viv (Lemberg) im gleichen Schlachtruf «Es lebe die Ukraine» treffen – einem von der ukrainischen Aufstandsarmee UPA im Zweiten Weltkrieg übernommenen Gruss. Fussball sei das «letzte Rückzugsgebiet des Nationalismus, vielleicht in etwas verdünnter Form». Aber auch Schauplatz der Auseinandersetzung «Volkssport gegen Oligarchensport, fair play gegen den Autismus des big business». In den Stadien, hofft sie, könnte noch einmal «fair play» die Oberhand behalten.

Die Ukraine ist ein wunderschönes Land. Aber arm und historisch vielfältig gekränkt. Das macht die Leute anfällig für nationalistische Parolen. Weniger einleuchtend ist, dass eine EM auch für die Holländer, die Deutschen, die Engländer, also die westlichen Globalisierungsgewinner, eine Plattform für nationale Regungen hergibt, die man sonst längst überwunden glaubt. Und für Rassisten ein ideales Tummelfeld ist. Nach vier Spielen sind bereits zwei Vorfälle amtlich: Schwarze niederländische Profis wurden in Krakau angepöbelt, und in Breslau beschimpften russische Fans den dunkelhäufigen tschechischen Verteidiger Theodor Gebre Selassie.

Fussball als Nationalersatz und Ventil für gesellschaftlich sonst nicht akzeptierte Primitivität: Das wäre, alle zwei Jahre wieder, der eigentliche Grund, die Glotze ab- oder erst gar nicht einzuschalten. Aber Andruchowytsch, Sabuschko und der Ukraine zuliebe schalten wir trotzdem ein, froh, dass die Schweiz nicht dabei ist und sich so wenigstens hierzulande der Chauvinismus in Grenzen hält. Morgen Abend spielt die Ukraine ihr erstes Spiel. Viel Erfolg! Chaj schtschastyt‘!

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