, 6. Dezember 2021
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Auferstanden von den Untoten

Dana Gricorcea lässt in ihrem überschäumenden jüngsten Roman «Die nicht sterben» Graf Dracula noch einmal sein Unwesen treiben. Am 7. Dezember liest die rumänisch-schweizerische Autorin auf Einladung des Literaturhauses Wyborada in St.Gallen.

«Können Sie mir folgen? Trauen Sie sich, das zu tun?» So wendet sich die Autorin etwa in der Mitte des Buchs einmal an ihre Leserinnen und Leser. Sie tut das ab und zu. «Sie werden in allem, was ich Ihnen erzähle, böse Anzeichen sehen, Ankündigungen für das, was folgte», heisst es schon ziemlich am Anfang des Romans Die nicht sterben. «Sie werden sich nach Vorboten fragen, den Vorboten des Schocks, der unvorstellbaren Grausamkeiten, des Todes aller Tode.»

Mord in der Familiengruft

Wir sind also gewarnt. Und zugleich beruhigt, wenn wir manchmal den Ereignissen nicht direkt folgen können. Denn diese lassen sich nicht einfach linear erzählen; es braucht Rückblicke und Ausschmückungen, um das Leben in B., der Kleinstadt im rumänischen Transsilvanien, zu schildern. Jener Region, in der im 15. Jahrhundert Vlad III. Drăculea, genannt der Pfähler sein Unwesen getrieben haben soll.

Dana Grigorcea: Die nicht sterben, Penguin Verlag München 2021, Fr. 33.90

Ein bedeutungsloser Ort ist dieses B., mit einem durchschnittlich korrupten Bürgermeister, mit anderen zwiespältigen Figuren und mit einer Grosstante, die den einstigen besseren Familienzeiten vor dem Kommunismus nachtrauert und jetzt im Post-Ceausescu-Rumänien noch immer die Stellung zu halten versucht.

Ein Ort mit trüben Vergangenheiten und noch trüberen Zukunftsperspektiven – bis das Ungeheuerliche geschieht, das aus B. einen Hotspot der medialen Aufmerksamkeit macht und die Familie unfreiwillig ins Scheinwerferlicht zerrt.

Dieses Ungeheuerliche ereignet sich beim Begräbnis einer Verwandten der Erzählerin in der Familiengruft. Ein Mann wird bestialisch ermordet, gepfählt wie in den alten Zeiten. Und die Grabplatte unter dem Toten ist eine Sensation: Das Wappen macht klar, hier muss Dracula höchstpersönlich begraben sein.

Virtuose Zeitreise

Dana Gricorcea, 1979 in Bukarest geboren, hat ihre Herkunftsheimat schon in früheren Werken so farbig wie kritisch geschildert. Die Autorin hat in Rumänien, in den Niederlanden und Österreich Germanistik und Niederlandistik studiert, arbeitete als Journalistin und publiziert seit 2003 auf deutsch. Ihre Rumänien-Romane Baba Rada (2011) und Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit (2015) und die Novelle Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen (2018) wurden durchwegs begeistert besprochen.

Darüber hinaus engagiert sich Grigorcea in der rumänischen Oppositionsbewegung Rezist und setzt sich für die vielsprachige und migrantische Schweiz ein.

Lesung: 7. Dezember, 19.30 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen, Moderation: Anya Schutzbach

wyborada.ch

Die laut Kritiken «sinnlich aufgeladene Fabulierlust» oder «überwältigend bildhafte Sprache» zeichnet auch den jüngsten Roman der in Zürich lebenden Autorin aus. In virtuoser Engführung verschlauft sich die fragile Lebenssituation der Erzählerin, die als Malerin in Bukarest mehr schlecht als recht über die Runden kommt, mit den mentalen und materiellen Zerstörungen, die das Ceausescu-Regime im Land angerichtet hat – und all dies wiederum mit den mythenbeladenen Grausamkeiten Graf Draculas.

Der treibt, wie es sich für Vampire gehört, bis heute sein katastrophales Unwesen im Roman. Und lässt weder die Erzählerin noch die Leserinnen und Leser wieder los.

 

 

 

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