, 1. Oktober 2018
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Aufklären! Mit stoischer Geduld!

Nils Jent ist mehrfach behindert und Professor für Diversity Management an der Universität St.Gallen. Im Interview plädiert er für Kompromisse statt Konfrontation. Wenn eine Lösung mehrheitsfähig ist, so ist sie gut. Wenn sie nur Partikularinteressen befriedigt, kommen wir nicht voran, sagt Jent. Interview: Peter Surber und Christoph Popp

Nils Jent. (Bild: Daniel Ammann)

Peter Surber: Nils Jent, wer über Behinderung spricht, hat es mit begrifflichen Minenfeldern zu tun. In aller Munde ist zurzeit die Forderung nach «Zugang für alle»…

Nils Jent: «Zugang für alle» ist ein spezifischer Begriff, reserviert für das Postulat barrierefreier IT-Technik. Es geht dabei also beispielsweise um das uneingeschränkte Informieren auf Internetseiten, auch wenn jemand blind ist. Geht es um die uneingeschränkte Zugänglichkeit von Infrastrukturen wie Gebäuden oder Eisenbahn, so wird von «barrierefrei» oder «behindertengerecht» gesprochen.

Surber: «Behinderung» – darf man das überhaupt noch sagen? Ist «Handicap» korrekter? Welche Terminologie ist aus Betroffenensicht am wenigsten diskriminierend?

Jent: Darüber werden epische Debatten geführt. Ich bevorzuge den Ausdruck «Mensch mit Behinderung», was offiziell die politisch korrekte Bezeichnung ist. Von «Handicap» zu reden, halte ich im deutschsprachigen Gebiet für nicht sinnvoll. Dabei sind die Begriffe für sich allerdings harmlos. Ich selber kann auch damit leben, als «behindert» bezeichnet zu werden, denn ich bin es tatsächlich – entscheidend ist nicht das Wort, sondern vielmehr, was in den Köpfen der Menschen passiert.

Heraus aus den Schubladen!

Christoph Popp: Es passiert schnell, dass ein Mensch mit dem Attribut «behindert» in eine ganz bestimmte Schublade gesteckt wird. Und dann mühsam darauf bestehen muss: Ich habe zwar eine Behinderung, ich stosse an gewisse Grenzen, aber ich möchte dennoch als Individuum mit all meinen Qualitäten wahrgenommen werden.

Jent: Was ich oft erlebe: Wer wie ich mehrfach behindert ist, gilt wohl automatisch als intellektuell ebenfalls ausserhalb der Norm. Wenn einer undeutlich spricht, kann er ja nur geistig behindert sein…  Es scheint eine Art Hierarchie bei den fünf Behinderungsarten zu geben: Rollstuhlfahrende erleben etwas seltener, in diskriminierender Art angesprochen zu werden. Wer wie ich verwaschen spricht, erfährt diskriminierendes Verhalten etwas häufiger. Ich muss dann jeweils darauf beharren: «Sie können ganz normal mit mir reden.» Wenn ich noch darauf hinweise, dass ich einen Doktortitel und eine Professur innehabe, ist die Irritation komplett. Peinlich, wenn das Gegenüber mich dann weiter mit Babysprache anspricht. Wer ist jetzt da behindert?

Surber: Was kann man dagegen tun?

Jent: Mit stoischer Geduld aufklären! Dass Nicht-Behinderte jemanden, wie beispielsweise mich, in der geschilderten Art «nicht für voll» nehmen, ist einerseits entsetzlich, andererseits aber psychologisch durchaus erklärbar. Für Nicht-Behinderte ist das Leben mit einer Behinderung eine fremde, praktisch unerfahrbare Welt. Damit die fremde Welt zumindest über die Kognition etwas nachvollziehbarer wird, benötigen Menschen ohne Behinderung die Bereitschaft, vorurteilslos hinzuschauen und hinzuhören sowie ihr Gegenüber als gleichwertig wahrzunehmen. Zum einen geht es um Information und Kommunikation. Zum andern gilt die Regel: Geh mit deinem Gegenüber gleich um, wie du es für dich selber wünschst.

Nils Jent, 1962, ist im Aargau aufgewachsen. 1980 verunfallte er als 18-Jähriger mit dem Motorrad und lag vier Wochen im Koma. Seither ist er sprechbehindert, blind und im Rollstuhl. Nach akademischer Ausbildung ist Nils Jent heute Professor für Diversity Management an der Universität St. Gallen. Er ist Direktor der Applied Research am Center for Disability and Integration  sowie des Kompetenzzentrums für Diversity und Inklusion der HSG. 2011 erschien die Biografie Dr. Nils Jent – ein Leben am Limit von Röbi Koller und der Porträtfilm Unter Wasser atmen. Nils Jent lebt in St.Gallen.

cdi.unisg.ch, ccdi-unisg.ch

Bild: Daniel Ammann

Ein Beispiel: Eine blinde Person steht etwas unschlüssig am Strassenrand. Plötzlich wird sie am Arm gepackt und unerwartet wird ihr über die Strasse «geholfen». Anschliessend an diese kommunikationslose Aktion flippt die blinde Person aus und übersät den «helfenden» Passanten mit groben Verwünschungen. Klar ist: Beide Parteien haben misslich gehandelt. Wie hoch allerdings wird die Motivation seitens des helfenden Passanten sein, sich in einer nächsten, ähnlichen Situation zu engagieren? In einer Situation vielleicht, in der die Hilfe – und dann auch noch richtig ausgeführt – ausserordentlich wertvoll sein kann.

Es ist die Verantwortung jedes Einzelnen von uns Menschen mit Behinderungen, mit stoischer Geduld und immer wieder den Menschen ohne Behinderung nachvollziehbar zu machen, was wir an sich benötigen. Als Minderheit, die wir als Gesellschaftsmitglieder mit Behinderung sind, sind wir gefordert, die Hände nicht in den Schoss zu legen und erwartungsfroh zu fordern, dass uns die Sahneschnittchen direkt in den Mund fliegen. Es gilt, aktiv etwas dafür zu tun sowie unermüdlich die Herausforderungen konstruktiv anzunehmen und verantwortungsbewusst mitzugestalten. Dies stets im starken Miteinander mit sämtlichen Mitgliedern unserer Gesellschaft.

Surber: Das überrascht mich: dass Sie nicht in erster Linie die Nicht-Behinderten in die Pflicht nehmen, sondern die Behinderten selber.

Jent: Ich halte das für ganz entscheidend. Wenn man die aktuellen Debatten um Inklusion verfolgt, namentlich in Deutschland, aber auch in der Schweiz, so zeigt sich ein verheerendes Bild: Es wird, von Seiten der Inklusionsbefürworter, gefordert, gefordert und nochmals gefordert. Keiner fragt sich dabei, ob die Forderungen zum zusätzlichen Nutzen verhältnismässig oder ihre Umsetzung finanzierbar sei. Statt katalogweise Maximalforderungen zu stellen, wären vielmehr im tatsächlich gleichwertigen Miteinander konstruktive Vorschläge zu erarbeiten, mit welchen Kompromissen die für eine möglichst breite Vielfalt von Menschen optimalen Lösungen zu erzielen sein würden.

Aushandeln – auf Augenhöhe

Popp: Um das an zwei Beispielen zu diskutieren: Auf dem neuen Bahnhofplatz der Stadt St. Gallen sichern hohe Rampen den schwellenfreien Einstieg in den Bus. Wer nicht so gut zu Fuss ist, für den können die hohen Absätze hingegen zur Stolperfalle werden. Oder ein anderer, aktuell kontroverser Fall: Bei der Haltestelle Spisertor der Appenzeller Bahnen in St.Gallen soll die Rampe verlängert werden, um bei den neuen, längeren Zügen den durchgehenden barrierefreien Einstieg auch im hinteren Zugteil zu ermöglichen. Das würde aber die Zufahrt zu den angrenzenden Geschäftsparkplätzen verunmöglichen. Ginge es auch hier darum, statt nach Maximalforderungen nach einem Kompromiss zu suchen, nach dem Motto: Aufeinander zugehen statt «Zugang für alle»?

Jent: Falls der Komfort im vorderen Zugteil ebenso vollumfänglich gewährleistet ist, und damit Gehbehinderten und auch Eltern mit Kinderwagen keine diskriminierenden Verhältnisse zugemutet werden, so scheint mir das bisherige Angebot zumutbar sowie verhältnismässig. Demgegenüber stehen dem geringen zusätzlichen Nutzen durch die Verlängerung der Einstiegsrampe hohe Kosten sowie eine starke Abnahme der Nutzung der angrenzenden Parkfelder gegenüber: Bad deal… Solche Beispiele gibt es im Thema «Barrierefreiheit im öffentlichen Raum» zu Hauf. Wir müssen an Verbesserungen arbeiten, die möglichst allen nützen. Denn Inklusion funktioniert so: Wenn eine Inklusionsmassnahme mehrheitsfähig ist und möglichst für viele sowie unterschiedlichste Menschen Nutzen stiftet, so ist die Massnahme gut. Wenn sie nur Partikularinteressen befriedigt, kommen wir nicht voran.

Surber: Ist das nicht zu theoretisch gedacht? Interessen sind so spezifisch wie Behinderungen. Rollstuhlfahrer wollen möglichst keine Randsteine – für Blinde, die sich mit dem Langstock orientieren, sind Randsteine dagegen hilfreich. Die Mehrheit hat diese Interessen nicht, aber sie gibt viel Geld aus, zum Beispiel um Rampen zu bauen. Sind das nicht unauflösbare Widersprüche?

Popp: Mich überzeugt der vorhin genannte Grundsatz: Wenn Diversitätsinteressen so formuliert werden, dass sie mehrheitsfähig sind oder den Gemeinnutzen fördern, dann geht es. Auf eine Formel gebracht: Intelligente Lösungen erzeugen Mehrwert für Viele. Aber das setzt die Bereitschaft zu anspruchsvollen Aushandlungsprozessen voraus.

Jent: Das ist richtig. Und vergessen wir die gleichzeitige Bedingung nicht von Verhältnismässigkeit, möglichst optimalem Kompromiss und möglichst breiter Nutzenstiftung. Ganz falsch wäre es, Diskriminierungssituationen quasi gegeneinander auszuspielen. Die Schweiz ist Weltmeisterin im Kompromisseschliessen – das sollte auch auf dem Gebiet der Barrierefreiheit so sein. Dass heute Forderungen von Behindertenseite oft mit grosser Vehemenz vorgebracht werden, liegt allerdings daran, dass der Nachholbedarf gross ist. Lange Zeit war Behinderung in unserer Gesellschaft «unsichtbar» und wurde kaum ernsthaft thematisiert. Die Behindertenbewegung ist eine junge Bewegung. Auch unsere Gesellschaft hat sich nun langsam darangemacht, Altlasten zu beseitigen, vor denen wir wie die Kleinkinder bisher die Augen zu machten. SBB-Züge beispielsweise hätte man schon seit vielen Jahren barrierefrei zugänglich bauen können.

Bevor wir jammern: «Behinderte kosten immens», sollten wir uns als Gesellschaft fragen, ob die heutigen Kosten in unserer Ignoranz und in der wenig weitsichtigen Planung und Gestaltung unserer Vergangenheit liegt. Wir also als Kollektiv für die zusätzlichen Kosten eines Miteinanders mit unseren Gesellschaftsmitgliedern mit Behinderung letztlich selber verantwortlich sind.

Surber: Kommt der Anstoss dafür vom Behindertengleichstellungsgesetz, das inzwischen allerdings auch schon zwölf Jahre in Kraft ist?

Jent: Das schweizerische Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) ist zwar seit 2006 da – aber es ist leider relativ zahnlos. Die Vorschriften, etwa bei der barrierefreien Zugänglichkeit, werden zum Teil umgangen oder wenig tauglich umgesetzt. Aktuell liegt die SBB mit «Inclusion Handicap», dem schweizerischen Dachverband der Behindertenverbände vor dem Bundesgericht im Streit. Hauptzankapfel sind die für Bahnreisende mit Rollstuhl praktisch unüberwindbaren Ein- und Ausstiege der nagelneuen Langstreckenzüge. Bei einem Entscheid zu Ungunsten der Rollstuhlfahrenden droht von unserem höchsten Gericht jener Präzedenzfall, der die Potenz hat, das BehiG auszuhebeln.

Behinderung gibt es nicht – es gibt nur Menschen

Surber: In der Architektur kann behindertengerechtes Bauen Einschränkungen etwa in der Vielfalt von Wohnungsgrundrissen zur Folge haben – eine Maisonette-Wohnung mit Treppe ist dann nicht mehr erlaubt. Ist das nicht ein Verlust?

Jent: Hmmm… eine Maisonette-Wohnung mit Treppe und Lift: da profitieren doch alle, vor allem die jungen Fitten, die mir öfter Mal vom Lift entgegenkommen… Wie erwähnt bildet die Verhältnismässigkeit die Richtschnur. Bei Massnahmen zur Verbesserung der Zugänglichkeit muss die Verhältnismässigkeit gewahrt bleiben. Allerdings ist die radikalere Haltung weit verbreitet: die möglichst kompromisslose Verwirklichung von Behindertengerechtigkeit.

Popp: In meinem Berufsalltag mache ich die Erfahrung, dass sich Nicht-Behinderte tendenziell davor scheuen, an die Selbstverantwortung der Behinderten zu appellieren. Und umgekehrt verharren viele Menschen mit einer Behinderung im Benachteiligungsmodus.

Jent: Wir können unsere Forderungen heftig auf den Tisch bringen, und das kann auch mal richtig und wichtig sein – aber noch wichtiger ist die Frage, ob ich damit meine Ziele erreiche und wie ich Veränderungen konstruktiv in Gang bringen kann. Die gute Lösung kommt erst dann, wenn wir gelassen an ihr arbeiten – das gilt für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermassen. Und meist wird sie entscheidend besser im vielfältigen Miteinander auf gleicher Augenhöhe.

Surber: Ähnliches wie vorhin in der Architektur angesprochen gilt für die Forderung nach «Universal Design»: Am Ende drohen gestalterische Monokulturen. Auch die «Leichte Sprache» geht auf Kosten von Differenzierungen. Correctness kills Diversity – ist diese Angst berechtigt?

Jent: «Correctness kills Diversity» kann ich gar nichts abgewinnen. Das eine schliesst das andere nicht aus. Zu beachten gilt ferner, dass sich die Diversity-Bewegung auf die Vielfalt und Verschiedenartigkeit von Menschen bezieht; nicht auf Sprache, Kaffeesorten, Automarken und derlei Dinge! Selbstverständlich sollen Verbesserungen nicht auf Kosten der Vielfalt von Menschen geschehen. Technischer Fortschritt, gesetzliche Regulatoren, Werthaltungen usw. dürfen beispielsweise mich als Mensch mit Behinderung an der Teilhabe an Leben und am Alltag weder ausschliessen noch zusätzlich behindern, aber auch nicht illegitim diskriminieren.

Was das Universal Design betrifft: Nicht für alle Probleme gibt es gestalterische oder technische Lösungen. Aber es gäbe für vieles Lösungen. Schauen Sie den Herd in meiner Wohnung an: Er ist mit heute gängigem, elegantem Touchscreen ausgerüstet. Eine echte Herausforderung für blinde oder sehbehinderte Personen. Viele Geräte sind unbrauchbar, selbst für technikaffine Menschen, zu denen ich mich zähle. Es existiert zum Beispiel eine App von einem der vier grössten Internetanbieter von E-Books, Musik, Hörbüchern und Weiterem – deren Navigation taugt jedoch nur für Sehende. Mit anderen Worten: Viele technische Lösungen wären da, aber sie werden nicht umgesetzt. Dabei täte sich mit dem Potenzial der blinden User ein Markt auf – gemäss Schätzungen gibt es weltweit etwa 253 Millionen blinde oder sehbehinderte Menschen. Schliesslich noch zwei Sätze zur einfachen Sprache. Sie dient, wenn sie die Standardsprache ergänzt und im Sowohl-Als-auch das Angebot erweitert. Sie nimmt jedoch den Reichtum unserer Sprache, würde sie im Entweder-Oder unsere Standardsprache ersetzen.

Popp: Wir hören in unserer Arbeit auch von subtiler Chancen-Ungleichheit, nicht technischer, sondern zwischenmenschlicher. So wünscht sich etwa eine selbständig wohnende erwachsene Frau mit Lernbehinderung, sie würde in ihrem Quartier ganz selbstverständlich und gleichwertig in die Nachbarschaft einbezogen, zum Grillplausch eingeladen oder um ein kurzes Kinderhüten gefragt.

Jent: Wir haben nach wie vor in vielen Bereichen Zweiklassen-Gesellschaften: Behinderte-Nichtbehinderte, Frauen-Männer, Schweizer-Ausländer… Wenn wir Diversity und Inklusion ernsthaft praktizieren wollen, so heisst das: Abschied zu nehmen von den Dichotomien. Behinderung gibt es nicht – es gibt nur Menschen. Und jeder einzelne ist einzigartig. Im sozialen Kontext kommen zusätzliche Prägungen wie Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand, kulturelle und soziale Herkunft, materielle Bedingungen selbstverständlich hinzu, um Themen aus einer bestimmten Perspektive anzugehen – zum Beispiel aus der Perspektive der Frauen.

Popp: Daraus könnte man eine Art Merksatz ableiten: Diversity heisst, Einzigartigkeit zu akzeptieren und Gemeinsamkeiten zu berücksichtigen.

Noch in weiter Ferne: Chancengleichheit im Beruf

Surber: Wie steht es um die Chancengleichheit im Beruf für Menschen mit Behinderung?

Jent: Meines Erachtens sind wir nach wie vor sehr am Anfang. Noch immer herrscht in vielen Unternehmen und Institutionen eine Art Mitleidsdenken vor: «Wir machen etwas für die Behinderten.» Das ist schlicht der falsche Ansatz. In leicht sozialromantischer Verklärung wird sodann mehr oder weniger niederschwellig Dankbarkeit erwartet. Und schliesslich ist ernüchtertes Erstaunen festzustellen, wenn die erwartete Leistung nicht passt und die Arbeitskraft mit Behinderung ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck bringt.

Gerade im Job muss der Grundsatz lauten: «Nothing about us without us» – Nichts über uns ohne uns. Es braucht Kommunikation auf Augenhöhe. Hinzu kommt: Soziales Engagement ist ein populäres Thema, solange die Auftragsbücher voll sind. Laufen die Geschäfte schlecht, dann sind – etwas plakativ gesagt – dagegen die ersten Leidtragenden unter den Mitarbeitern die Behinderten, dann die Ausländer, die Frauen und schliesslich die Männer und das Management. Dies in einer männerdominierten Unternehmenskultur und nachgewiesen in der Bankenkrise.

Surber: Wie ist die Situation an der Universität St.Gallen selber in Sachen Diversity? Sie sind sogar an Ihrem Institut, obwohl es sich professionell mit Inklusion befasst, quasi der Quotenbehinderte unter Nicht-Behinderten.

Jent: Das mögen Sie so aus der Home Page des Center for Disability and Integration entnommen haben. Fakt ist, dass wir eh nur eine kleine Gruppe Behinderter sind, die in jungen Jahren ins Bildungssystem kommen. Auch wenn durch Krankheit oder Unfall noch ein paar dazustossen, wir bleiben wenige. Und das dünnt sich dramatisch aus, je höher die Bildungsstufe ist. Dies, weil die Belastung und der Kampf im Vergleich mit den Klassengspänli überproportional wächst. Wen wundert es da, dass ich von Seiten Akademiker mit Behinderung kaum entsprechend qualifizierte Konkurrenz bei der damaligen Bewerbung ans Center for Disability and Integration der Universität hatte. Mag sein, dass ich der Quotenbehinderte bin. Andererseits ist auch klar, dass ich dieser nicht bin. Dies, weil wir in unserem Forschungsfeld schlicht von keinen Akademikern mit Behinderungen wissen, die abgeworben werden könnten.

Das Team des Centers for Disability and Integration CDI, in der Mitte Nils Jent. (Bild: HSG)

Surber: Wie gross ist die Zahl von Studierenden mit einer Behinderung an der Universität St. Gallen?

Jent: Denken Sie bitte an den in der Schweiz recht mächtigen Datenschutz! Was ich Ihnen geben darf, ist die Anzahl der Beratungen, die von der Beratungsstelle «Special Needs HSG» 2017 durchgeführt wurden. Das waren 269 im Herbstsemester 2017. Die hiesige Anzahl Studierender mit Behinderungen wissen wir aber tatsächlich nicht exakt. Die Dunkelziffer dürfte recht hoch sein. Denn erschwerend kommt hinzu, dass es vielen schwerfällt, sich als «behindert» zu outen, gerade bei weniger manifesten Einschränkungen. Die soziale und berufliche Stigmatisierung und deren Folgen werden nicht ganz zu Unrecht befürchtet.

Ein Outing erwirkt jedoch das gesetzlich verankerte Recht, den häufig entscheidend entlastenden Nachteilsausgleich in Anspruch nehmen zu dürfen. Nachteilsausgleich kann beispielsweise sein: die Zurverfügungstellung von Fachliteratur in Blindenschrift, oder zusammen mit einer Prüfungsaufsicht einen einzelnen Prüfungsraum zugewiesen zu bekommen, um dann ungehemmt mit Sprachein- und -ausgabe die Prüfung auf dem Laptop-Computer schreiben zu können.

Ich wünschte mir, dass die Stigmatisierung fällt und mehr Menschen den Mut haben, sich hinzustellen in ihrem So-Sein. Dann nämlich könnte im Bildungsbereich der bunte Strauss von Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs wesentlich mehr Auszubildende erreichen und selbstverständlicher seine oft entscheidende positive Wirkung entfalten. Möglicherweise müssten wir an der Universität St. Gallen dann nicht länger die Doktorierenden mit Behinderungen mit der Lupe suchen.

Surber: Was kann Ihr Center for Disability and Integration dazu beitragen, die Situation zu verbessern?

Jent: Das Center for Disability and Integration leistet seinen Beitrag in Forschung, Lehre und Praxis, um in Gesellschaft und Wirtschaft den Blick von den Disabilities hin zu den wesentlich potenteren Abilities zu lenken. Denn mit dem Begriff der «Ability» legen wir den Fokus auf Befähigungen und Ressourcen, nicht auf Defizite oder Leistungseinschränkungen. Dennoch bleibt die Kritik bestehen: Die Abteilungen für Diversität an der HSG müssten personell noch weit bunter zusammengesetzt sein. Wir haben ausgezeichnete Wissenschafterinnen und Wissenschafter am Institut – aber wer nicht behindert ist, dem fehlt ein wichtiger lebensweltlicher Bezug zum Thema. Zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten prallen Welten aufeinander. Und nur im gleichwertigen Miteinander entstehen jene Brücken und jener Austausch, der gegenseitiges Verständnis schafft; auch dann, wenn der Erfahrungsraum des Anderen einem selbst weitgehend eine Blackbox bleibt.

Surber: Was wäre Ihre grundsätzliche Forderung zur Verbesserung von Diversität und Inklusion?

Jent: Es braucht ein grundlegendes Umdenken, bei jedem Einzelnen wie in den Institutionen; einen grundsätzlichen Wertewandel. Ich selber habe Glück gehabt – und ich habe mir dieses Glück auch erzwungen. Wer mit einer Behinderung und erst recht, wie in meinem Fall, mit drei Behinderungen bestehen will, muss einen hohen Einsatz leisten. Und wir können nicht verlangen, dass die Welt der Nicht-Behinderten jene der Behinderten automatisch versteht.

Deshalb müssen wir uns mitteilen und einbringen. Wir haben eine Bringschuld, wir können nicht dasitzen und warten, dass sich die Welt um uns kümmert. Wir haben aber auch eine Holschuld. Nämlich dem nichtbehinderten Gegenüber zuzuhören, ebenfalls zu verstehen sowie dessen Grenzen wahrzunehmen und zu respektieren.

Christoph Popp, 1958, ist Mitarbeiter einer St.Galler Einrichtung für Menschen mit Behinderung, passionierter Querdenker, Träumer und Mitgestalter für eine bunte, kreative und inklusive Gesellschaft. Er lebt in Trogen.

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

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