, 20. August 2019
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Aufstehen oder aussterben

Die Bewegung Extinction Rebellion kämpft in über 150 Ländern gegen die Klimakrise mit Mitteln des gewaltfreien zivilen Widerstands. Der Name ist Programm: «Rebellieren gegen das Aussterben». Am Samstag stellte die Gruppierung ihre Ziele und Strategien in St.Gallen vor. von Andri Bösch

Bild: Extinction Rebellion

«Ich engagiere mich für Extinction Rebellion XR, weil es eine Bewegung ist, die die Welt noch retten könnte», sagt Andreas. Der gelernte Elektroniker und ETH-Absolvent war und ist in der Evangelischen Volkspartei politisch aktiv. Als er das erste Mal von XR erfuhr und sich dadurch mit der Klimakrise und ihren Folgen beschäftigte, kehrte er der parlamentarischen Politik in diesem Bereich den Rücken zu, «denn ich habe gemerkt, dass das politische System in der Schweiz viel zu langsam ist, um die Klimakrise abzuwenden.» Ähnlich erging es Anuschka, Architektin aus Zürich und seit Anfang Jahr bei XR mit dabei, wobei sie zuvor in keiner Partei war.

Auf Einladung der Punkband Bear Pit, welche an diesem Abend ihr erstes Album tauft, und des Schwarzen Engels sind die beiden nach St.Gallen gekommen, um über die Klimakrise zu berichten und zum zivilen Ungehorsam aufzurufen. Im Saal sitzen knapp 20 Leute an diesem Samstag Nachmittag, ansonsten ist die Beiz fast leer.

«Es ist unser Recht zu rebellieren»

Anuschka und Andreas sprechen mit Dringlichkeit zu den Zuhörenden. Sie erklären im Schnelldurchlauf, wie CO2 die Erderwärmung vorantreibt, und erklären Begriffe wie positive Rückkoppelung: das Phänomen, dass die in den grossen Eisflächen der Erde gespeicherten Methanreserven ab einer Erderwärmung von plus 2 Grad freigelegt werden und dadurch einen Teufelskreislauf in Gang bringen könnten, welcher vom Mensch nicht mehr beeinflusst werden kann: Brechen die ersten Methanreserven hervor, würde dies zu einem rasanten Erderwärmungsanstieg führen, der wiederum mehr Eis schmelzen lässt und wiederum mehr Methan freigibt.

Die Konsequenzen wären gemäss XR verheerend: Bis im Jahr 2100 stiege der Meeresspiegel um 2,38 Meter, es gäbe Überflutung, Hitzetod, hunderte Millionen Menschen würden zu Klimaflüchtenden, und auch Krieg wäre ein absehbares Szenario. An der Eingangstür des Schwarzen Engels hängt ein XR-Plakat mit der Aufschrift «Aufstehen oder Aussterben».

Gegründet wurde Extinction Rebellion 2018 in England. Die zentrale Frage der Bewegung lautet: Was lässt sich effektiv tun gegen die Klimakrise? Ihre Antwort: Die Wahrheit sagen. Handeln, als wäre die Wahrheit schon Wirklichkeit. «Wir müssen die kollektive Leugnung der Klimakrise überwinden», sagt Anuschka. Wenn eine Tatsache sehr hart ist, sei es normal, dass diese verleugnet werde. Dagegen gelte es anzukämpfen, denn nicht weniger als das Überleben der Menschheit stehe auf dem Spiel.

Die Regierungen und die Wirtschaft hätten trotz seit 30 Jahren immer lauter werdenden Warnungen von NGOs, der Uno und Tausenden von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern weder das Ausmass dieser Krise anerkannt und kommuniziert, noch wirksame Massnahmen eingeleitet, um die ökologische Krise abzuwenden. «In Anbetracht dieser Tatsache ist es nicht nur unser Recht, sondern auch unsere Pflicht, zu rebellieren», sagt Andreas. XR sehe sich an einem Punkt, wo die politische, ökonomische und soziale Realität sie zu störenden Aktionen zwinge.

Was tun?

Die Stimmung im Engel ist in der zehnminütigen Pause bedrückt, Mensch trifft sich draussen, manche rauchen Zigaretten, das soeben Gehörte wird reflektiert. Was lässt sich tun gegen die Klimakrise? Individueller Verzicht – oder doch auf das grosse Ganze zielen?

«Individuelle Konsumentscheide bringen nichts. Es wird einem dadurch suggeriert, dass man etwas gegen die Klimakrise tue, aber es dauert viel zu lange, um genug Menschen auf diese Schiene zu bringen, damit ein Effekt spürbar würde. Dafür haben wir keine Zeit mehr», sagt Andreas. Jetzt seien andere Taten gefragt. In England beispielsweise besetzten Ende 2018 mehrere tausend Demonstrierende Brücken über die Themse. In Bern wurde Anfang Juni auf dem Bärenplatz kübelweise Kunstblut vergossen und auf dem Bundesplatz ein «Die-in» – das Sich-Totstellen, um damit auf einen Missstand aufmerksam zu machen – abgehalten.

XR ist als Graswurzelbewegung aufgebaut und dezentral organisiert. Jede und jeder kann Teil von XR sein, solange deren Prinzipien und Werte eingehalten werden, unter anderem, als wichtigster Bestandteil, eine gewaltlose Vorgehensweise. So steht es in der Broschüre mit der Aufschrift «Extinction Rebellion – Starter Pack». Aktionsformen gebe es verschiedenste: Demos, Flyer, Vorträge halten, zivilen Ungehorsam leisten, Flashmobs. «Das Wichtigste ist, etwas zu tun. Bei XR muss man sich nicht zwingend an eine Brücke ketten, um mitzumachen. Wir brauchen verschiedenste Fähigkeiten», sagt Anuschka.

Die Bewegung unterstreicht durch zivilen Ungehorsam ihre drei zentralen Forderungen: Erstens sollen die Regierungen die Bevölkerung über die Klimakrise in Kenntnis setzen. Zweitens sollen die Regierungen sofort handeln und alle Treibhausgasemissionen bis 2025 auf netto-null reduzieren und den ökologischen Raubbau stoppen. Und drittens sollen Bürgerinnen- und Bürgerversammlungen durch partizipatorische Demokratie Massnahmen erarbeiten, um diese Ziele zu erreichen.

Am Ende ihres Vortrags reichen Anuschka und Andreas Blätter herum, auf welchen mensch sich anmelden kann, um ins Netzwerk von XR aufgenommen und für Aktionen kontaktiert zu werden. Fast alle Anwesenden schnappen sich einen Zettel.

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