Ich kannte Elias Raschle und sein Projekt Augenwasser nicht, bevor ich den Auftrag erhielt, über das neue Album Drones & Love Songs zu schreiben. Offenbar sollte man ihn kennen, wenn man sich in der Ostschweizer Szene bewegt. Hier ist Raschle so etwas wie ein Phantom: Gehört hat jeder schon von ihm, eine klare Meinung findet man allerdings selten. Er sei teilweise «schwierig», heisst es, aber wie so oft verberge sich hinter dieser Attitüde ein künstlerisches Genie. Ein Unikat eben.
Wie er denn so klingt? Die Antworten werden immer schwammiger – so wirklich fassbar scheint Augenwasser für niemanden zu sein, obwohl bereits die halbe Kulturlandschaft der Schweiz mit ihm zu tun hatte: Nebst seinem eigenen Projekt hat sich Raschle als Teil von «Mystery Park» und «Roy & The Devil’s Motorcycle» gemacht.
Es muss nicht immer Lo-Fi sein
Nach dem ersten Song What’s On Your Mind möchte ich den Auftrag deshalb gleich wieder abgeben: Der Song ist wunderschön träumerisch, aber absolut fürchterlich produziert. Die Gitarre zu muffelig, die beiden Gesangsspuren schrecklich asynchron und durch die fehlende Kompression viel zu dünn. Interessant sind die rückwärts gespielten Gitarrensoli, aber auch diesen Trick gab es schon, als Raschle noch nicht einmal geboren war. Und gegen Ende noch ein paar Sekunden Drums – ob live gespielt oder programmiert lässt sich nicht sagen, weil die Qualität ungefähr einer Handyaufnahme entspricht.
Diese Lo-Fi-Elemente setzt Raschle selbstverständlich bewusst ein. Und trotzdem ist es einer dieser Produktions-Ansätze, die ich noch nie verstanden habe: Um sich möglichst klar vom Mainstream abzugrenzen, veröffentlichen Bands in Subkulturen stümperhafte Produktionen. Klar, das ist voll punk und anti und so – wird die Idee zu weit getrieben, leidet aber die Musik. Du hast so einen grossartigen Song – warum nimmst du dir nicht die Zeit, das Ding halbwegs anständig aufzunehmen?
Aber jetzt nicht zu früh die Hände verwerfen. Spätestens mit Wasted Game taucht man ein in Augenwassers abgeschiedene Gedankenwelt: «You don’t care, so why should I», fragt er müde. Mit dem Feedback-Geheule, das sich im Hintergrund auftürmt und einem kreischenden Synthie (oder doch ein verzerrtes Theremin?) geht die Ballade nahtlos zu einer Lärmtirade über, ohne dabei auch nur einen Hauch ihrer Eingängigkeit einzubüssen. Gänsehaut.
Träumen ist auch manchmal langweilig
Augenwasser kann nicht wirklich singen. Das weiss er vermutlich auch selber. Aber er hat einen sehr eigenen Charme entwickelt, irgendwo zwischen angetrunkenem Troubadour und einer männlichen Version von Lana Del Rey. Seine Stimme klingt permanent nach Resignation. «I’ll get by just fine without you now», brummelt er in Sweet Defeat. Man will ihn trotzdem in den Arm nehmen.
Fällt die Stimme mit all ihren Ecken und Kanten weg, wird Drones & Love Songs allerdings etwas flach. Happy Warm Playful und Asleep At The Wheel, beide instrumental, sind Songs, über die man gerne schreiben kann, man solle dazu «träumen» oder «einfach mal nichts tun». Aber Hand aufs Herz: Sind sie nicht vor allem langweilig? Da passiert so gut wie gar nichts. Der Beat ist innert 15 Minuten programmiert, ein paar Synthie-Flächen, etwas Gezirpe oben durch, Fade-in, Fade-out. Langweilig. Sorry.
Eine Pop-Schlampe lässt sich anfixen
Das herrlich kaputte Gitarrensolo in All I Could Do durchbricht den Meditations-Grove wieder. Und einmal mehr zeigt sich der Poet hinter Augenwasser: «I could cease to exist, but isn’t that what you want to?» Das ist grosse Melancholie, die man heute zu selten hört. Nach einem weiteren Gitarren- Instrumental (Ciao) macht Augenwasser mit Careless Feierabend. Wieder eine dieser Nummern, die zeigen, dass er ein versierter Songwriter ist. Und ich bin endgültig hin und her gerissen von Drones & Love Songs.
Augenwasser: Drones & Love Songs, ab 5. Dezember auf Bongo Joe Records
Vielleicht habe ich Augenwasser noch nicht ganz verstanden. Aber dazu ist wohl niemand im Stande, der Raschles Schaffen nicht schon seit Jahren mitverfolgt und seine Vision aufgesaugt hat. Die unsorgfältige Produktion kann ein Statement sein – in meinen Ohren ist es einfach schade um die brillanten Songs. Macht mich das zu einer Pop-Schlampe?
Von den Perlen auf Drones & Love Songs sollte man sich trotzdem anfixen lassen. Und mit ein paar weiteren Alben und der einen oder anderen Show, werden die Konturen hinter dem Phantom Augenwasser vielleicht auch für mich etwas klarer erkennbar.
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