Der Stuhl ist das Requisit des Abends. Auf blauen Liegestühlen verteilt sich das Publikum, abgezählt, auf der Wiese vor der Bühne. Abstandsregeln ignoriert es grosszügig. Genauer mit den Distanzen nehmen es die Tänzerinnen und Tänzer. Die Bühne ist mit Markierungen versehen, ihren Platz besetzen auch sie mit Stühlen.
Ihr Möbel ist ein schwarzer Hocker – Sinnbild des Lockdown, der für Bewegungsprofis ein unerträglicher Hockdown gewesen sein muss. «Wir alle haben sehr viel gesessen in den letzten Monaten», schreibt Tanzchef Kinsun Chan im Programmblatt. Er habe versucht, damit kreativ umzugehen und ein Stück zu kreieren, «das zu Raum und Zeit passt». Zu sehen ist mit der einstündigen Choreografie jedoch eher ein Stück, das aus Raum und Zeit gefallen ist.
Dabei hat es uns alle umgetrieben, wochenlang. Uns und unsere Körper. Was heisst es, Umarmungen zu vermeiden? Wie nah sind zwei Meter? Wie halte ich Distanz aus gegenüber Freunden, und wie halte ich Fremde im Bus auf Distanz? Weicht man sich aus? Grüsst man mit Ellbogen und Knie? Mit Blicken? Ist Winken ein Ersatz? Wohin schaue ich, wenn es mir zu nah wird? Wie fühlt sich Quarantäne an?
Unsere Körper haben mit Corona eine neue Sprache lernen müssen. Ein bisher unbekanntes Vokabular der Gesten, eine unerforschte Semantik von Nähe und Distanz hat sich entwickelt und entwickelt sich immer noch weiter. Was die Bewegungsprofis vom Tanzensemble dazu zu zeigen und zu sagen haben: Das hätte dringend interessiert.
Die neue Normalität ist die alte
Der Anfang verspricht einiges. Zu Bachs emotionaler Sarabande aus der 4. Cellosuite, live gespielt von Fernando Gomes, treten die 16 Tänzerinnen und Tänzer einzeln auf, in löblicher Distanz, stellen sich auf den Stufen der halb überwachsenen Aussenarena auf und beginnen ein gemeinsames und doch vereinzeltes Spiel mit Handgesten. Der Mensch, reduziert auf sich selber und auf die Ausdruckskraft der Hände – das passt zu den Wochen am Bildschirm.
Dass die Truppe darauf brennt, endlich wieder auftreten zu können, davon ist allerdings bei dem gemessenen, fast höfischen Auftritt nichts zu spüren – keiner, der es kaum erwarten kann, aus der Tür des Theaters herauszurennen auf die Bühne zum wartenden Publikum.
Cellist Fernando Gomes, zuhörend: Tanzensemble und Publikum.
Danach wird die «neue Normalität» definitiv zur alten. Kinsun Chan hat sich entschieden, nach der «Pause» einfach wieder auf «Play» zu drücken. Im Solo, als Duo, Trio, Quartett oder Oktett wechseln sich die Tänzerinnen und Tänzer mit kurzen Szenen ab. Die Körpersprache ist konventionell, die Pas de deux der beiden auch privat verbundenen Paare scheinen vom Lockdown unberührt, die Gruppenszenen sind sorgsam auf Abstand geführt, aber darin erschöpft sich auch schon die epidemiologische Bewegungsfantasie. Bis hin zu den schicken Kleidern ist alles auf Eleganz getrimmt, da darf nichts wehtun.
Dass es auch anders ginge, kann man in der Filmreihe Sommerträume sehen, die das Theater aus der Not des Lockdown ins Leben gerufen hat. In der jüngsten Folge duettieren und duellieren sich Tänzer Minghao Zhao und Schauspielerin Anna Blumer voller Witz, und in früheren Produktionen begleitet Cellist Fernando Gomes zwei packende Soli von Minghao Zhao und Lena Obluska.
Die Arena: neu belebt
Steckt man die Enttäuschung über die ausgebliebene Auseinandersetzung mit einer Körpersprache post corona einmal weg, so bleibt an dem Abend auch Erfreuliches. Zum einen: Das St.Galler Tanzensemble ist bewegungsfreudig und virtuos wie eh und je. Zum andern: Restlos begeisternd spielt Cellist Fernando Gomes die zehn Sätze aus den sechs Cellosuiten von Bach. Er bewältigt diesen Himalaya der Celloliteratur mit spielerischer Leichtigkeit und weit in den Stadtpark ausschwingendem Ton. Ruhige und wirblige Stücke wechseln sich in gekonnter Dramaturgie ab, eine einstündige Parforceleistung, der man die Anstrengung nie anhört.
Pause + Play wird am 25. Juni sowie am 2. und 8. Juli gespielt. Die «Parkspiele» mit Konzerten, Tanz und Schauspiel und die Lesungen im Container dauern bis zum 10. Juli.
theatersg.ch
Erfreulich schliesslich auch, dass die jahrelang vernachlässigte Stadtpark-Arena dank dem Corona-Ersatzprogramm des Theaters endlich wieder einmal zu Ehren kommt. Und das Publikum ist in Scharen da – vor dem Absperrzaun ebenso wie dahinter. Da kam am Samstagabend fast so etwas wie Festivalstimmung auf. Und dies bei freiem Eintritt.
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«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
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