, 24. April 2018
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Aus dem Spiegel blickt der Stoppelbart

Ein innerer Dialog aus der Erinnerung einer Zuschauerin des Theaterstückes «Fremdkörper», das für mehr Toleranz (von tolerare-griechisch: ertragen, erldulden, erleiden) und Nachsicht für heimatlos gemachte Körper wirbt. von Anne Meyer

Bild: Das Klima

Das Stück Fremdkörper des Theaterensembles «Das Klima» hatte bereits im März Premiere, Ende April und Anfang Mai ist es noch viermal zu sehen: im Eisenwerk Frauenfeld, im Tanzraum Herisau und im Theater 111 in St.Gallen. Anne Meyer hat das Solostück über eine Transfrau (Buch und Regie: Dietmar Paul, Schauspiel: Eveline Ketterer) gesehen und aus ihren Notizen einen inneren Dialog gesponnen.

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Es kann sich erbärmlich anfühlen, wenn man 100 Prozent Selbstverantwortung übernimmt.

Warum habt ihr mich früher an den Beinen hoch genommen und meinen Sack solange gegen einen Baumstamm gerieben, bis alles wund war? Ich habe nicht geschrien. Die Tränen vor den Toren meines Zuhauses so trocken gewischt, dass ich das salzige Nass auf meinen Wangen bis heute nicht mehr spüren kann.

Dann wird es still, dann spreche und schweige ich wieder. Das Gesagte bleibt intim. Ich steige die kristallenen Sprossen einer Leiter wieder hinab, auf den Boden meiner Realität. Ganz normal: Jung, Zartbeseitet und Verliebt.

Dort werde ich Stück für Stück zerfetzt – und auf dem Bahnhof meiner Gedanken rase ich gen Endstation: zu einer Fleisch gewordenen Frau. Ein Paket, das niemandem gehört. Ich schicke mich selbst um die Welt.

Burnout.

Solange ich nicht in meiner Mitte sein kann, ertrage ich die Blicke einer Aussenwelt nicht mehr. Und ich will auch nicht nach Innen schauen, weil ich dann erkennen muss: «Ich bin nicht mehr da.» Ich – das Aufgelöste, nie gewesene Selbst. Ich, die Reflexion von tausend bunten Lichtern auf einer spiegelglatten Wasseroberfläche.

Ein Fluss – Mein Vater: Er zieht den Fisch aus dem Wasser. Ist der Fisch blind? Ist der Fisch taub? Ist der Fisch assimiliert, wenn er gefangen am Haken an der Hand eines weiblichen Menschen hängt? Oder ist er taub, stumm und ausschliesslich als Nahrung gedacht, wenn er an dem Haken eines echten Mannes baumelt? Macht es einen Unterschied? Kein Fisch ist zunächst tot.

Vater, Mutter, Geliebte und Gesellschaft. Alles scheint eine Tortur zu sein. Das eigene geht nicht Hand in Hand mit den bestimmenden Massregeln unserer Kultur. Das Echo von Aussen bleibt kühl, ja achselzuckend, passiv und still.

Buch & Regie: Dietmar Paul
Mit: Eveline Ketterer
klima-das-theater.ch

Die Mutter trinkt Hagebuttentee während sie Löcher ins Nichts starrt. Sie soll mir den einen neuen, meinen neuen weiblichen Namen geben! Schliesslich hat sie mich zur Welt gebracht. Aber sie tut sich selbst nichts Gutes an und sieht stattdessen unentwegt deutsche Talkshows über Andere und anders Geartete im TV.

Sie trinkt Tee und starrt Löcher in mein Gesicht, das kein Bildschirm ist.

Eine Sprosse der Leiter bricht.

Ich trage alles was ich habe in einem einzigen Koffer – undenkbar, hätte ich keinen Hut mehr, sondern nur noch einen schützenden Schirm, der mich vor allem Bösen auf der Erde bewahrt. Der Schirm wird ein rotes Tuch und ich bin mitten im Stierkampf – Wer ist der Stier?

Ich kann mich zwischen all den verschiedenen, andersartigen Gegnern gar nicht mehr entscheiden. Das macht mich verrückt.

Tollwütige vorwurfslustvolle Fluten überkommen mein kämpferisches Ich. Im Fluss der väterlichen Fluten suche ich Zuflucht – doch finde ich nichts.

Ein Tanz soll es lösen. Eine Kopie von der Kopie soll das Original beantworten.

Weitere Aufführungen:
25. April, Eisenwerk Frauenfeld
27. April, Tanzraum Herisau
4. und 5. Mai, Theater 111 St.Gallen

Die eigenen Gedanken sind hundertfach überschlagen und ich fülle sie mit Leid. Aufgefüllt und Ganz geworden bleibt es ein unendliches Klagen. Über das So sein und so nicht sein und dessen Grenzen, ob sie nun natürlicherart sind oder nicht. Eine Lösung finden wir wohl nur in uns selbst. Das gilt auch für die Liebhaberin in die ich ein bisschen verliebt war, damals. Aber nur kurz.

Später hatte ich für die Liebe keine Zeit mehr, weil ich mit mir selbst zu beschäftigt war. Und trotz all meiner unendlichen Neugier und den Millionen von liebevoll gemeinten Fragen, die ich der Welt und dem Universum gestellt habe: Bis jetzt gibt es keine befriedigende Antwort. Für mich. Auf gar nichts.

So etwas kann man nur guten Freunden und guten Freundinnen erzählen – nur sie sind tolerant genug, um 70 Minuten lang dem Wehleiden zu lauschen, ohne ungeduldig oder ungerecht zu werden. Es sind weite Einsichten in noch tiefere Abgründe, die sich hier auftun.

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