Demenz: eine Krankheit, die sich nicht nur im Inneren abspielt, die nicht heimlich, still und leise kommt, wie ein Tumor. Nein, Demenz geht nach aussen und kann sehr laut sein. Wenn der erkrankte Mensch singt, ruft, schreit, hysterisch lacht, Geschichten erzählt, in ständiger Wiederholung, Geschichten aus der Kindheit, aus der Jugend, von früher. Und dann werden Details vertauscht. Die Namen der eigenen Kinder sind vergessen. Orte, die es nicht mehr gibt, werden wieder präsent. Was gestern war, ist nicht mehr zugänglich, dafür aber der Name des ersten Haustiers, von dem so viel erzählt wird, als wäre es wieder lebendig, nach 75 Jahren.
Dann wird Alltägliches vergessen, Dinge verschieben sich. Eine Zahnbürste ist keine Zahnbürste mehr. Das Geschirr kommt in den Kleiderschrank. Wenn der Paketbote klingelt, löst das Angst aus. Alte Traumata, die längst vergessen waren, klaffen auf, in einem Kontext, den keiner begreift. Die Erkrankten scheinen sich selbst verloren zu haben, zumindest das gegenwärtige Selbst, und sie scheinen sich selbst zu finden in alten, längst vergangenen Dingen.
Was geschieht mit dem Ich im Laufe dieser Krankheit? Diese Frage stellt sich der Forschung, und sie begleitet Stefanie Scheurells Arbeit. «Ruth» hiess die Grossmutter der Künstlerin, die 2009 verstarb, RUTH ist der Titel der damaligen Ausstellung und eines Bildbandes, der jetzt in limitierter Auflage vorliegt.
Orangen in der Waschmaschine
Die Porträts stechen sofort ins Auge. Sie blicken vom Cover des Buches, hinein ins Leere, vorbei am Betrachter, in eine andere Welt. Der Wendeumschlag des Bildbandes lässt vier verschiedene Perspektiven zu. Das passt zum komplexen Inhalt. Scheurell verbindet Porträts mit Dokumentationsfotos aus der damaligen Installation RUTH. Darunter ist beispielsweise eine Sequenz, in der Ruth eine Waschmaschine mit Orangen befüllt, hinzu kommen Monologe, inhaltlich absurd, beängstigend, dann wieder komisch, rührend, traurig – die ganze Palette von Gefühlen, hineingepresst in ein paar Sätze, die wie von selbst aus Ruth herauskommen. Es gibt keinen Verstand mehr, der dirigiert.
All das ist von Scheurell festgehalten und dokumentiert. Wobei die Krankheit selbst nicht Inhalt der Dokumentation sein soll. «Ich habe mir nie direkt zur Krankheit Gedanken gemacht. Wichtig war mir Omas individuelles Ich und ihre absurden Realitätssprünge, diese Verschiebung und Überlagerung der Welten. Und eben ihr besonderer Charakter», sagt die Fotografin.
Womit man bei der moralischen Frage wäre: Ist es in Ordnung, eine demente Person derart abzubilden? Sie zu verkleiden, zu bemalen, ihr Verhalten zu filmen, sie als Objekt der Kunst zu zeigen, als Kunst-Werk? Um derlei Fragen drehen sich die differenzierten Begleittexte des Bildbands: Beschreibungen des Werkes, Erklärungen zur Krankheit, ein Interview mit der Künstlerin, Einblicke aus kunsthistorischer, medizinischer und persönlicher Perspektive.
Es geht um Wertschätzung
Ruth wird so nicht zum «Objekt» degradiert, im Gegenteil: Scheurells Porträt ihrer Grossmutter wird zur Hommage an deren Charakter und Persönlichkeit. Es bringt Eigenschaften und Erlebnisse von Ruth zum Vorschein, die nicht erst mit der Krankheit entstanden sind, sondern weit vorher.
Mit dem Projekt erfüllt sich ein Traum, der Ruth zeitlebens versagt war: Schauspielerin zu sein. Etwas darzustellen und sichtbar zu machen. Sich zu verkleiden, Dinge überzuziehen, zu überzeichnen, zu provozieren. Um zum Nachdenken anzuregen. Um gesehen zu werden. Um zu bewegen. All das geschieht beim Betrachten von RUTH.
Stefanie Scheurell: RUTH, 45 Euro, zu beziehen bei der Künstlerin: stefanie.scheurell@gmail.com
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
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