Am Dienstag las Berthold Seliger aus Geschäft mit der Musik, seiner Streitschrift für eine andere Musikkultur. Es gibt jedoch Alternativen, weiss David Nägeli. Trotz dystopischen Berichten aus der Kulturbranche.
Der US-Singer-Songwriter Bonnie «Prince» Billy, der von Berthold Seliger betreut wird, veröffentlichte sein Self-Titled-Album letztes Jahr ein wenig anders. Wobei «veröffentlichen» vielleicht nicht der treffende Ausdruck ist: Er brachte das Album den Plattenläden in Kentucky persönlich vorbei – auf Vinyl, Kassetten und CDs. Keine Promo, keine Vorankünding. Auch wenn Seliger die damit verbundenen hohen Aufwände für Musikliebhaber, die das Album erwerben wollen, «ein bisschen ankotzen», schätzt er es: «Der Künstler hat das Recht an seinem Werk. Wenn er das so machen möchte…. Und es ist natürlich eins in die Fresse der Musikindustrie. Und das ist auch gut so», sagt er gegenüber dem Musikexpress. Hübsche Worte.
Seliger hat am Dienstag im Palace in St. Gallen aus seiner im September erschienenen Streitschrift «Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht» gelesen. Oder eher: gewettert. Denn Grund zum Wettern gibt es genug – gerade für einen Menschen, der 25 Jahre lang eine eigene Konzertagentur betrieben und erlebt hat, wie der Neoliberalismus die Kultur in die Krise trägt. Beispiele dafür gibt’s hier. Das Publikum im Palace nahm diese oft kopfschüttelnd zur Kenntnis – oder auch mit einem Lachen, angesichts der absurden Vorgänge in der Branche.
Dabei ist Seliger kein Kulturpessimist, wie er im Palace erwähnte.Sowohl Buch als auch Lesung bieten Ansätze, die der Machtlosigkeit gegenüber den dominierenden Kulturkonzernen (zumindest leichten) Widerstand bieten:
Das Ticketing In der Schweiz dominieren Starticket und Ticketcorner das Ticket-Geschäft. Im letzten Jahr übernahm der Medienkonzern Tamedia (20 Minuten, Tages-Anzeiger) die Aktienmehrheit bei Starticket. Das Konkurrenzunternehmen Ticketcorner gehört Ringier (Blick, Schweizer Illustrierte) und dem internationalen Ticket-Giganten CTS Eventim. Die Dominanz der Konzerne und die damit verbundenen Gebühren sorgen für bis zu 25 Prozent Aufpreis – zum Beispiel durch Print-at-home-Gebühren oder horrende Versandkosten.
Auch die sogenannten 360-Grad-Deals sind in der Schweiz angekommen: Blick berichtet über den Mundart-Rocker Gölä, Sat.1 Schweiz (Ringier besitzt 40 Prozent des Senders) und die Schweizer Illustrierte ebenfalls. Die Ringier-Konzertagentur Good News veranstaltet Live-Auftritte, die Tickets werden über Ticketcorner verkauft und die «Energy»-Radios (ebenfalls Ringier) spielen Gölä-Songs. Von Unabhängigkeit irgendeiner Instanz in der Wertschöpfungskette kann man wohl nur noch träumen – auch wenn die Ringier-Chefs anderes predigen.
Kleine, alternative Veranstalter könnten jedoch andere Wege beim Ticketing gehen.
Die Konzertveranstalter Unabhängige Tickethändler muss man erst einmal suchen. Petzi, der Schweizer Dachverband der nicht gewinnorientierten Musikclubs, bietet eine eigene Ticket-Lösung an: Petzitickets. Doch viele nichtkommerzielle Musikclubs der Schweiz sind (noch?) nicht bei Petzitickets. Antwort auf die Frage aus dem Publikum, an wen das Palace sein Ticket-Geschäft delegiert: Starticket. Seit der Tamedia-Übernahme werde das aber «wieder vermehrt diskutiert». Petzitickets besitzt allerdings auch noch keine Vorverkaufsstelle in St. Gallen – die nächste liegt in Zürich. Doch wenn Reservationen für die Abendkasse und der Online-Kauf via Petzitickets möglich ist; braucht es den Tamedia-Ticketing-Arm überhaupt noch?
Seliger, der «Lokale wie das Palace schätzt», erhofft sich von den Veranstaltern zwei Dinge, die zu einer lebhafteren Kultur beitragen: Diversität im Programm und mehr Liebhaber und Musik-Freaks in der Branche. Wenn nicht in den grossen Plattenfirmen, dann wenigstens bei den kleineren, alternativen Konzertveranstaltern. Und er betont, dass durchaus Spielraum bei den Verhandlungen mit Ticketagenturen bestehen kann, seien es nun grosse oder kleine Namen.
Vielleicht kann man im Dialog mit Petzi und lokalen Geschäften in St.Gallen eine Vorverkaufsstelle finden? Potential an bereitwilligen und passenden Verkaufsorten besteht sicherlich genug.
Die Konsumenten Die Konsumenten sind unkritisch: «Warum sollte man absichtlich anders sein, wenn man völlig ungestraft konsumieren kann?», fragt Dylan Jones in seinem Buch iPod also bin ich: Soundtrack zum Leben – und spricht damit wohl für eine Generation mit Weichspülmusik im Ohr. «Wenn früher ein grosser Künstler plötzlich auf unzähligen Werbeplakaten für ein Produkt zu sehen war», sagt Seliger, «war das für viele Fans ein Abturner».
Heute tut das wohl niemandem mehr weh. Ebensowenig die Bandshirts, die des öfteren unter menschenverachtenden Bedingungen produziert werden. Solange der Name darauf zu lesen ist, schlüpft Fan fröhlich hinein. Darf Fan Künstlern denn keine Ansprüche stellen?
Die Künstler Selbst wenn Saiten den «Shizo-Rock» in der Lokremise thematisiert, bleiben die Künstler aussen vor. Die Frage, wie authentisch eine Rock(!)-Band ist, die für eine Standortförderungskampagne der Stadt St.Gallen in die Saiten schlägt (zugegeben: hervorragend), wurde nicht gestellt. Man stelle sich vor, die Fans der Young Gods hätten der Band eine Welle an aufgebrachten Nachrichten zukommen lassen. Doch wer tut das?
Schlussendlich, so Seliger, liege die grösste Macht im Kampf gegen die Kommerzialisierung der Kultur bei den Künstlern selbst. Er führt das Beispiel Calexico auf: Spielt die Bands an Festivals, werden jegliche Werbematerialien auf und neben der Bühne entfernt. Darf man das als treuer Fan von seiner Band erwarten? Kampf, oder zumindest Widerstand, gegen totalen Ausverkauf?
Leider sind erst grosse Künstler wie Kid Rock (der dies sympathisch ausnutzt) in einer Position, Forderungen an die Ticket- und Konzertindustrie zu stellen. Und das Loblied des Kulturkommerzes singen auch junge Bands, die es als künstlerische Anerkennung verstehen, wenn der eigene Song zur Auto- oder Detailhandelswerbung über den TV-Bildschirm flimmert.
Seien wir doch ehrlich, diese 30 Sekunden Ruhm demonstrieren nur, was Kulturkonzerne und ihre Produktmanager in der Musik sehen (wollen): ein verkaufbares, möglichst marktkonformes Produkt.
Gute Kunst war jedoch noch selten marktkonform.
Bild: Dani Fels.
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