Eine Menschentraube wartet gespannt vor dem Bahnhofsgebäude Trogen. Namen auf der Anmeldeliste werden abgehakt. «Auf den Spuren von Sophie», eine szenische Führung durch Trogen beginnt gleich. «Sophie Taeuber-Arp ist bestimmt nur eine berühmte Künstlerin geworden, weil sie hier in unserem wunderschönen Trogen unter besten Bedingungen aufgewachsen ist», ruft Otto Hohl augenzwinkernd und lacht. «Bei uns herrscht Aufbruchstimmung, wir haben die Kanti mit einer internationalen Ausstrahlung, die Textilindustrie schafft Arbeit und Wohlstand. Und nun haben wir auch ein elektrisches Strassenbähnli!», ruft Hohl stolz in die Menschenmenge.
Natürlich ist es ist nicht Otto Hohl, der vor der Wartehalle spricht – der ist schon lange tot. Es ist Cornelia Buder, verkleidet mit imposantem Zylinder und einem tiefschwarzen Frack. Mit Charlotte Kehl zusammen hat sie die fiktiven Dialoge der Führung erarbeitet. Otto Hohl existierte tatsächlich, er war 1903, als «s’Trognerbähnli», die elektrische Strassenbahn St.Gallen-Speicher-Trogen Eröffnung feierte, Gemeindehauptmann Trogens und Kommissionspräsident des Eisenbahnkommitees welches für den Bau der Bahn verantwortlich war.
Mit Zeitgenoss:innen auf Spurensuche
In «Auf den Spuren von Sophie» lassen die beiden Theaterpädagoginnen Buder und Kehl reale und erfundene Zeitgenoss:innen zum Leben erwachen. Herr Bruderer, damaliger Hauswart der Kanti, spricht voller Ehrfurcht und Stolz von der Geschichte des Gymnasiums, Hedi eine Weberin schimpft verzweifelt über die prekären Zustände der Arbeiter:innen, ein Büttel spottet vor dem Rathaus über Hedis laute Gedanken, Frauen an der Versammlung mit abstimmen zu lassen. Szenen wie diese helfen Taeubers damaliges Umfeld zu rekonstruieren und den Zeitgeist im Luftkur- und Wintersportort Trogen wiederzugeben.
Mit Momenten zum Schmunzeln aber auch zum Nachdenken lenken Buder und Kehl die Spurensuche an sieben Orte im Dorfkern: an den Landsgemeindeplatz mit seinen Steinpalästen, zum Fünfeckpalast und in den «Boulevard du Sud», wie die Altstätterstrasse von ihren Anwohner:innen genannt wurde. Wo ab 1901 auch die «Villa Taeuber» stand und Sophie lebte.
Umzug nach Trogen
Am 19. Januar 1889 wurde Sophie Henriette Gertrud Taeuber als letztes von fünf Kindern in Davos geboren. Nach dem Tod ihres an Tuberkulose erkrankten Vaters zog die Mutter Sophie Taeuber-Krüsi mit ihren Kindern um 1895 nach Trogen.
Die «Villa Taeuber» an der Altstätterstrasse 3 in Trogen.
Briefwechsel und Tagebucheinträge stellen die Mutter als wichtige Schlüsselfigur und Wegbereiterin von Sophie Taeuber-Arp dar. Sie malte, fotografierte, schnitzte, zeichnete – nebst der Arbeit rund ums Haus und die Familie und erzog ihre Kinder zu Weltoffenheit und Toleranz. Die «Villa Taeuber», ein Holzhaus im Schweizerstil, wurde nach den Entwürfen von Sophies Mutter gebaut. Als 1908 ihre Mutter starb, verabschiedete sich Sophie von Trogen als Lebensort. Sie zog nach St.Gallen und schloss dort ihre Ausbildung an der Stauffacher-Zeichnungsschule ab, in jenem Gebäude, in dem sich heute das Textilmuseum befindet.
Pionierin der Kunst
Nach Abschluss der Ausbildung zur Textilentwerferin studierte sie Kunst und Gestaltung an der Debschitz-Schule in München und Hamburg. 1914 zog sie nach Zürich, wo sie als Kunsthandwerkerin arbeitete und eine Tanzausbildung bei Rudolf von Laban absolvierte. Ihr Aufenthalt in der Künstlerkolonie Monte Verità oberhalb von Ascona und weitere bekannte Stationen folgten: Sie leitete die Textilklasse an der Kunstgewerbeschule Zürich, ab 1916 trat sie als Ausdrucktänzerin im Cabaret Voltaire auf, 1918 entstand der erste ihrer berühmten Dada-Köpfe, 1922 heiratete sie Hans Arp. Zu lange ist die Liste ihrer bedeutenden Momente, um hier alles aufzuzählen.
Leider wurde die Arbeit Sophie Taeuber-Arps, einer der bedeutendsten Künstler:innen des 20. Jahrhunderts, erst nach ihrem Tod von der Kunstwelt entdeckt und gewürdigt. Sie prägte die Entwicklung der Moderne massgeblich und liess kaum eine Kunstsparte aus, um sich auszudrücken. Malerei, Tanz, Architektur, Verlagswesen – Sophie Taeuber Arp war Vertreterin der konkreten Kunst, war Dadaistin der ersten Stunde und ihr Werk interdisziplinär.
Ein ganzes Jahr Sophie
Sophie-Taeuber-Arp-Jahr
«Ein Fest für Sophie»: Apéro und Aktionen, 3. Juni, 16 Uhr, Landsgemeindeplatz Trogen
Spazieren mit Sophie: 6. Juni, 13:30 Uhr, ab Bahnhof Trogen
«Auf den Spuren von Sophie»: Szenische Führung, Bahnhof Trogen 10. Juni, 14 Uhr 17. August, 19 Uhr 17. September, 14 Uhr
«Aus Briefen von Sophie»: Lesung, 7. September, 19 Uhr, Gemeindehaus Trogen
«Die letzte Nacht von Sophie»: Szenische Lesung, 16. November, 19 Uhr, Rösslisaal Trogen
Infos und Anmeldung: sophie-taeuber-arp.ch
Dieser Künstlerin zu Ehren hat die IG Sophie Taeuber, die sich aus Charlotte Kehl, Dieter Bürgi, Sämi Eugster und Heidi Eisenhut zusammensetzt, mit vielen Mitwirkenden ein Programm nach dem Konzept von Heidi Eisenhut, Gabriela Falkner und Kristin Haefele umgesetzt. Unter anderem einen signalisierten Wanderweg, der mit ausgewählten Fotografien, die aus den Alben von Sophie Taeubers Mutter stammten und per QR-Codes abrufbar sind, in 14 Stationen die Umgebung rund um die «Villa Taeuber» näherbringt.
Eine Lesung mit Medea Hoch und Walburga Krupp, in welcher briefliche Korrespondenzen Taeuber-Arps mit nächsten Bezugspersonen im Fokus stehen, thematisiert bisher unbekannte Aspekte im Leben der Künstlerin. Unbeschwerten Spass und Geselligkeit für Gross und Klein bietet «Ein Fest für Sophie» am 3. Juni, welches ganz im Zeichen der Aufbruchstimmung Trogens zur vorletzten Jahrhundertwende steht.
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