, 3. Juli 2017
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Bald sind auch die Teenies tot

Das 41. Openair St.Gallen ist Geschichte. In einer Kategorie steht es im Kampf des Openairs vs. die antiken Philosophen damit 41:0.

Wenn man am Sonntagmittag den Blick auf die Bildschirme neben der Hauptbühne richtete, dann konnte man sie sehen, die glücklichen Teenager. Jedes Wort von Nemo rappten und sangen sie mit und strahlten dabei weit übers Grün hinter den Ohren.

Und wenn man sich das ansah, dachte man vielleicht, dass man natürlich zum alten Eisen gehört, zur Generation jener, die kürzlich im «Tagesanzeiger» gelesen haben, die Gitarre habe ihren Zenit überschritten und Hersteller schrieben rote Zahlen, zur Generation jener, die den guten alten Gitarrensoli von Jahr zu Jahr ein wenig nostalgischer nachtrauern, die sich letztes Jahr kindlich über die Bekanntgabe des Radiohead-Bookings gefreut und nach dem Konzert gemeinsam mit den versammelten Medien der Schweiz und den anderen alten Eisenresten am Openair energisch über dieses Konzert diskutiert haben.

Liebs Openair

Man muss dem Openair lassen, dass es in einer Beziehung schon immer besser als jeder antike Philosoph war. Nichts erklärt einem das Konzept des Altwerdens verständlicher. Es ist quasi ein jährlicher Arztbesuch. Und so wie der Grossvater in einem Jahr merkt, dass ihn den Gehstock jetzt auch auf dem Spaziergang ins Dorf begleitet und im nächsten, dass er nach der zweiten Treppe zu seiner Wohnung im dritten Stock eine kurze Verschnaufpause einlegt, bevor er die dritte Treppe in Angriff nimmt, so stellt man plötzlich fest, dass man eigentlich doch nicht nur unglücklich ist, nur am Samstag und Sonntag im Tobel sein zu können und auch nicht betrübt, wenn man gar keinen Sonnenaufgang im Stars and Stripes versoffen hat.

Man gehört zur selben Generation wie mein anonymer Freund, der am Sonntag folgenden offenen Brief ans Openair geschrieben hat:

Liebs Openair.

Es isch wieder intensiv, bsoffe, luut, luschtig – und vor allem zerstörerisch gsi. Zwüschet Double Cheeseburger 1 und 2 überdänk ich gad üsi Beziehig. Ich glaub: üsi Ziit isch abgloffe. D’Welt vom Schmerz und dä Übelkeit laht sich nümm ufwiege mit Jennifer Lopez und Schügazelt am morge am 7i. Es isch irgendwie nümm mini Welt. Mir sind gmeinsam älter, fetter und allgemein desinteressierter worde. Hüt morge hät mer nur na d’Einsamkeit am Sittere-Ufer Troscht gspendet, nachdem i erniedrigend an Waldrand erbroche ha. Es isch ä Zäsur im Läbe. Aber sie isch überfällig. Openair – du kannst mich mal. Ich has gseh. So long.

Zu einer in Ausdünnung begriffenen Generation also. Das Openair ist eine Metapher für den Spätherbst des Lebens. Die Freunde sterben weg. Oder wie Greis es sagen würde, wenn er an Nemos statt auf der Bühne stünde: «I bin ä Dinosaurier».

Aber das Openair verpasst es eben auch nicht, einem vor Augen zu führen, dass man durchaus gut altern kann. Beth Ditto war mit ihrer Band ein grossartiges Vergnügen. Sie sei eine Adele für die Armen, rief sie, und lieferte witzig und stimmgewaltig eine richtig, richtig gute Show. Und natürlich die Beginner: Genauso frisch, sympathisch und hungrig wie damals: vor Urzeiten.

Bastille, Alt-J und Trentemøller lieferten allesamt solide ab, was erwartet werden durfte. Ihre Auftritte reihten sich aber ein in die vielen Konzerte, die dazu führten, dass Oli am Sonntag bei Biffy Clyro – Gitarrenmusik! – sagte: «Man ist schon fast erstaunt über die exzessive Interaktion mit dem Publikum, wenn Simon Neil mal kurz Hallo sagt.» Lorde am Sonntag: ganz jung, ganz bezaubernd!

Müffelige Stiefel

Regen und Schlamm über vier Tage, natürlich. Aber mit Gummistiefeln geht’s wirklich problemlos. Alt und bewährt, wie die Beginner. Vielleicht schon ein bisschen müffelig, wie die Toten Hosen. Aber wasserdicht sind auch die noch.

Man kann wissen, dass man es nicht allen recht machen kann, und doch finden: Aber wenigstens mir könnten sie es recht machen. Man kann aber auch in die Gesichter der glücklichen Jungen am Nemokonzert schauen, auf die gitarrenfreie Bühne, und denken: Anscheinend macht das Openair immer noch vieles richtig. Als wir so jung waren, hat es uns ebenso jung und glücklich gemacht.

Vielleicht fühlt man sich am Openair selber wieder jung und glücklich. Und falls nicht, kann man beim Anblick der jungen Gesichter immer auch denken: Bald sind auch die alt und verbraucht und zynisch und tot.

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