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Banane mit WLAN trifft Überwachungsgurke

30 Jahre Fichen – und zufällig auch: 30 Jahre World Wide Web. Was die Datenströme mit uns machen und wie es um Privatsphäre und Anonymität im «Zeitalter des Überwachungskapitalismus» steht, erkundet eine Ausstellung in der Propstei St.Peterzell.
Von  Peter Surber
Bilder: Johannes Stieger

Am 22. September schon was vor? Falls nicht, lohnt sich die Tour ins hinterste Neckertal, Postauto bis St.Peterzell und dann die Treppen hoch in den Dachstock der Propstei. Dort im Zentrum der Ausstellung «Luxus Privatsphäre – Mythos Anonymität» hängen farbige Tücher, sie baumeln auch von den Balken herab und verbergen irgendetwas. Was, das wird Künstlerin Lika Nüssli erst an jenem Sonntag zur Finissage der Ausstellung enthüllen.

Bis dahin hat die Fantasie freie Bahn. Unangenehmes, Unerwünschtes, Unbewältigtes – oder banal Alltägliches, was da unter der Decke gehalten wird? Lika Nüssli nutzt den «Luxus Privatsphäre» für die Dauer der Ausstellung für ihre Tücherlandschaft mit dem Titel New Ghosts. Und vertraut darauf, dass nicht nur Kinder besonders das juckt, was verboten oder versteckt ist.

Dass es mit der Privatsphäre sonst nicht (mehr) allzu weit her ist, thematisiert die Ausstellung schon beim Treppenaufgang. Beni Bischof hat zwei Überwachungskameras montiert, aber jeweils das Kameraauge verklebt. Die kleine Kaugummi-Rebellion wirkt ihrerseits kindlich – in Wahrheit ist Videoüberwachung inzwischen so allgegenwärtig, dass die wenigsten Besucher die Kameras überhaupt noch zur Kenntnis nehmen. Dafür können sie, in der technologisch ambitioniertesten Arbeit der Ausstellung, mit den «digitalen Assistentinnen» von Alexiety interagieren. Die !Mediengruppe Bitnik hat die Installation geschaffen, Bildschirmbild und Musik reagieren, wenn man Alexa oder Google Home anspricht – zumindest wenn rundherum einigermassen Ruhe herrscht.

Im Retro-Land

Dass es uns gar nicht mehr unbedingt braucht, ist die unbequeme Pointe von Alexiety: Die Geräte kommunizieren auch selbständig untereinander. Was wiederum nur die halbe Wahrheit ist. Denn andrerseits wird das analoge Hier-und-Jetzt offenbar im Gegenteil umso wichtiger, je digitaler die Gesellschaft organisiert ist.

Luxus Privatsphäre – Mythos Anonymität: bis 22. September, Propstei St.Peterzell, Mittwoch und Samstag 14 bis 17 Uhr, Sonntag 10 bis 17 Uhr

ereignisse-propstei.ch

Das Format «Ausstellung» und das viel gescholtene Unterformat «Vernissage» sind selber der lebendige Beweis dafür: Man trifft sich, man redet (nicht mit Siri, sondern leibhaftig mit X und Y), man trinkt, man diskutiert, man setzt sich auf eine der drei hölzernen Couches und vertieft sich. In ein Hörstück von Jessica Jurassica, in Julia Kubiks Schilderung eines heissen Sommertags in St.Peterzell oder in Felix Kellers Broschüre zu Aspekten des «Mythos Anonymität».

Oder, besonders begehrt: Man macht es sich auf dem improvisierten Matratzenlager in einer Ecke des Dachstocks bequem und studiert den beziehungsreichen Fotoroman Artlovers 1 und 2. Herbert Weber und Lika Nüssli, auch privat ein Paar, erzählen darin aus je eigener Perspektive aus ihrem Privatleben. Das Genre des Fotoromans, in Italien als «romanzo a fumetti» einst in Millionenauflagen produziert, wird mit viel Selbstironie neu belebt. Darin zu blättern, hat eine voyeuristische Note – aber den «Luxus Privatsphäre» geben auch Nüssli und Weber nicht ganz preis.

New Ghosts von Lika Nüssli.

In der gegenüberliegenden Ecke nochmal Herbert Weber: Der Fotograf hat Spam-Mails gesammelt und ihre Inhalte beziehungsweise seine Reaktionen darauf szenisch nachgestellt. Und Skippy Summers schreibt ein Gedicht.

Gute Stimmung in Analogia

Auffällig: Alle diese Arbeiten reagieren mit und in analogen Medien auf die digitale Problematik. Und Beni Bischof leistet ihnen dabei virtuos Gesellschaft. Eine ganze Dachstockwand füllt er mit A4-Zeichnungen. Past – Data – Future heisst die ausschweifende Arbeit von 2019.

Ausschnitt aus Past – Data – Future, Beni Bischof 2019.

Mein Lieblingsblatt geht so: Das Wort Internet ist durchgestrichen und ersetzt durch Inter Mailand. Mit einem Federstrich wird die schöne neue Digitalwelt eliminiert – und das ist bloss der Anfang. Datenströme, Festplatten, Bits und Bytes, die Herren Zuckerberg, Page, Brin, Snowden, Orwell oder Bezos: Alles wird durch den gnadenlosen Bischof’schen Bild-und-Wortwitz-Fleischwolf gedreht, mal liebenswürdig, mal schwarzgallig, und kommt unten analog und demütig wieder heraus.

Einmal sieht man, wie «extrem hässliche Daten» aussehen, die Datenkrake schleimt übers Blatt, der «Data Industrial Complex» hüpft als mürrisches Huhn herum, ein paar Blätter weiter verbreitet ein anderer Vogel «gute Stimmung in Analogia». Eine Banane mit WLAN schwebt über der Überwachungsgurke, die Festplatte wird bedroht durch Flüssigsseife oder verbräselt zur Pestflatte. Zwischen anonym und beobachtet fliesst ein Fluss mit Namen «Psychogrenze».

Und endlich wissen wir auch, was die gemeinsame Schnittmenge der Vorteile und Nachteile des Systems ist – Ersatzteile. Ab und zu macht es sich der Zeichner auch zu einfach, dann wird «Gott» durchgestrichen und durch «Google» ersetzt. Aber meistens schürft er tiefer und sorgt dafür, dass unsere Synapsen rattern und flippern.

15. September, 15 Uhr: Ortstermin mit Intervention von Jiajia Zhang und Referat von Felix Keller über anonyme Fotografien

21. September, 14-17 Uhr: Tag der offenen Türen mit Data-Detox-Bar und Workshop zum Thema Gesichtserkennung vom W3rkH0f 9kirch

22. September, 15 Uhr: Finissage mit Enthüllung: Performance von Lika Nüssli mit musikalischer Begleitung von Beat Keller

Die Ausstellung habe sich im Lauf ihres Entstehens eingepegelt auf die Zeit, als das Internet noch jung war, sagt Kuratorin Patricia Holder. Die heutige Big-Data-Problematik kommt entsprechend zu kurz. Und damit auch die Antwort auf die Frage, ob die subtilen Widerstandsstrategien der Bildenden Kunst gegen die digitale Vereinnahmung noch taugen. In der Ausstellung tun sie es jedenfalls. Und vielleicht sieht die Zukunft tatsächlich so aus wie in der Propstei: Die New Ghosts sind wieder aus Fleisch und Blut, aus Papier und Stoff, aus Wörtern und Bildern. Am 22. September wird man sehen, was darunter- und dahintersteckt.

Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

 

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3.

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

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Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

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2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

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2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

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2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

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Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

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Kolumne: Stimmrecht

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Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

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01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

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Bild 08 07 24 um 07 42

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Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

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2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

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B 8

«Open House St.Gallen»

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Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

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Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

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Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
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