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Befreiung, Chaos, Untergang

Die Nerven sind die ambivalenteste Punkband Süddeutschlands. Nächsten Mittwoch machen sie mit ihrem jüngsten Album «Fake» im Palace halt.
Von  Julia Kubik , 
Die Nerven am Release-Day zu Fake. (Bild: Facebook)

Irgendein Juror bei irgendeinem Literaturpreis sagte einst: «Das hier ist ein hochdifferenzierter Text über die Entdifferenzierung.» Es ging dabei zwar nicht um das neuste Album der Nerven, lässt sich aber gut dafür adaptieren. Ebenso das Albumcover von Fake selbst: poröses, pixeliges, dichtes Orange mit Lichteinfall über dem linken oberen Rand. Der Titel steht in der Mitte, schwarz und ebenfalls verpixelt wie ein schlechtes altes Handyfoto.

Es fällt trotz oder wegen seiner Reduktion auf und ist eine ziemlich gute Metapher für den musikalischen Inhalt. Stellenweise unscharf und rauh, danach oder darüber sanft und offen. Insgesamt ein düsterer staubiger Tunnel,
 bei dem an vielen Stellen die Decke kaputt ist und der Himmel durchscheint mit sämtlichen erfreulichen Nebeneffekten wie plötzlicher Wärme oder Lichtstreifen an den Wänden. So bildhaft wie abstrakt, so eingängig wie lärmig.

Das Cover von Fake.

Diffuse Zustände in präzisen Halbsätzen zu beschreiben und die Ambivalenzschere so weit es geht zu öffnen, gehört zur Spitzendisziplin der Nerven. Darum ging es schon auf den Vorgängeralben, aber auf Fake wird es expliziter.
 Die Geschichten werden nicht allein oder ausführlich in den Texten erzählt, sondern in der Gesamtwirkung.

Frei ist so ein Stück: Der Sänger schreit: «Lass alles los,
 gib alles frei, nichts bleibt.» Dann setzt ein groovender Basslauf ein und die Wut
 wird plötzlich geniess- und tanzbar. Es ist kein absehbar wütender Punk, kein zähflüssiger Diskurspop und kein treibender Indierock.

Es ist die hochdifferenzierte Selbstzüchtung eines Mischwesens 
aus all dem, und sein Futter sind Fragen der persönlichen und zeitgeistigen Identität. «Skandinavisches Design und Depressionen / Musik, Mode, Meinung für Millionen / Mein Style wurde mir auf Amazon empfohlen.» Dann eine riesige Noisewucht. Friedlich und leicht wie ein beruhigender Anti-Sinnspruch klingt dagegen die Zeile «Finde Niemals zu dir selbst» im zweiten Stück.

 

Fake erschien im April 2018 bei Glitterhouse Records und ist nach Fluidum, Fun und Out das vierte Studioalbum
des Stuttgarter Trios. Abgesehen davon sind Julian Knoth (Gesang, Bass), Max Rieger (Gesang, Gitarre) und Kevin Kuhn (Schlagzeug) alle auch in anderen Bands tätig oder widmen sich Kooperationen,
wie 2016 dem Live-Soundtrack zum Theaterstück Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 an der Berliner Schaubühne.

Die Nerven und Asbest:
31. Oktober, 20 Uhr, Palace St.Gallen
palace.sg

Und bei aller Metaphern-
 und Zitiertauglichkeit sind die Nerven in erster Linie eine grandiose Liveband.
 Eine, die sich konstant weigert, einen gefestigten Stil zu fahren, solange es noch so viel zu entdecken und entwickeln gibt.
 Auf der Bühne verwandelt sich diese Suche für die jeweilige Set-Zeit in direkte Energie. Im Palace macht den Auftakt
des Abends die wütendste Band vom Rheinknie: das Trio Asbest.

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

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Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

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Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
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Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
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Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
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Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights